Zihlschlacht
Auf diesen Tag freuen sich alle

Im «Zischtigsclub» der Rehaklinik Zihlschlacht erleben Menschen mit einer chronischen neurologischen Erkrankung eine willkommene Abwechslung. Gleichzeitig werden die Angehörigen der Patienten durch dieses Angebot entlastet.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Praktikantin Alexandra Heeb und die Betreuerinnen Marianne Brugger und Fernanda Tuchschmid trainieren mit den Patienten die Beweglichkeit.

Praktikantin Alexandra Heeb und die Betreuerinnen Marianne Brugger und Fernanda Tuchschmid trainieren mit den Patienten die Beweglichkeit.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Es ist kurz vor neun Uhr – die Türe steht offen: «Zischtigsclub» ist angesagt. Die ersten Teilnehmenden und ihre Begleitpersonen treffen ein. Die Begrüssungen sind warm und herzlich, jede und jeder duzt sich. Die Tagesbetreuung «Zischtigsclub» der Rehaklinik Zihlschlacht ist ein fester Bestandteil des ambulanten Angebots und findet jeweils am Dienstag statt.

Fixer Bestandteil des Wochenprogramms

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine chronische neurologische Erkrankung haben, erleben hier einen unbeschwerten Tag in geselliger Runde mit einem Programm, das auf ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten ausgerichtet ist. Der Tag ist begleitet und vorbereitet von erfahrenen Betreuungspersonen: Fernanda Tuchschmid, Pflegehelferin SRK, und Marianne Brugger, ebenfalls Pflegehelferin SRK, sowie Alexandra Heeb, Praktikantin Physiotherapie.

Der «Zischtigsclub» ist für die Teilnehmenden ein fester Bestandteil in ihrem Wochenprogramm. Das Angebot ist zugleich eine Entlastung für die pflegenden und betreuenden Angehörigen, um sich für ein paar Stunden Freiräume zu gönnen.

Empathie und Kompetenz sind nötig

Ein Mann hält in seiner linken Hand einen Gehstock, der ihm Sicherheit gibt. Sein rechter gelähmter Arm steckt in einer Stützbandage, damit die Schulter entlastet wird. Er deutet auf den grossen Tisch, der sich im Raum befindet. Fernanda Tuchschmid geht sofort zu ihm und nach kurzem Nachfragen weiss sie, dass dieser Mann etwas trinken möchte. Es scheint, als ob sie ihm den Wunsch von seinen Lippen ablesen kann.

Im «Zischtigsclub» wird mit den Patienten Konfitüre gekocht: Praktikantin Alexandra Heeb bereitet alles vor.

Im «Zischtigsclub» wird mit den Patienten Konfitüre gekocht: Praktikantin Alexandra Heeb bereitet alles vor.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Es braucht kaum Worte – es gibt auch kaum Worte. Der Mann leidet an einer Aphasie, einer schweren Sprachstörung, die durch einen Hirnschlag vor einiger Zeit verursacht wurde. Die drei Betreuerinnen kümmern sich einfühlsam und kompetent um jede einzelne Person, die am «Zischtigsclub» teilnimmt. Fernanda Tuchschmid verabschiedet sich von einer Frau, die ihren Ehemann nach Zihlschlacht gefahren hat, und sagt: «Tschüss, bis hüt Obed. Gnüss din Tag.»

Die Ressourcen erhalten und fördern

Am Morgen wird den «Zischtigsclüblern» jeweils der Tagesablauf bekanntgegeben. Denn jeden Dienstag gibt es ein anderes Programm – Langeweile kann niemals aufkommen. So wird beispielsweise gebastelt, gesungen oder gebacken. Jassen und Gesellschaftsspiele seien ebenfalls sehr beliebt. Obwohl die Tagesbetreuung keine Therapie ist, wird viel Wert darauf gelegt, die Ressourcen der Betroffenen zu erhalten und zu fördern.

Jedes Mal findet ein Gedächtnistraining auf spielerische Art statt. Gezwungen wird niemand zu etwas. Alle machen das, was sie können und auch möchten. Das Mittagessen gehört zum gemeinsamen Ritual. Früher wurde es im Café im Park, dem Restaurant in der Rehaklinik, eingenommen. Unterstützung kam dann dazu, um die Leute, die teilweise auf den Rollstuhl angewiesen sind, dorthin zu begleiten.

«Es war für die Patienten jeweils ein besonderes Erlebnis, im Restaurant essen zu dürfen», weiss Fernanda Tuchschmid. Leider habe Corona dies inzwischen verunmöglicht. Das Essen stammt trotzdem aus der Küche der Rehaklinik. Es wird am Mittag von dort angeliefert, die Mahlzeiten werden auf die Patientenbedürfnisse abgestimmt. Es stehen drei Menus zur Wahl. Auch beim Essen wird bedarfsgerechte Unterstützung geboten. Es gibt Leute, denen beim Essen geholfen werden muss oder die an Schluckstörungen leiden. Um sich auszuruhen, stehen im Raum Betten zur Verfügung.

Das Schicksal verbindet: Hier sind alle gleich

Es gibt keine besonderen Voraussetzungen, um am «Zischtigsclub» teilnehmen zu können. Die meisten der Teilnehmenden seien an Parkinson erkrankt oder hätten eine Hemiplegie, eine vollständige Lähmung einer Körperhälfte, verursacht durch einen Hirnschlag, eine Hirnblutung oder ein Schädel-Hirn-Trauma, erklärt Fernanda Tuchschmid. Die Betroffenen würden meistens nicht nur mit körperlichen Einschränkungen konfrontiert, sondern erleben auch oftmals durch ihr Krankheitsbild eine soziale Isolation.

Die Betreuerinnen Fernanda Tuchschmid und Marianne Brugger bereiten alles für das gemeinsame Basteln vor.

Die Betreuerinnen Fernanda Tuchschmid und Marianne Brugger bereiten alles für das gemeinsame Basteln vor.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

«Ob Bankangestellter oder Landwirt – hier sind alle gleich. Alle haben eine Einschränkung und spüren, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine sind. Der Gruppenzusammenhalt und das Miteinander haben deshalb einen grösseren Stellenwert als das Ausleben persönlicher Stärken», sagt Fernanda Tuchschmid und ergänzt, dass sie seitens der Teilnehmenden und Angehörigen immer wieder grosse Wertschätzung erhielten. Zu betonen sei auch, dass nie gejammert wird, obwohl es eigentlich allen Grund dazu gäbe.

Von Entlastungsangebot Gebrauch machen

Es seien schwere Schicksalsschläge, welche die Leute tragen müssen – nicht nur für die Patienten. Auch die pflegenden und betreuenden Angehörigen hätten grosse Herausforderungen und anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen, sagt Fernanda Tuchschmid.

«Ich kann nur sagen: Hut ab! Es ist gewaltig, was die Angehörigen leisten. Jemand, der noch nie mit so etwas konfrontiert wurde, kann sich das
gar nicht vorstellen.»

Da Pflege und Betreuung zu belastenden Situationen führen können, sei es enorm wichtig, frühzeitig ein Entlastungsangebot ins Auge zu fassen. Jede und jeder könne in einer solchen Situation an die physischen und psychischen Grenzen stossen. Und letztlich sei niemandem gedient, wenn auch die pflegende oder betreuende Person zusammenbricht.

Zusammenhalt unter Gleichgesinnten

Die Betreuerinnen des «Zischtigsclubs» besuchen regelmässig vorgeschriebene und freiwillige Weiterbildungen, die in der Rehaklinik Zihlschlacht angeboten werden – beispielsweise vor kurzem über die Themen Lagerung und Mobilisation. Alle zwei Jahre wird ein Wiederholungskurs der grundlegenden Fertigkeiten, unter anderem Beatmung oder Herzdruckmassage, vorgeschrieben.

Eine Frau, die anonym bleiben möchte, erzählt, dass sie schon seit sechs Jahren regelmässig den «Zischtigsclub» besuche. Sie sei nach einem Hirntumor auf den Rollstuhl angewiesen.

«Es ist mir wichtig, dass mein Mann auch einmal einen freien Tag für sich hat.»

Im «Zischtigsclub» spüre sie zudem einen starken Zusammenhalt unter Gleichgesinnten. Und ihr Mann sagt, dass er durch dieses Angebot am Dienstag machen kann, was er möchte. «Den Haushalt und den Garten erledige ich alleine. Bei der Betreuung meiner Frau werde ich von der Spitex unterstützt», erklärt der 76-Jährige.

Bereichernde und erfüllende Aufgabe

Die vielseitig erfahrene Fernanda Tuchschmid entschied sich nach ihrer Familienzeit für den Rotkreuz-Pflegehelferinnenkurs. Während ihrer siebenjährigen Tätigkeit in einem Pflegeheim absolvierte sie Weiterbildungen in verschiedene Richtungen. Unter anderem machte sie die Ausbildung zur Fit-Gym-Leiterin bei Pro Senectute. Seit neun Jahren arbeitet Fernanda Tuchschmid als Betreuerin im «Zischtigsclub».

«Meine Tätigkeit hier ist die schönste, die ich jemals gemacht habe. Es ist eine bereichernde Aufgabe, die mich sehr erfüllt», erzählt sie mit leuchtenden Augen. Es ist kurz nach fünf Uhr abends – die Türe steht offen: Ein unterhaltsamer und bunter Tag im «Zischtigsclub» geht zu Ende. Glückliche und zufriedene Leute verlassen den Raum. «Tschüss, ä gueti Wuchä, und bis zum nöchschte Mol.»

Ambulantes Angebot jeden Dienstag

Die Rehaklinik Zihlschlacht ist eine traditionsreiche, hochspezialisierte Klinik für Neurorehabilitation und gehört zu den führenden Rehakliniken der Schweiz. Die Klinik verfügt über 168 stationäre Betten und ein breites ambulantes Angebot. Die Tagesbetreuung «Zischtigsclub» der Rehaklinik Zihlschlacht besteht seit dem Jahr 2010 und ist ein fester Bestandteil des ambulanten Angebots. Sie findet im Ambulanten Therapiezentrum in Zihlschlacht, Wilenstrasse 8, statt. Die Anfahrt dorthin ist privat zu organisieren. Die Tagesbetreuung ist keine Therapie. Es besteht aber die Möglichkeit, zusätzlich eine Therapie im Haus zu absolvieren – sei dies Ergo-, Physio-, Logo-, Neuropsychologie- oder Parkinson-Gruppentherapie sowie Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Im «Zischtigsclub» können maximal zehn Personen betreut werden. Momentan gibt es noch wenige Plätze. Auch ausserkantonale Personen können aufgenommen werden. Es kann kostenlos und unverbindlich zwei Tage geschnuppert werden. Eine telefonische Voranmeldung ist aus organisatorischen Gründen erforderlich. 

Kosten für die Tagesbetreuung (aktuell nur im Selbstzahlermodell): von 9 bis 17 Uhr (inkl. Mittagessen, Getränke und Zwischenverpflegung) = 150 Franken; von 9. bis 13.15 Uhr (inkl. Mittagessen und Getränke) = 95 Franken; von 13.30 bis 17.00 Uhr (inkl. Getränke und Zwischenverpflegung) = 75 Franken. (yal)