Ukraine-Krieg
«Der Krieg ist nicht das Schlimmste, was ihnen passiert ist»: Seit Samstag leben im Stefanshaus in Kreuzlingen 22 Frauen und Kinder aus der Ukraine

Die Katholische Kirchgemeinde Kreuzlingen-Emmishofen hat am vergangenen Samstag insgesamt 22 Frauen und Kinder, die aus der Ukraine geflüchtet sind, aufgenommen. Sie lebten im Westen des Landes in einem Frauen- und Waisenheim.

Rahel Haag
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Diese ukrainische Mutter ist mit ihrem Sohn geflüchtet und hat im Stefanshaus in Kreuzlingen Obdach gefunden.

Diese ukrainische Mutter ist mit ihrem Sohn geflüchtet und hat im Stefanshaus in Kreuzlingen Obdach gefunden.

Bild: Belinda Schmid

Sie fallen direkt ins Auge: Die drei roten Bobbycars, die nebeneinander aufgereiht vor dem Stefanshaus stehen. Am Samstagabend um 23 Uhr sind hier in Kreuzlingen 22 Geflüchtete aus der Ukraine angekommen – 6 Mütter und ihre 14 Kinder sowie 2 Nonnen. Sie haben bei der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen-Emmishofen Obdach gefunden.

Pfarrer Edwin Stier und Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen, haben die Frauen und Kinder mit einem Abendessen in Empfang genommen. Tobler sagt:

«Pfarrer Edwin Stier hat Schnitzel und Pommes frites gemacht.»
Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen.

Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen.

Bild: Belinda Schmid

Er schmunzelt und fügt hinzu, dass er sich ja nicht so sicher gewesen sei, ob das gut ankomme. «Doch vor allem die Kinder hatten grosse Freude.» Pfarrer Edwin Stier, der die Wohnung im Stefanshaus bisher bewohnt hat, ist ausgezogen. Er habe vorübergehend die Wohnung im Exerzitienhaus in Altnau bezogen, sagt Tobler. Die Hälfte der Frauen und Kinder habe hier Unterschlupf gefunden, die andere Hälfte sei im Priesterhaus Bernrain untergekommen.

Drinnen, vor der Treppe, die in den ersten Stock führt, steht ein grüner Spielzeugtraktor mit Anhänger. Beladen ist er mit den blau-weissen Lottokarten, die wohl jedes Schweizer Kind kennt. Von oben sind schon Kinderstimmen zu hören. Im grossen Aufenthaltsraum spielt ein kleiner Bub mit einem bunten Ball. An einem Tisch sitzen einige Mütter mit ihren Kindern und unterhalten sich.

Die Nonnen sprechen nebst Russisch und Ukrainisch auch Italienisch und Spanisch. Pfarramtssekretärin Antonella Certangolo, eine gebürtige Italienerin, übersetzt. Steht Certangolo nicht zur Verfügung, behilft sich Simon Tobler mit Google Translate, dem Übersetzungsdienst des Technologieunternehmens. Er spricht in sein Smartphone, das das Gesprochene mit leichter Verzögerung auf Ukrainisch übersetzt, und hält es dann den beiden Frauen hin.

«Auf diese Weise habe ich ihnen am Sonntag die Waschmaschine und den Geschirrspüler erklärt.»

Drei Stunden lang am Bahnhofsschalter angestanden

Schwester Maria Mukachivska und Schwester Maria Neustannoi Pomoci setzen sich mit einer Tasse Kaffee an den Tisch. Sie schildern auf Italienisch ihre zweitägige Flucht, Antonella Certangolo übersetzt. Am vergangenen Donnerstag um Mitternacht seien sie in ihrer Heimatstadt Iwano-Frankiwsk aufgebrochen, erzählen sie.

Zuerst wollten sie mit dem Autobus nach Polen, konnten dort aber die Grenze nicht passieren. Also hätten sie umgedreht und seien nach Ungarn ausgewichen. Die Grenze hätten sie zu Fuss überquert, zwei Stunden habe das gedauert. Anschliessend seien sie mit dem Bus nach Budapest gelangt. Dort wollten sie um 20.40 Uhr den Zug nach Wien nehmen, doch der sei nicht gefahren. So hätten sie sich in Budapest ein Hotel genommen.

Schwester Maria Mukachivska sei derweil am Bahnhof drei Stunden lang Schlange gestanden, um Billette für die Zugfahrt zu organisieren. Sie zeigt auf ihrem Smartphone ein kurzes Video der vielen Menschen. Als sie endlich an der Reihe gewesen sei, hätte sie sämtliche Pässe der Mütter und Kinder vorweisen müssen, dabei hatte sie allerdings nur ihren eigenen. Sie erzählt auf Italienisch:

«Da habe ich gesagt, dass ich mich nicht von der Stelle bewege.»
Die Schwestern Maria Mukachivska und Maria Neustannoi Pomoci im Aufenthaltsraum im Stefanshaus.

Die Schwestern Maria Mukachivska und Maria Neustannoi Pomoci im Aufenthaltsraum im Stefanshaus.

Bild: Belinda Schmid

Glücklicherweise seinen die Angestellten am Budapester Bahnhof sehr nett gewesen. Am Ende habe sie alle nötigen Billette erhalten. Um 5.45 Uhr am Morgen sei der Zug dann abgefahren. In Wien hätten ihnen Mitarbeitende der Caritas geholfen. Von ihnen hätten sie auch Babynahrung für die Kleinsten erhalten. Schwester Maria Neustannoi Pomoci sagt:

«In Wien mussten wir nur vier Stunden warten.»

Dann ging es weiter nach Zürich, wo die Gruppe von einem Freund von Simon Tobler abgeholt wurde. Schwester Mukachivska zeigt auf ihrem Smartphone lächelnd ein Foto des kleinen Empfangskomitees, das die Gruppe mit gelben und blauen Ballons auf dem Perron erwartete.

Obwohl ihre Heimat im Westen der Ukraine liegt, seien in Iwano-Frankiwsk bereits am 24. Februar die ersten Bomben gefallen. Der Grund: Die Stadt verfügt über einen Militärflughafen. Auf die Frage, wie es ihnen nun gehe, antwortet Schwester Maria Neustannoi Pomoci, dass sie zwar beruhigt seien, nun in Sicherheit zu sein. Gleichzeitig seien ihre Herzen bei den Menschen in der Ukraine.

«Wir beten jeden Tag dafür, dass der Krieg aufhört.»
Zwei der geflüchteten Kinder, die mit ihren Müttern im Kreuzlinger Stefanshaus Obdach gefunden haben.

Zwei der geflüchteten Kinder, die mit ihren Müttern im Kreuzlinger Stefanshaus Obdach gefunden haben.

Bild: Belinda Schmid

Die Nonnen besuchten bereits am Sonntag die Messe

Die Katholische Kirchgemeinde Kreuzlingen auf der anderen Seite habe bereits am 25. Februar, also ein Tag nach Kriegsausbruch, der Pelegrina-Stiftung gemeldet, wie viele Menschen aus der Ukraine sie kurz- und langfristig bei sich aufnehmen könne, sagt Tobler. Die Stiftung führt im Auftrag des Kantons Thurgau die Asyl- und Nothilfeunterkünfte. Am vergangenen Freitag hätten sie dann von der Stadt erfahren, dass die Gruppe auf dem Weg zu ihnen sei.

Auch, dass zwei Nonnen dabei seien, habe er dann erfahren. Dass sie der römisch-katholischen Kirche angehören, habe sich aber erst bei ihrer Ankunft in Kreuzlingen herausgestellt. «Das passt natürlich wie der Deckel auf den Topf.» Bereits am Sonntag hätten die Nonnen die Messe besuchen können, was ihnen wichtig sei. Gleichzeitig betont Tobler, dass die Religion bei ihrem Angebot keine Rolle gespielt habe. «Wir haben gesagt, dass kommen kann, wer will.»

Die Mütter und ihre Kinder lebten in der Stadt Iwano-Frankiwsk mit den Nonnen in einem Ordenshaus, das als Frauen- und Waisenheim diente. Der gesamte Orden mit insgesamt 80 Personen ist geflüchtet, beziehungsweise noch immer auf der Flucht. Die Frauen und Kinder, die nun in Kreuzlingen Obdach gefunden haben, haben bereits vor dem Krieg Traumatisches erlebt. Oder wie Simon Tobler es sagt:

«Der Krieg ist nicht das Schlimmste, was ihnen passiert ist.»

Eine Frau sei vergewaltigt worden, eine andere habe mit ihren Kindern jahrelang auf der Strasse gelebt; wieder andere seien jung schwanger und deshalb von ihren Familien verstossen worden. Nun haben sie in Kreuzlingen ein Zuhause auf Zeit gefunden. Tobler betont, dass die Frauen und Kinder, sollte es nötig sein, auch langfristig im Stefanshaus und dem Priesterhaus Bernrain bleiben könnten. «Und mit langfristig meine ich mehrere Jahre.»

Draussen scheint derweil die Sonne, der Frühling hält Einzug. Im Aufenthaltsraum zieht sich ein Bub die Schuhe an, ein kleines Mädchen bekommt von seiner Mutter eine Mütze übergezogen. Gemeinsam mit den Nonnen gehen sie vor die Tür. Dort schwingen sich die Kinder auf die roten Bobbycars und fahren lachend die Quartierstrasse hoch.

Drei der ukrainischen Kinder spielen mit den Bobbycars vor dem Stefanshaus in Kreuzlingen.

Drei der ukrainischen Kinder spielen mit den Bobbycars vor dem Stefanshaus in Kreuzlingen.

Bild: Belinda Schmid

Wollen Sie helfen?

«Aktuell erreichen uns sehr viele Anfragen von Personen, die gerne helfen würden», sagt Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen. Für diese Grosszügigkeit seien sie dankbar. Allerdings hätten sie bereits so viele Angebote erhalten, dass sie gar nicht alles verwenden könnten. Sie würden deshalb auf ihrer Website jeweils öffentlich machen, was sie aktuell benötigten. Dies sei derzeit:

  • Dolmetscher*in Ukrainisch / Deutsch, welche*r ein paar Stunden pro Woche den Müttern und Kindern ein wenig die deutsche Sprache lehrt.
  • Malstifte für Kinder Schreibmaterial für Kindergarten- und Schulkinder Schulhefte, kariert A5 und/oder A4
  • Spielzeug für 1- bis 7-Jährige
  • Alte Tablets für die Kinder (5 Stück)

Wer etwas davon anbieten kann oder zur Verfügung stellen möchte, soll sich bitte bei Simon Tobler (058 346 19 86) oder Antonella Certangolo (058 346 19 50) melden. (red)