Vernissage
«Das Buch soll auch Ihnen einen Hoffnungsschimmer geben»: Gutenachtgeschichten als Heilmittel

Im Evangelischen Kirchgemeindehaus Kreuzlingen stellten Sven Lang und Jessica Bruhin ihr traumapädagogisches Buch «Die kleine Wolke und der Mond» vor.

Judith Schuck
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Jessica Bruhin und Sven Lange signieren ihr erstes gemeinsames Buch.

Jessica Bruhin und Sven Lange signieren ihr erstes gemeinsames Buch.

Bild: Judith Schuck

Mit «Die kleine Wolke und der Mond» wollen Autor Sven Lang und Illustratorin Jessica Bruhin Hoffnung spenden. Lang, der viele Jahre Leiter der Abteilung für Traumastörungen und interkulturelle Psychotherapie der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen war, wurde erst von seinen drei Töchtern zum Autor gemacht:

«Meine Kinder baten mich, die Geschichten, die ich ihnen immer erzähle, doch mal aufzuschreiben.»

Für die Bebilderung fragte er die Thurgauerin Jessica Bruhin an. Die Fachfrau Betreuung verbrachte im Winter 2020 drei Monate auf seiner Station. Ihr Leben sei damals zerstört gewesen, darum entschied sie sich für den Weg der Traumatherapie. Die Arbeit am Buch habe ihr wieder eine Perspektive gegeben:

«Die Kunst ist für mich wie ein Lichtblick gewesen. Ich kam durch sie zur Ruhe.»

Die erste Zeit in der Klinik empfand sie als hart, aber das Buch habe ihr Halt gegeben. «Ich hoffe, dass es auch Ihnen einen Hoffnungsschimmer geben kann», richtet sie sich bei der Vernissage an die Gäste.

Der Mond im Gespräch mit dem Fuchs.

Der Mond im Gespräch mit dem Fuchs.

Illustration von Jessica Burhin

Ein Fond für Kunst und Kultur

Realisiert werden konnte das Buch durch die Mithilfe der Evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen. Pfarrer Gunnar Brendler ist als Seelsorger auf der Trauma-Station tätig. Er erfuhr von der Idee und stellte sie der Kirchpräsidentin mit der Bitte um Unterstützung vor. Zuerst habe Susanne Dschulnigg mit einem Stirnrunzeln reagiert. «Was hat die Kirchgemeinde mit einem Märchenbuch zu tun?», fragte sie sich. Was Traumabewältigung betrifft, sieht Dschulnigg allerdings deutliche Parallelen zur Kirche:

«Religion kann heilen und zerstören. Jessica hat durch dieses Buch Heilung gefunden. Die Bibel ist voller Geschichten, die mit Heilung zu tun haben.»

Da fiel ihr der Hungerbühler-Fond der Gemeinde ein. Der Pädagoge Alfred Hungerbühler war Kunstfreund und Sammler sowie Mitbegründer des Heimatmuseums, dem heutigen Rosenegg. «Er hat uns Geld geschenkt, um Kunst- und Kulturprojekte zu unterstützen», sagt die Kirchpräsidentin. Hungerbühler hätte sich über das Buch gefreut, ist sie überzeugt.

Viele Ideen hoffen auf einen Verlag

In der Geschichte macht sich der Mond auf die Suche nach einer guten alten Freundin, der kleinen Wolke. Er fragt sich durch bei Adler, Fledermaus, den Walen oder dem Fuchs. Doch weiss niemand von ihnen, wo sie ist. «Wie die Geschichte ausgeht, verraten wir hier heute nicht», sagt Sven Lang nach seiner Kostprobe, da er die Spannung beim Lesen nicht nehmen möchte. «Die kleine Wolke und der Mond» setzt sich mit Themen wie Verlustängsten und Akzeptanz auseinander.

Autor Sven Lang, Seelsorger Gunnar Brendler, Illustratorin Jessica Bruhin und Kirchpräsidentin Susanne Dschulnigg bei der Buchvernissage.

Autor Sven Lang, Seelsorger Gunnar Brendler, Illustratorin Jessica Bruhin und Kirchpräsidentin Susanne Dschulnigg bei der Buchvernissage.

Bild: Judith Schuck

Für die Künstlerin waren vor allem die vielen Tierzeichnungen eine Herausforderung: «Ich male in der Regel keine Tiere und musste mich da richtig in ihre Anatomie einarbeiten.» Was sich gelohnt hat, denn ihre fantasievollen Tiercharaktere führen nun durch die Geschichte. Die beiden arbeiten bereits an zwei neuen Projekten: In dem einen Buch geht es um eine Familie von Schnatterenten, die keine Bleibe auf dem Bodensee findet. Das andere, «Das kleine Schattenmonster», wird schon jetzt von Eingeweihten als «absoluter Favorit» gehandelt. Darin soll Gross wie Klein die Angst vor der Dunkelheit genommen werden.

Suche nach einem Verlag

Der erste Band, «Die kleine Wolke und der Mond», erschien im Eigenverlag mit einer Auflage von hundert Stück. «Dennoch ist das Ergebnis hochprofessionell», findet Gunnar Brendler. Lang und Bruhin, die sich bewusst sind, dass sie die Herausgabe ohne die finanziellen Mittel der Kirche nicht geschafft hätten, wollen nun einen Verlag finden. Vorerst können die Bücher nur bei ihnen direkt bezogen werden.