Kulinarik
«Erleben gerade irre Zeiten»: Claudia und Bruno Klingler schliessen das Restaurant «Zum Raben» in Gachnang nach 38 Jahren

Auch das letzte Restaurant im Ort schliesst: Ende Monat gehen Claudia und Bruno Klinger in Pension. Ihr Restaurant «zum Raben» in Gachnang bauen sie so um, dass sie dort wohnen können. Nach 38 Jahren will das Wirtepaar erleben, wie sich Spontanität und Freiheit anfühlen.

Evi Biedermann
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Nach 38 Jahren ist fertig: Bruno und Claudia Klingler schliessen ihr Restaurant «Zum Raben».

Nach 38 Jahren ist fertig: Bruno und Claudia Klingler schliessen ihr Restaurant «Zum Raben».

Bild: Evi Biedermann

Dass Restaurants zumachen, ist nichts Aussergewöhnliches. Eher speziell ist heutzutage, wenn nicht-wirtschaftliche Gründe dahinterstehen, sondern das Ende eines regulären Arbeitslebens. Wie bei Wirt Bruno Klingler. Er sagt: «Meine kürzliche Pensionierung ist der ideale Zeitpunkt zum Aufhören.» Seine Frau Claudia pflichtet ihm mit entspanntem Lächeln bei. Die beiden wirten seit 38 Jahren in Gachnang. Im Haus, das Klinglers Eltern 1941 gekauft und darin die Wirtschaft zum Raben geführt hatten. 1984 übernahm er mit seiner Frau die Liegenschaft seiner verwitweten Mutter.

Roger JungGemeindepräsident Gachnang

Roger Jung
Gemeindepräsident Gachnang

Bild: Andrea Stalder

Nun geht die Ära Klingler zu Ende, das Restaurant ist am 28. Mai zum letzten Mal geöffnet. Und wie es so ist, wenn ein langjähriges Wirtepaar seinen Abschied bekannt gibt, wollen viele nochmals essen kommen. Fast zu viele, meint Klingler und eilt zum Telefon. Eine weitere Reservation, sagt er beim Zurückkommen und lacht. «Wir erleben gerade irre Zeiten.» Vielleicht aber haben die Einheimischen einfach realisiert, dass es ab Samstag fertig ist mit auswärts essen im eigenen Dorf. Denn mit dem «Raben» verschwindet das letzte von einst drei Restaurants in Gachnang. «Ich bedaure das sehr», schreibt Roger Jung auf Anfrage, «als Gemeindepräsident und als Einwohner». Persönlich freue er sich aber für die Eheleute Klingler, dass sie nach langjährigem, professionellen und herzlichen Engagement fortan ihre Zeit neu einteilen und nutzen könnten.

Vom Restaurant zur Stube

Das schmucke Riegelhaus soll nun sukzessiv umgebaut werden und fortan als Klinglers Wohnraum dienen. Wohnen tun sie zwar bereits dort, seit sie den «Raben» übernommen haben. Aber mit minimalen Ansprüchen in Bezug auf Platz und Privatsphäre. «Das Restaurant ist unsere Wohnstube», sagt der Wirt. «Wir waren ja immer da», fügt seine Frau schulterzuckend bei. Nur zum Schlafen seien sie nach oben gegangen. Die Nächte waren kurz, die Tage dafür lang. Von 8.30 Uhr bis Mitternacht war das Restaurant geöffnet, am Anfang während sechs Tagen pro Woche.

«Und wenn ‹überhocket› wurde, dauerte das manchmal bis um drei Uhr.»
Ein Bier auf die bevorstehende Pensionierung: Bruno und Claudia Klingler.

Ein Bier auf die bevorstehende Pensionierung: Bruno und Claudia Klingler.

Bild: Evi Biedermann

Nach 16 Jahren gönnte sich das Wirtepaar zwei freie Tage und seit 2011 sind es drei bis vier pro Woche. Die Arbeit wurde deswegen nicht weniger. Nach der Modernisierung der Küche und dem Anbau des «Stübli» sorgte Claudia Klingler mit ihren Kochkünsten dafür, dass aus der Wirtschaft ein beliebtes Speiselokal wurde, während Bruno Klingler sich zur Hauptsache um die Gäste kümmerte. Eine Rollenaufteilung, die sie nie bereut hätten:

«Jeder tut das, was ihm liegt und was er am besten kann.»

Sie sei keine gelernte Köchin, erzählt die frühere Service-Fachfrau. «Aber ich habe immer gern gekocht und Neues ausprobiert.» Unterstützt hat sie dabei in den letzten Jahren lediglich eine Küchenhilfe, fest angestelltes Personal gab es im «Raben» nur ganz am Anfang.

Auswärts essen in der Ortschaft nebenan

Wer künftig in der Gemeinde Gachnang einkehren will, muss dafür nach Islikon gehen. Dort sind allerdings aktuell nur zwei von vier Speiselokalen geöffnet: die «Sonne» und das Restaurant im Greuterhof. Geschlossen sind indes der «Löwen» und der «Ochsen», zwei langjährige Traditionshäuser. Für den «Ochsen» besteht ein Nachfolgeprojekt. Die Immobilienfirma Gewerbehaus in der Au AG von Ruedi Bütikofer, Bütikofer Automobile, plant auf dem Ochsen-Areal eine Überbauung mit 19 Wohnungen, davon fünf im einstigen Gasthaus. Dieses soll saniert werden und im Erdgeschoss ein Tagescafé erhalten. «Mein Projekt ist auf gutem Weg», schreibt Ruedi Bütikofer auf Anfrage. Baustart sei frühestens im Spätherbst. (bie)

Im neuen Lebensabschnitt spontan sein

Das Thema Schliessung kam bereits während des Lockdowns zur Sprache. Sie hätten jedoch bald gemerkt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei. «Wir wollten uns nicht klanglos davonschleichen», sagt Claudia Klingler.

«Aber jetzt stimmt es für uns.»
Das Restaurant «Zum Raben» von aussen.

Das Restaurant «Zum Raben» von aussen.

Bild: Evi Biedermann

Ihrem dritten Lebensabschnitt schauen die beiden gespannt, aber auch mit Freude entgegen. «Wir wollen erst mal ankommen im anderen Leben», sagt Bruno Klingler. Erleben, wie Freiheit sich anfühlt. Etwa an einem Wochenende mal spontan an ein Fest gehen, was bisher wegen des Restaurants nicht möglich war. Wandern und Velofahren oder Zeit mit den Enkeln verbringen. Oder anders gesagt: den verdienten Ruhestand geniessen. Von ihren zahlreichen und treuen Gästen verabschieden sich Klinglers mit grossem Dank. Dazu zählen auch die Vereine aus der Region, die Lieferanten und das Aushilfspersonal.