Wagenhausen
«Essstörungen sind ein Hilferuf der Seele»: Diese Wohngruppe begleitet Frauen auf dem Weg zurück zu einem gesunden Essverhalten

Blick hinter die Kulissen der sozialtherapeutischen Wohnform «Power2be Bethanien» in Kaltenbach, wo Frauen mit Essstörungen therapiert werden. Zum 111-jährigen Bestehen der Diakonie Bethanien lädt die Wohngruppe zum Tag der offenen Tür. Davor erzählt die Therapieleiterin von Krankheitsbildern, vom Erfolg in einer stationären Behandlung und von der Veränderung durch die Pandemie.

Margrith Pfister-Kübler
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Das Haus erfuhr eine Erweiterung, womit neue Essbereiche drinnen und draussen entstanden sind.

Das Haus erfuhr eine Erweiterung, womit neue Essbereiche drinnen und draussen entstanden sind.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

Seit acht Jahren besteht in Kaltenbach an der Schäferwies in der Gemeinde Wagenhausen die sozialtherapeutische Wohngruppe «Power2be Bethanien». An sich also kein Grund, zur Feier eines Jubiläums einen Tag der offenen Tür durchzuführen. Doch die Einrichtung ist Teil der Diakonie Bethanien, die heuer ihr 111-jähriges Bestehen feiert.

Jubiläum mit Schnapszahl

Die Diakonie Bethanien feiert dieses Jahr ihr 111-jähriges Bestehen. Als zur Diakonie gehörender Betrieb feiert das «Power2be Bethanien» in Kaltenbach mit. In Kaltenbach steht ein zehnköpfiges Team im Einsatz. Das Team besteht aus Sozialpädagoginnen, Psychologinnen, Ergotherapeutinnen, Psychotherapeutinnen und Sozialarbeiterinnen. Ergänzt wird das Team durch eine Hauswirtschafterin und einen Fachmann für Betriebsunterhalt. Ausserdem bietet der Betrieb in Kaltenbach jeweils zwei Ausbildungsplätze für eine Psychologin und eine Sozialpädagogin. (kü)

In der Wohngruppe «Power2be Bethanien» werden Frauen auf ihrem Weg in ein Leben ohne Essstörungen begleitet. Im vergangenen Jahr wurden die Anlage und die Räumlichkeiten renoviert. Am Samstag ab 11 Uhr können die Anlage mit stilvoll angelegtem Garten und die Räumlichkeiten besichtigt werden. Vorträge und Gespräche vermitteln einen vertieften Einblick in diese Erkrankung sowie deren Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten.

Blick in die Anlage der sozialtherapeutische Wohngruppe «Power2be Bethanien» in Kaltenbach. Im Hintergrund die Burg Hohenklingen.

Blick in die Anlage der sozialtherapeutische Wohngruppe «Power2be Bethanien» in Kaltenbach. Im Hintergrund die Burg Hohenklingen.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

«Essstörungen sind ein Hilferuf der Seele, sind ein gesellschaftliches und ein persönliches Problem», sagt Ania Krumplewski, Leiterin Therapie, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, auf Nachfrage und erklärt die Entwicklung und die Ziele in ein Leben ohne Essstörungen. Die sozialtherapeutische Wohngruppe, wunderschön mit Blick auf die Burg Hohenklingen gelegen, bietet zehn Plätze für Frauen, die an einer Essstörung leiden und intensive Unterstützung im Alltag benötigen. Krumplewski betont:

Ania Krumplewski, Leiterin Therapie «Power2be Bethanien».

Ania Krumplewski, Leiterin Therapie «Power2be Bethanien».

Bild: PD
«Von grosser Wichtigkeit für den Erfolg in einer stationären Behandlung und Therapie ist, dass sich die betroffenen Personen freiwillig dazu entscheiden.»

Die Bewohnerinnen sind in Einzelzimmern oder in Studios untergebracht. Die Aufenthalts- und Essräume sind so angelegt, dass das Zusammensein in Gruppen durch kluge Konzeption der Raumgestaltung grosszügig und wandelbar ist. Die Bewohnerinnen gehen tagsüber einer beruflichen Tätigkeit ausser Haus nach, die meisten in Teilzeit.

Sehr individuelle Symptomatik

Was aber braucht es, um die Komplexität dieser Erkrankungen zu behandeln? Ania Krumplewski sagt: «Essstörungen kommen in vielen verschiedenen Formen daher, die Entstehungsgeschichte und Symptomatik ist sehr individuell und erfordert daher auch einer individuellen Behandlung.» Zudem würden Betroffene fast immer an weiteren psychischen Erkrankungen leiden. Krumplewski erklärt:

«50 bis 70 Prozent aller Betroffenen leiden zusätzlich an einer Depression.»

Weitere Erkrankungen, welche häufig zusätzlich zur Essstörung entdeckt werden, sind Traumafolgeerkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Angst-und Zwangsstörungen sowie Abhängigkeiten von schädlichen Substanzen. Die Behandlung daure im Allgemeinen oft mehrere Jahre. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im «Power2be Bethanien» betrage sieben Monate, da seien jedoch auch Kurzaufenthalte zur Stabilisierung mitberechnet.

Blick ins Gebäude für die Wohngruppe.

Blick ins Gebäude für die Wohngruppe.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

Veränderungen durch Corona und Homeoffice

Nicht zu unterschätzen seien aktuell die Einflüsse der veränderten Alltagsroutinen und fehlenden Strukturen durch Corona und Homeoffice. Krumplewski meint:

«Wir haben festgestellt, dass Familien aufgrund des Homeschoolings und des Homeoffice, räumlich vermehrt beieinander sind und dies auch zu mehr Konflikten rund ums Essen, führen kann.»

Man müsse aber wissen, dass in Ländern mit Nahrungsmittelknappheit und extremer Armut kaum Essstörungen auftreten. Auch seien Frauen vier- bis fünfmal häufiger betroffen als Männer. Je nach Art der Essstörung treten die meisten Fälle in unterschiedlichen Altersgruppen auf: Magersucht: 17 bis 19 Jahre; Ess-Brechsucht: 20 bis 23 Jahre; Esssucht: 21 bis 24 Jahre. Manche Menschen erkranken schon vor ihrem 17. Lebensjahr, auch die Menopause sei ein Risikofaktor bei Frauen.

Tag der offenen Tür «Power2be Bethanien», 24. September, 11 bis 16 Uhr, Schäferwiesen 4, Kaltenbach. www.bethanien.ch