Romanshorn
«Den Kontakt zu den Leuten werde ich vermissen»: Chiropraktor Matthias Pulver geht in Pension

Diese Woche ist es so weit: Auf den 68-Jährigen wartet der Ruhestand. Schön, weil er sich auf Familie und bedeutend mehr Freizeit freut. Traurig, weil er seinen Traumberuf und die Praxis an den Nagel hängt. Für Letztere hat er bereits Nachfolger gefunden, im Juni findet die Übergabe statt.

Remo Fischbacher
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Matthias Pulver im Büro der Romanshorner Praxis, in der er fast vier Jahrzehnte lang als Chiropraktor tätig war.

Matthias Pulver im Büro der Romanshorner Praxis, in der er fast vier Jahrzehnte lang als Chiropraktor tätig war.

Bild: Reto Martin

37 Jahre lang löst er Funktionsstörungen am Körper seiner Patientinnen und Patienten in der Praxis am Bodensee. «Am 11.11.1985 habe ich hier eröffnet», sagt Pulver. Nun geht seine Ära an dieser Stätte zu Ende. Die der Praxis geht weiter. Ab Juni wird er die Räumlichkeiten an Miranda Raschle und Jasper Durville übergeben. Pulver:

«Ich bin sehr erleichtert, jemanden gefunden zu haben.»

Es fängt alles im Alter von acht Jahren an: Pulver stürzt vom Klettergerüst und verletzt sich am Rücken. Voller Schmerzen sucht er mit Hilfe seiner Eltern einen Chiropraktor auf. Dieser löst ihm innert kürzester Zeit sämtliche Verklemmungen. Heute sagt Pulver:

Matthias Pulver.

Matthias Pulver.

Bild: Reto Martin
«Schon damals habe ich gemerkt: Das will ich auch einmal können.»

Toronto als Beginn der Chiropraktik-Reise

Der heute 68-Jährige erfährt als junger Erwachsener, dass ein guter Freund in Toronto die Spezialausbildung zum Chiropraktor absolviert. Pulver entscheidet sich, dasselbe Studium in der kanadischen Grossstadt anzupacken. «Nach wenigen Monaten war ich sehr begeistert.» So vergeht die vierjährige Ausbildung in Nordamerika wie im Flug. Zurück in der Schweiz schliesst er nach zweijähriger Weiterbildung in Theorie und Praxis das Staatsexamen erfolgreich ab, das zur selbstständigen Berufstätigkeit als Chiropraktor berechtigt.

Infobox

Heutiges Chiropraktik-Studium dauert länger

Die Chiropraktik ist seit 2007 im Bundesgesetz über die universitären Medizinalberufe verankert. Seit 2008 bietet die Universität Zürich den entsprechenden Lehrgang an. Das Studium der Chiropraktischen Medizin dauert heute sechs Jahre. Nach dem Masterabschluss absolvieren die Studentinnen und Studenten eine 2,5-jährige Weiterbildung an der Schweizerischen Akademie für Chiropraktik. Diese beinhaltet auch eine mindestens halbjährige Spitalrotation in Orthopädie und Rheumatologie. Das Bestehen des abschliessenden Staatsexamens berechtigt zum Tragen des Titels Fachchiropraktor/in und zur selbstständigen Berufsausübung. Die Berufsaussichten in der Schweiz sind gemäss der Universität Zürich nach wie vor sehr gut.

Hinweis:
Für weitere Informationen: www.chirosuisse.ch

«Früher hat man den Beruf nur im Ausland gekannt. Viele Schweizerinnen und Schweizer waren skeptisch. Inzwischen ist die Chiropraktik nach langem Kampf um Anerkennung im schweizerischen Gesundheitswesen etabliert», sagt Pulver. Der gebürtige Berner findet in einer Thurgauer Praxis Gefallen an Land und Leuten. Schnell fällt ihm auf, dass «im Thurgau ein riesiger Chiropraktik-Bedarf besteht». 1985 findet er geeignete Praxisräumlichkeiten an bester Lage in Romanshorn vor, in welchen er wenig später arbeitet.

«Rasche Resultate und kaum Nebenwirkungen»

«Die Chiropraktik ist eine sichere, wirksame und kostengünstige Methode, die in den meisten Fällen rasche Resultate zeigt und kaum nennenswerte Nebenwirkungen auslöst.» Zudem seien die Manipulationen am menschlichen Bewegungsapparat sehr präzise und spezifisch – oder in Pulvers Worten:

«Man muss nicht den ganzen Baum schütteln, wenn bloss eine Birne faul ist.»

Von generellen Schattenseiten in seinem Traumjob möchte Pulver nichts wissen. Trotzdem gibt es etwas, an dem er wenig Freude hat: «Es kommt schon mal vor, dass sich eine Behandlung in die Länge zieht und der Fortschritt auf sich warten lässt. Das kann mitunter frustran sein.»

Wohlergehen der Kundschaft als oberstes Gebot

Nicht nur eine hohe Fachkompetenz, sondern auch das Verhältnis zur Kundschaft liegt dem Chiropraktor am Herzen. Im Umgang mit den Patientinnen und Patienten kommt eines bei Pulver nie zu kurz: Respekt und Achtung vor ihnen. Er sagt:

«Man muss den Mensch an sich gernhaben. Jede Person nehmen, wie sie ist, das ist wichtig.»
Auf den 68-Jährigen wartet der wohlverdiente Ruhestand.

Auf den 68-Jährigen wartet der wohlverdiente Ruhestand.

Bild: Reto Martin

So versuchte er stets, nebst dem durch die Behandlung zwangsläufig entstandenen körperlichen Kontakt auch menschlich eine enge Beziehung zu seiner Kundschaft aufzubauen. «Bei einigen sind Freundschaften daraus entstanden.»

Fast vier Jahrzehnte in einer eigenen Praxis zu verbringen, fordert Energie. Diese bekam er stets: «Von meinen zufriedenen Patientinnen und Patienten, von meiner Familie, insbesondere meiner ausgeglichenen Frau und selbstverständlich auch von meinen Angestellten. Hier speziell erwähnen möchte ich Silvia Contreras, die mir über 35 Jahre in der Praxis die Treue hielt.»

Vorfreude auf die Pension

Abschiede wie diese fallen Pulver alles andere als leicht. «Den Kontakt zu den Leuten werde ich vermissen.»

Wie das Programm des gebürtigen Berners im Ruhestand konkret aussehen wird, lässt er auf sich zukommen. «Als Erstes gehe ich in die Ferien, um etwas runterzukommen.» Aktivitäten wie das Reisen seien in den letzten Jahren sicherlich etwas zu kurz gekommen. Pulver sagt:

«Ich lasse mir Zeit, das Kostbarste überhaupt. Dann sehen wir weiter.»

Sicherlich werde er in Zukunft öfters in seinem geliebten Garten, auf dem See oder auf seinem Motorrad anzutreffen sein.