Ukrainekrieg
Sie weint nur noch vor Glück: Eine ukrainische Zahnärztin ist vor 241 Tagen mit ihren Kindern nach Frauenfeld geflüchtet – und heute zufrieden

Seit Ende Februar lebt Evelina Kornuta mit ihren Kindern bei der Frauenfelder Chrischona-Gemeinde. Mittlerweile ist die Familie auch mit ihrem Ehemann und Vater vereint. Die 41-Jährige hat erstaunlich schnell Deutsch gelernt und arbeitet nun in einem 50-Prozent-Pensum in einer Zahnarztpraxis.

Mathias Frei
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Evelina Kornuta auf dem Areal der Chrischona-Gemeinde Frauenfeld.

Evelina Kornuta auf dem Areal der Chrischona-Gemeinde Frauenfeld.

Bild: Arthur Gamsa

Bei den Obstbäumen zwitschert es, Evelina Kornuta strahlt. Sie kann wieder strahlen. Eine wundersame Wandlung. Den Rotmilanen schaue sie gerne zu, wie sie in der Luft kreisen, erzählt sie. Ein Montagabend war es, der 28. Februar, als sie nach Frauenfeld kam. Evelina Kornuta mit ihrer Tochter Alexandra, die heute fast 18 ist, und ihrem 13-jährigen Sohn Maxim. Kornutas Ehemann hatte seine Liebsten weggeschickt, weg vom Krieg in der Ukraine. Jetzt kann die 41-Jährige wieder lachen:

«Ich verstehe sogar Schweizerdeutsch.»

Seit 241 Tagen lebt Evelina Kornuta mit ihren Kindern in einer Liegenschaft der Frauenfelder Chrischona-Gemeinde. Vor drei Monaten durfte ihr Mann Ivan aus dem Kriegsgebiet ausreisen. Er habe die Bewilligung dafür erhalten, erzählt Kornuta. «Ich bin glücklich, dass er jetzt bei uns ist. Die Kinder haben ihn gebraucht, ich auch.»

3. März 2022: die ukrainischen Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern in Frauenfeld, hinten links stehend Evelina Kornuta.

3. März 2022: die ukrainischen Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern in Frauenfeld, hinten links stehend Evelina Kornuta.

Bild: Ralph Ribi

Zwei Tage und Nächte dauerte die Flucht

Zu zwölf waren an jenem 28. Februar ukrainische Flüchtlinge in Frauenfeld angekommen. Paul Bruderer, leitender Pastor der Chrischona Frauenfeld, hatte für die Ankömmlinge alle Hebel in Bewegung gesetzt. Innert Kürze war ein Daheim eingerichtet an der Neuhauserstrasse. Für fünf Mütter mit ihren sieben Kindern aus der Westukraine. Zwei Tage und Nächte hatte die beschwerliche Reise gedauert. Das Daheim und viele lieben Menschen zurückgelassen, ungewiss, wann man sie wieder sehen sollte.

Von hier kamen die ukrainischen Flüchtlinge zur Chrischona Frauenfeld

Heute sind Evelina Kornuta und ihre Kinder die letzten, die noch bei der Chrischona-Gemeinde wohnen. Pastor Bruderer sagt, sie könnten so lange bleiben, wie sie wollten. Die anderen: in die Ukraine zurückgekehrt oder in der Schweiz umgezogen. Kornuta sagt:

«Ich weine eigentlich wenig – mittlerweile aber vor allem vor Glück.»

Der Glaube gebe ihr unglaublich viel Kraft. Sie spreche täglich mit Gott. Das gibt ihr Halt im Leben. Sie wolle irgendwann wieder nach Hause in die Ukraine, sagt sie. Aber auch: «Ich habe in Frauenfeld echte Freunde und Freude gefunden.» Ein zweites Daheim. Doch vor allem haben sich Evelina Kornuta und ihre Kinder hier erstaunlich schnell integriert. Im März war sofort auf privater Basis ein Deutschkurs organisiert. Mittlerweile besucht Kornuta nachmittags einen Deutschkurs der Stadt Frauenfeld.

Heute übersetzt sie für ihre Landsleute

Paul Bruderer, leitender Pastor der Chrischona-Gemeinde Frauenfeld.

Paul Bruderer, leitender Pastor der Chrischona-Gemeinde Frauenfeld.

Bild: Ralph Ribi

Für den Krieg und das, was in der Ukraine passiert, fehlen vor allem Direktbetroffenen oft die Worte. Kornuta fehlen auch noch ab und zu Wörter auf Deutsch.

«Wie sagt man das richtig?»

Das fragt sie immer wieder. Sie will, dass man sie korrigiert. Nun so lernt sie noch besser Deutsch. Sie hätte nie gedacht, dass sie irgendwann so gut Deutsch sprechen würde, wie sie es nun tut. Anfangs brauchten die Flüchtlinge, die bei der Chrischona zu Gast waren, eine Übersetzerin. Heute übersetzt Kornuta für Landsleute, die wie sie in die Schweiz geflüchtet sind.

Nicht erstaunlich, dass Kornuta auch eine Arbeit gefunden hat in Frauenfeld. Freunde aus der Chrischona hätten ihr geholfen. Seit über einem Monat arbeitet sie nun halbtags bei einem Zahnarzt an der Ringstrasse als Praxisassistentin. Evelina Kornuta war in der Ukraine Zahnärztin, führte eine eigene Praxis. Um in dieser Funktion in der Schweiz arbeiten zu können, muss sie noch besser Deutsch sprechen können. Das weiss sie. Aber vor allem fehlt die Anerkennung verschiedener Diplome. Trotzdem: Das Gefühl, wieder eigenes Geld verdienen und damit das Auskommen bestreiten zu können, sei ein schönes.

Tochter geht in die Kanti, Sohn besucht Sek Reutenen

Evelina Kornutas Tage sind voll. Arbeiten, Sprachkurs, abends Treffen in der Chrischona-Gemeinde. Und sie ist ja auch noch Mutter. Mit ihrer Tochter war sie auch schon im Outdoor-Fitnesspark in der Kleinen Allmend. Da sei sie nudelfertig abends ins Bett gesunken. Ihr Sohn spielt gern Basketball. Auch da war sie schon dabei. Sie sagt:

«Ich bin froh, dass meine Kinder so selbstständig sind.»

Die Tochter besucht die Kanti, der Sohn geht in der Sek Reutenen zur Schule. Beide hätten Anschluss gefunden und würden immer besser Deutsch sprechen. Mittlerweile leben auch zwei Neffen von Evelina Kornuta in Frauenfeld. Der eine kann bei einem Automechaniker arbeiten, der andere ist Informatiker und arbeitet bei einem hiesigen Unternehmen.

13. März 2022: die ukrainischen Flüchtlingsfrauen (rechts Evelina Kornuta) haben für die Chrischona-Gottesdienstbesucher gekocht.

13. März 2022: die ukrainischen Flüchtlingsfrauen (rechts Evelina Kornuta) haben für die Chrischona-Gottesdienstbesucher gekocht.

Bild: Michel Canonica

Bei ihrer Schwester in Lemberg schlugen Raketen ein

Evelina Kornuta lebt mit ihrer Familie gratis im Haus der Chrischona. Deshalb ist die 41-Jährige froh, dass sie sich in der Gemeinde verschiedentlich nützlich machen kann. Was sie bekommen hat, war bedingungslos, jetzt hilft sie bedingungslos. Gott gebe ihr die Kraft, keine Angst haben zu müssen, sagt sie. Nur dankbar wolle sie sein. Dankbar, dass es ihren Liebsten in der Schweiz und in der Ukraine gut geht. Sie erzählt:

«Meine Schwester ist wieder nach Lemberg zurückgekehrt. Zehn Kilometer von ihr entfernt schlugen auch schon Raketen ein.»

Kornuta hat das Gottvertrauen, dass alles so komme, wie es kommen müsse. Ohne den Krieg hätte sie diese unglaublich wunderbaren Menschen in Frauenfeld nie kennen gelernt, sagt sie – und strahlt.