Landwirtschaft
«Wir wollen das Optimum, nicht das Maximum»: Der Frauenfelder Biolandwirt Andreas Elliker ist Präsident der IG Neue Schweizer Kuh

Die Grössten müssen nicht die Besten sein. Die IG Neue Schweizer Kuh setzt auf ein mittelgrosses Tier, das unkompliziert und robust ist. Deshalb ist es wirtschaftlich am nachhaltigsten. Die vom Frauenfelder Biolandwirt Andreas Elliker präsidierte Organisation vermittelt Betrieben die entsprechende Genetik.

Mathias Frei
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Präsident der IG Neue Schweizer Kuh: Biolandwirt Andreas Elliker in seinem Stall.

Präsident der IG Neue Schweizer Kuh: Biolandwirt Andreas Elliker in seinem Stall.

Bild: Ralph Ribi

Das Videospiel Fifa und Milchkühe: Das passt zusammen. Biolandwirt Andreas Elliker ist bekanntlich ein grosser Fussballfan, der auch selber gerne auf dem Platz steht. Beim Videospiel Fifa gibt es sogenannte Player-Ratings. Bei der Interessengemeinschaft (IG) Neue Schweizer Kuh gibt es gewissermassen Cow-Ratings. Wobei es vielmehr um die Werte der Zuchtstiere geht. Elliker, der nebenamtlich als Frauenfelder Stadtrat wirkt, hat die IG vor sieben Jahren mitgegründet. Mittlerweile präsidiert er seit einem Jahr die Organisation, der aktuell 57 Mitglieder aus der ganzen Deutschschweiz angehören. Geschäftsführer der IG ist mit Michael Schwarzenberger ein ausgewiesener Fachmann für Milchwirtschaft, der auch Arenenberg den Fachbereich Milchproduktion leitet.

Elliker führt einen graslandbasierten Bio-Milchwirtschaftsbetrieb. 60 Milchkühe der Rasse Brown Swiss stehen in seinem Stall, dazu aktuell zwei Jungstiere und jährlich 60 bis 70 Kälber. Schon sein Grossvater setzte auf diese Rasse. Brown-Swiss-Kühe sind nicht die grössten. Elliker sagt:

«145 Zentimeter Grösse reichen, um Milch zu geben.»

So sieht es auch die von ihm mitgegründete IG. Ziel ist eine mittelgrosse Kuh, die robust ist, entsprechend auch möglichst wenig Antibiotika braucht. Das Eigenfutter von der Wiese setzt sie effizient um in Milchmenge und Milchgehalt. Weil sie wenig Probleme hat mit dem Euter, den Klauen oder der Fruchtbarkeit, ist sie wirtschaftlicher und auch in Herden unkompliziert zu halten.

Die erste Zuchtwertschätzung in Franken

Auf dem Weg zur Neuen Schweizer Kuh braucht es eine neue Auswahl und Gewichtung der für die Zucht relevanten Merkmale. Die IG hat deshalb in Zusammenarbeit mit IP Suisse und der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) in Zollikofen den «Swiss Index monetär» (SWI) entwickelt. Dafür flossen Rohdaten von 37 graslandbasierten Milchwirtschaftsbetrieben ein. So sei der erste monetäre Zuchtwert entstanden, der den wirtschaftlichen Mehrwert der passenden Genetik in Franken pro Jahr aufzeigt. Ein Stier mit einem Index von 600 (also 600 Franken) generiert bei seinen weiblichen Nachkommen einen jährlichen Mehrwert von 300 Franken. Die ISET-Zuchtwertschätzung beispielsweise operiert mit Punkten, die nicht eins zu eins ummünzbar sind auf einen monetären Mehrwert. (ma)

swiss-cow-index.ch

Rivella, Kalinka und alle anderen

Elliker hat einen Stallschnitt von 7200 Kilogramm Milch pro Jahr und Tier, dies bei einem Fettgehalt von 4,0 Prozent und 3,5 Prozent Eiweiss. Er hat überdurchschnittlich viele Erstmelkkühle, weil er nach dem Stallbrand vor drei Jahren seinen Bestand verkleinerte und mit eigener Nachzucht wieder aufgestockt hat. Ganz klar, für Elliker müssen seine Kühe Leistung bringen. Sie sind Nutztiere. Aber er sagt auch:

«Wir wollen das Optimum, nicht das Maximum.»

Elliker hat seine Tiere gern. Selbstverständlich ist für ihn, dass er von jeder Kuh den Namen kennt: Rivella, Kalinka und wie sie alle heissen. Ihm ist bewusst, dass eine glückliche Kuh eine gesunde Kuh ist, die ihm entsprechend wenig Aufwand bereitet, dafür aber auch langlebig ist. Dass sich die von IG propagierte Neue Schweizer Kuh langfristig und nachhaltig bezahlt macht, spricht sich unter den Landwirtinnen und Landwirten herum. Pro Monat holen sich bis zu 400 Personen eine Stierenempfehlung auf der Website der IG ab.

Eine glückliche Kuh aus Ellikers Stall.

Eine glückliche Kuh aus Ellikers Stall.

Bild: Ralph Ribi

Je grösser, desto «störungsanfälliger»

Die Anforderungen an die empfohlenen Zuchtstiere sind hoch. Mit Hilfe des «Swiss Index» monetär werden Produktionsfitness und Exterieur, also das Aussehen, entsprechend gewichtet. Die Daten der Stiere stammen einerseits von den Eltern, den eigenen Nachkommen. Auch das eigene Genom wird analysiert und liefert wichtige Hinweise für den züchterischen Wert der Stiere. Das gibt eine sehr gute Orientierung, zumindest auf dem Papier. Elliker weiss aber:

«In der Zucht muss 1 + 1 nicht immer 2 sein.»

Gleichwohl gibt es Grundsätze, die, wenn man sie auf die ganze Herde von Elliker anwendet, unverrückbar sind. Je grösser ein Tier, desto «störungsanfälliger» ist es. Oder: je mehr Leistung bringt es, desto mehr zugekauftes Kraftfutter braucht es. Oder: desto schneller ausgebrannt ist es. Elliker füttert seine Tiere konsequent nur mit Eigenfutter: Gras/Heu und Mais. Letzterer ist wichtig, um grad in so heissen Zeiten wie aktuell, wenn es hitzebedingt viel weniger Gras gibt, den Wintervorrat an Heu nicht antasten zu müssen. Gras und Mais zu den richtigen Zeiten verfüttert, hilft auch den Zucker- und den Eiweissgehalt im Grünfutter für die Kuh auszugleichen, so dass sie das Futter effizient umsetzt. Dass sich diese Arbeit auszahlt, sieht Elliker zweimal monatlich in der Analyse der abgelieferten Milch. Gesunde Tiere kalbern einmal jährlich, was die Milchproduktion überhaupt ermöglicht.

Ein Geben und Nehmen

Der sehr gute Durchschnitt ist Elliker lieber als Rekorde. Für ihn rechnet sich eine effiziente Allrounderkuh mehr als Hochleistungstiere. «Das ist für meinen Betrieb so, für andere Betriebe kann das anders sein», sagt er. Was für ihn weiter wichtig ist: konsequent auf Hornlos-Genetik zu setzen. Sonst müsste er seine Kälber enthornen, was ihm widerstrebt. Er sagt, seine Arbeit mit den Tieren und der Natur sei als Kreislauf zu verstehen. Oder auch: ein Geben und Nehmen.