Geschichte
Vom konfessionellen Nebeneinander zum gelebten Miteinander: Kirche Uesslingen feiert 150-Jahr-Jubiläum

Die paritätische Kirche St.Peter und Paul in Uesslingen datiert von 1872. Das begehen die Mitglieder der beiden Kirchgemeinden am Sonntag mit einem Fest. Die umfangreiche, sorgfältig verfasste Festschrift zum Jubiläum hat der Frauenfelder Historiker Angelus Hux beigesteuert.

Mathias Frei
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Die neue Uesslinger Kirche um 1875. Eine Fotografie von E. Schramm, Memmingen.

Die neue Uesslinger Kirche um 1875. Eine Fotografie von E. Schramm, Memmingen.

Bild: PD

Zwei Taufsteine in einer Kirche: Noch bis zur letzten grossen Renovation von 1989/90 gab es das in der paritätischen Kirche St.Peter und Paul in Uesslingen. Konfessionelle Parität war lange Zeit nicht einfach – so auch vor 150 Jahren, als sich die Katholiken und die Reformierten zusammenrauften, um gemeinsam eine neue Kirche zu bauen. Das ist heute anders.

«Wir leben ein paritätisches Miteinander auf Augenhöhe. Es ist unkompliziert.»

Das sagt Lukas Schönenberger, Koordinator der Pfarrei St.Anna (katholisch FrauenfeldPlus). Bernhard Harnickell, Pfarrer von evangelisch Uesslingen, pflichtet ihm bei. Schönenberger und Harnickell bilden zusammen mit Alex Hutter, Karin Richiger (beide katholisch Frauenfeld) und René Oberhänsli (evangelisch Uesslingen) das OK für das 150-Jahr-Jubiläum der paritätischen Kirche von Uesslingen. Diesen Sonntag, 26. Juni, wird gefeiert.

Gottesdienst, Frühschoppen, Zmittag und Dominosteine

Die Pfarrei St.Anna (katholisch FrauenfeldPlus) sowie die Evangelische Kirchgemeinde Uesslingen feiern das Jubiläum diesen Sonntag, 26. Juni, in der Kirche und im Kirchgemeindehaus Uesslingen. Um 10.15 Uhr startet der ökumenische Gottesdienst, untermalt von der Musikgesellschaft Uesslingen. Die Vernissage der Festschrift von Angelus Hux ist um 11.20 Uhr. Danach gibt es eine Festwirtschaft mit Festbier, Mittagsverpflegung und alkoholfreier Bar. Man kann auch den Kirchturm besteigen. Um 10 Uhr beginnt das betreute Kinderprogramm in der Turnhalle. Unter anderem stehen 18'000 Dominosteine bereit. Das OK hofft auf ein gut besuchtes kleines Dorffest. (ma)

Nur die Katholiken feierten die Einweihung

Angelus Hux, Frauenfelder Lokalhistoriker.

Angelus Hux, Frauenfelder Lokalhistoriker.

Bild: Samuel Koch

Im Frühling 1872 war Grundsteinlegung der paritätischen Kirche St.Peter und Paul. Die Einweihung fand ein knappes Jahr später statt. Doch nur die Katholiken feierten. Den Reformierten war das zu viel an Zeremoniellem. Das hat der Frauenfelder Lokalhistoriker Angelus Hux für die Festschrift «150 Jahre paritätische Kirche St.Peter und Paul, Uesslingen, 1872 bis 2022» recherchiert. Er hat einerseits in den Archiven der beiden Uesslinger Kirchgemeinden gearbeitet, zum anderen hätten auch die Uesslinger Dorfchronik sowie ältere historische Sekundärliteratur Grundlage gebildet für die Festschrift, sagt Hux.

Die heutige Kirche aus der Luft.

Die heutige Kirche aus der Luft.

Bild: PD/Samuel Zurbuchen

Schönenberger und Harnickell haben viel Freude an der Festschrift, von der es 750 Exemplare geben wird. Diese werden am Sonntag gratis verteilt, können aber auch später noch über die Kirchgemeinden zu einem symbolischen Preis bezogen werden. Hux hat vor rund einem Jahr das Projekt in Angriff genommen. Harnickell sagt: «Der Zeitaufwand von Angelus Hux war riesig gross.» Dieser meint:

«Es hat mir aber auch grossen Spass gemacht.»

Einst gab es im Thurgau rund 30 paritätisch genutzte Kirchen. Heute seien es noch deren sieben, sagt Hux. Schuld, dass es die paritätische Kirche St.Peter und Paul in Uesslingen gibt, sei das Kloster Ittingen. Uesslingen gehörte zur Ittinger Gerichtsherrschaft. Ittingen stellte demnach auch den Pfarrer, auch später den reformierten. Eine erste Kirche in Uesslingen findet im 12. Jahrhundert Ersterwähnung.

Die alte Uesslinger Kirche kurz vor dem Abbruch 1872. Zeichnung von Lehrer Huber.

Die alte Uesslinger Kirche kurz vor dem Abbruch 1872. Zeichnung von Lehrer Huber.

Bild: PD

Nach der Thurgauer Klosteraufhebung von 1848 galt die Uesslinger Kirche als wüsteste Kirche im Kanton. Das erzählt Hux. Die Katholiken hätten deshalb gerne eine neue Kirche gebaut. Den Reformierten dagegen fehlten damals noch die finanziellen Mittel. Es dauerte rund 20 Jahre, bis es zum gemeinsamen Neubau kam. Für die Reformierten erstellte der bekannte Thurgauer Architekt Joachim Brenner Skizzen. Diese passten den Katholiken nicht. Sie beauftragten den Luzerner Wilhelm Keller, der zuvor schon 40 Gotteshäuser geplant hatte.

Heutige Innenansicht der Kirche.

Heutige Innenansicht der Kirche.

Bild: PD/Kirsten Oertle (Foto Prisma)

Letztlich gab es ein Nebeneinander-Projekt: Brenner plante das Schiff samt Turm, der Chor kam von Keller. Die Reformierten finanzierten die Hälfte des Schiffs, die Katholiken zahlten die andere Hälfte sowie den Chor und die Sakristei. Uesslingen hatte lange keinen eigenen evangelischen Pfarrer, deshalb war auch keine eigene Sakristei nötig. Umziehen und aufwärmen konnte sich der Geistliche im alten Schulhaus.

Ein erstaunliches gemeinsames Projekt

Von 1872 bis 1938 hatte die neue Uesslinger Kirche ein pyramidenförmiges Turmdach.

Von 1872 bis 1938 hatte die neue Uesslinger Kirche ein pyramidenförmiges Turmdach.

Bild: PD

1872 befand sich der konfessionelle Kulturkampf im Thurgau auf dem Höhepunkt. Der Bischof durfte hier zum Beispiel nicht firmen. Die Thurgauer mussten zur Firmung nach Zug reisen. Hux sagt:

«Umso erstaunlicher ist genau in dieser Zeit der gemeinsame Bau der Uesslinger Kirche.»

Die letzte Renovation 1989/90 finanzierten dann die beiden Kirchgemeinden hälftig, ebenso später das neue Uesslinger Kirchgemeindehaus. Hux sagt. das gemeinsame Jubiläumsfest vom kommenden Sonntag beweise aufs Schönste, wie aus dem paritätischen Nebeneinander früherer Jahrhunderte in Uesslingen ein ökumenisches Miteinander geworden sei