Bauen
«Nicht alles ist zu schützen»: Vier Experten standen dem Berlinger Stimmvolk für den neuen Denkmalschutzplan Rede und Antwort

Der Informationsabend in Berlingen drehte sich um den Schutzplan der Natur- und Kulturobjekte, der revidiert werden soll. Vier Experten erklärten am Montagabend Details und beantworteten Fragen. Nun können sich die Bürgerinnen und Bürger bei der Gemeinde zum Thema äussern.

Margrith Pfister-Kübler
Drucken
Blick auf Berlingen.

Blick auf Berlingen.

Bild: Thomas Güntert (01. Juni 2021)

«Es ist ein komplexes Thema und es gilt, vernünftige Vorschläge auszuarbeiten», sagte Berlingens Gemeindepräsident Ueli Oswald. Beim Informationsanlass am Montagabend erfuhren rund 100 Leute mehr über erhaltenswerte Natur- und Kulturobjekte sowie über das Reglement für die Gewährung von Beiträgen. Die öffentliche Vernehmlassung zum Schutzplan Berlingens läuft bis am 12. Oktober. Der Behörde sei es wichtig, dass man miteinander ins Gespräch komme und klar werde, wie man sich Berlingens Zukunft vorstelle, erklärte Oswald.

Matthias Ott, Partner im Raumplanungs- und Beratungsbüro Winzeler+Bühl, erklärte die einzelnen Bereiche der Ortsplanung. Auch Urs Eigenheer, Beauftragter für das Naturinventar von der Naturkonzept AG, sowie Giovanni Menghini, Amtsleiter der kantonalen Denkmalpflege, und Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin der kantonalen Denkmalpflege, waren am Anlass in der Unterseehalle. So konnten Szenarien aus der Sicht verschiedener Experten aufgezeigt und Fragen geklärt werden.

Seeufer nur vereinzelt als wertvoll eingestuft

Urs Eigenheer von der Naturkonzept AG und Matthias Ott, Raumplaner Winzeler+Bühl, beim Apéro.

Urs Eigenheer von der Naturkonzept AG und Matthias Ott, Raumplaner Winzeler+Bühl, beim Apéro.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

Relevant für den Schutzplan sind das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler sowie der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (Isos) und der historischen Verkehrswege der Schweiz, erklärte Ott. «Natur und Landschaft sowie das kulturgeschichtliche Erbe, insbesondere erhaltenswerte Objekte, sind zu schützen und zu pflegen.» Beeinträchtigte Natur und Landschaft seien, soweit sinnvoll, möglich und zumutbar wiederherzustellen.

Eigenheer hob die «speziell wertvolle Lage Berlingens mit See und Siedlung» hervor. Alle bisherigen Naturobjekte wurden vor Ort neu beurteilt und bewertet. Von 60 Objekten im Jahr 2002 wurden inzwischen 18 gelöscht, dafür zwölf neu aufgenommen. Eigenheer zeigte wertvolle Elemente im Siedlungs- und Landwirtschaftsbereich auf, die enge Verzahnung von Wald, Ufergehölz bis Kiesgruben als Erholungsraum für Tiere und Pflanzen. Das Seeufer allerdings sei nur vereinzelt als wertvoll eingestuft, sagte er und verwies auf die Ufermauer sowie die intensive Nutzung.

«Das Besondere herausschälen und schützen»

Im Gespräch: Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin der kantonalen Denkmalpflege.

Im Gespräch: Birgit Seidenfuss, Inventarisatorin der kantonalen Denkmalpflege.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

Inventarisatorin Seidenfuss zeigte die Auswirkungen einer Aufnahme ins Inventar auf: «Die Aufnahme eines Objekts hat keine eigentümerverbindliche Wirkung. Für die Behörde hingegen bedeutet es, dass sie sich mit der Frage, ob sie das Objekt schützen will oder eben nicht, rechtsgenüglich auseinandersetzen muss. Damit ist immer ein politischer Prozess verbunden und die Eigentümer haben die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen.» Amtsleiter Menghini von der Denkmalpflege erklärte an diesem Abend, dass es allerdings nicht darum gehe, jedes Bauwerk zu schützen:

«Man muss das Besondere herausschälen.»

Aus Sicht des Denkmalschutzes gab es ein dickes Kompliment für Berlingen und die Aufforderung an alle, die Denkmalpflege als Fachstelle rechtzeitig zu konsultieren. «Wir helfen Ihnen aus dem Wirrwarr des Labyrinths», versicherte Menghini. Schliesslich sei es nun an der Gemeinde, im Rahmen der sich widersprechenden Interessen und der Prüfung der Verhältnismässigkeit einen Entscheid zu treffen.

Votant Thomas Böhni aus dem Publikum stellt eine Frage.

Votant Thomas Böhni aus dem Publikum stellt eine Frage.

Bild: Margrith Pfister-Kübler

In der öffentlichen Diskussion merkte ein Votant an: «Viele Leute bauen nichts, weil sie den ganzen Ärger nicht wollen.» Bei alten Bauten gehe es nicht nur um schöne Häuser, sondern es gehe um die Menschen, und diese wollten heute grosse Fenster und Terrassen oder Balkone. Der Ruf nach einem «vernünftigen Mass» war unüberhörbar, von der Denkmalpflege kam Verständnis.

«Ist der Krieg bei der Denkmalpflege angekommen, wie steht es mit Solaranlagen?»

Das wollte ein weiterer Besucher wissen. Denkmalpfleger Menghini bejahte: «Solaranlagen zu installieren, ist möglich, wir werden Lösungen erarbeiten. Das Isos ist nicht die Bibel.» Gemeindepräsident Oswald wies ergänzend auf die Solargemeinschaftsanlage auf dem Dach der Unterseehalle hin.

Die öffentliche Vernehmlassung zum Schutzplan Berlingens läuft bis zum 12. Oktober. Rückmeldungen sind zuhanden des Gemeinderates einzureichen. Unterlagen und Pläne sind unter www.berlingen.ch aufgeschaltet und können bei der Gemeindeverwaltung eingesehen werden.