1.August
Eine grottenschlechte 1.-August-Ansprache war sein Antrieb: Pfarrer Samuel Kienast beglückte das Publikum an der Frauenfelder Bundesfeier

Frauenfeld feiert den Nationalfeiertag am 31. Juli im Rüegerholz. Heuer hielt der Gemeinderatspräsident Samuel Kienast (EVP) die Ansprache. Der evangelische Pfarrer ist als begnadeter Redner bekannt. Wer nicht zu den 150 Anwesenden gehörte, hatte definitiv etwas verpasst.

Mathias Frei
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Musikalische Zwischeneinlage mit Pfeifen: Gemeinderatspräsident Samuel Kienast mit seinem Sohn Mathias.

Musikalische Zwischeneinlage mit Pfeifen: Gemeinderatspräsident Samuel Kienast mit seinem Sohn Mathias.

Bild: Mathias Frei

Hashtag beste 1.-August-Rede ever. Oder: Wenn der Pfarrer zum Slam-Poeten mutiert. Gesehen und gehört am Sonntagabend hinter der Festhalle Rüegerholz. Nervöser als bei einer normalen Predigt, das sei er gewesen, sagt Samuel Kienast. Er habe den Mut haben müssen, etwas ganz anderes zu machen.

«Ich wusste ja nicht, ob es funktioniert.»
Das Streichtrio Rind om de Säntis.

Das Streichtrio Rind om de Säntis.

Bild: Mathias Frei

– Es hat funktioniert, definitiv. Die unzähligen Zwischenlacher und der Applaus am Schluss der 1.-August-Ansprache des Frauenfelder Gemeinderatspräsidenten, die er zusammen mit seinem 17-jährigen Sohn Mathias bestritten hat, liefern hinlänglich viele Indizien dafür. Diese Rede hätte eigentlich viel mehr Publikum verdient gehabt als die 150 Anwesenden. Sie lassen es sich bei lauschigen Temperaturen gut gehen. Der Eishockeyklub bewirtet die Gäste. Das Streichtrio «Rond om de Säntis» spielt Lüpfiges.

Links Stadtpräsident Anders Stokholm, während neben ihm Stadträtin Barbara Dätwyler Weber gut lachen hat.

Links Stadtpräsident Anders Stokholm, während neben ihm Stadträtin Barbara Dätwyler Weber gut lachen hat.

Bild: Mathias Frei

Dann betritt Kienast, EVP-Gemeinderat, aktuell höchster Frauenfelder und evangelischer Pfarrer, die improvisierte Bühne. Die Fliege am Kragen sitzt. Da könnte auch ein Showmaster der alten Schule stehen. «Ich nehme Sie mit in unsere Nationalhymne», kündigt er an. Was dann kommt, ist ein sprachlich rasant-amüsanter Ritt durch den Schweizerpsalm. Das ist hohe Kunst, was der Pfarrer und sein Sohn in dieser Viertelstunde bieten. Samuel Kienast sagt später, Slam-Poetry habe ihn bei der Form inspiriert. Schnell, unterhaltsam – und immer wieder auch «deep», wie Sohn Mathias Kienast sagen würde.

Auf das Publikum eingehen und es verstehen

150 Anwesende an der Frauenfelder Bundesfeier.

150 Anwesende an der Frauenfelder Bundesfeier.

Bild: Mathias Frei

Während des Theologiestudiums belegte Kienast ein Aussprache-Seminar. Rhetorik an sich war indes kein Thema an der Uni. Da spiele auch die Routine mit, sagt Kienast. Aber eine gewisse Anspannung dürfe nie ganz abhanden kommen, auch wenn er ganz genau wisse, wer ihm in den Kirchbänken zuhöre.

Vor 21 Jahren wurde er als Pfarrer ordiniert. Er machte Gassenarbeit und war Jugendpfarrer, bis er 2011 in Frauenfeld anfing. Am wichtigsten sei stets, zuzuhören, zu erfahren, was das Gegenüber bewegt. So könne er auf sein Publikum eingehen und es verstehen, ob in der Kirche oder an einer Bundesfeier. Kinder und Jugendliche würde mit direktem Feedback nicht sparen. Das sei wertvoll. Er hört seinen drei Kindern zu oder geht auch mal mit Chilbikönig HP Maier auf ein Bier. Und dann geht er Joggen oder Velofahren, um seine Gedanken zu Ideen zu ordnen. Vor rund drei Monaten hätten sein Sohn und er mit der Ansprache angefangen. Kienast erzählt:

Zum Abschluss ein Selfie mit dem Publikum.

Zum Abschluss ein Selfie mit dem Publikum.

Bild: Mathias Frei
«Die Ideen kamen von mir, Mathias war federführend bei der Umsetzung.»

Vor Jahren habe er mal einer Bundesfeier beigewohnt. Der Redner war ein Politiker. Namen will Kienast keine nennen. «Die Ansprache war grottenschlecht, weil sie nicht auf das Publikum einging.» Da habe er den Entschluss gefasst, dass er das dereinst besser machen werde.