Lädelisterben
«Schade, dass es so zu Ende geht»: Die Liegenschaft der Arboner Goldschmiedin Vilma Heller wird Ende Monat versteigert

Die Arboner Altstadt verliert ein weiteres Traditionsgeschäft: Vilma Heller muss das Goldschmiede-Atelier schliessen, weil sie Konkurs ist. Die 67-Jährige über ihren langjährigen Lebensmittelpunkt und ihre bewegte Geschichte.

Annina Flaig
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Vilma Heller vor ihrem Geschäft an der Kapellgasse 3 in der Arboner Altstadt.

Vilma Heller vor ihrem Geschäft an der Kapellgasse 3 in der Arboner Altstadt.

Bild: Annina Flaig

Vilma Heller sitzt im Rollkragenpulli im unbeheizten Atelier und kämpft mit den Tränen. «Eigentlich ging es um einen kleinen Betrag», erzählt sie. Die Arboner Goldschmiedin konnte ein paar Rechnungen nicht mehr bezahlen. Gute Freunde hatten ihr den Betrag schliesslich geliehen. Doch da war es schon zu spät. Heller sagt:

«Ich konnte das eingeleitete Konkursverfahren nicht mehr stoppen.»

Ihr Haus, in welchem sich im Erdgeschoss das Goldschmiede-Atelier befindet, wird Ende März versteigert.

Die Goldschmiede befindet sich im Erdgeschoss des schmalen Altstadthauses an der Kapellgasse.

Die Goldschmiede befindet sich im Erdgeschoss des schmalen Altstadthauses an der Kapellgasse.

Bild: Annina Flaig

Die Arbonerinnen und Arboner verlieren damit ein weiteres Traditionsgeschäft in ihrem historischen Zentrum. Vilma Heller verliert etwas, das über Jahre ihr Lebensmittelpunkt gewesen war.

Schmuckträume verblassen neben Sorgen

Unverkaufte Farbsteinringe, Ohrschmuck mit blauen Topas und Tahitiperlenketten liegen noch im Schaufenster. Heller hat diese Tage ein paar Osterhasen zu ihnen gesetzt, obwohl das Geschäft quasi geschlossen ist. Sie ist entschlossen, zumindest das Schaufenster bis zur Versteigerung weiter zu bewirtschaften.

Blick in das Schaufenster der Goldschmiede von Familie Heller in Arbon.

Blick in das Schaufenster der Goldschmiede von Familie Heller in Arbon.

Bild: Annina Flaig

Während 36 Jahren macht Familie Heller an der Kapellgasse 3 Schmuckträume wahr. Zuletzt verblassen diese neben den Sorgen, welche die Pandemie mit sich bringt.

«In finanziell unsicheren Zeiten kauft kaum jemand Schmuck.»

Vor drei Jahren hat die Goldschmiedin das Geschäft an ihren Sohn Raphael Heller übergeben und seither in einer Teilzeitanstellung im Betrieb gearbeitet. «Wir hatten eine gute Zeit zusammen.» Er habe sich letztes Jahr im Herbst entschlossen, das Geschäft in der Altstadt aufzugeben, weil es für ihn nicht mehr rentabel gewesen sei. «Er arbeitet aber weiterhin an einem anderen Ort selbstständig als Juwelenfasser», betont Heller. Seine Firma sei nicht Konkurs. Es handle sich um einen Privatkonkurs von ihr, Vilma Heller, der die Liegenschaft gehört.

Deshalb wird das Altstadthaus an der Kapellgasse 3 Ende März nun versteigert. Heller sagt: «Schade, dass es so zu Ende geht.»

Sie verliebt sich in einen Mann mit Schnauz

Es ist nicht die erste schlimme Zeit im Leben dieser Frau mit den stahlblauen Augen. Nach einer schwierigen Kindheit lernt sie in jungen Jahren in Schaffhausen einen Arboner kennen: Goldschmied Christian «Chrigel» Heller ist die Liebe ihres Lebens. Wegen dieses Mannes, der jeden Morgen seinen Schnauz zwirnt und einen alten Lancia fährt, kommt sie 1985 nach Arbon.

Christian Heller ist Goldschmied und Juwelenfasser. Von ihm lernt sie das Handwerk.

«Die Goldschmiedekunst ist ein wunderschöner Beruf.»

Doch reich werden sie damit nicht. Weil das Paar vom Verkauf ihres selbst hergestellten Schmucks allein nicht leben kann, fasst er für verschiedene grössere Uhrenmarken wie Omega und Ebel Diamanten ein. Sie sagt: «Wir hatten beide Freude an der Arbeit und durften auf Kunden zählen, die uns jahrelang treu geblieben waren.»

Zwischen Krankenbett und Geschäft

Dann kommt der Schicksalsschlag: 2009 erkrankt Christian Heller an Darmkrebs. Drei Jahre lang geht es gesundheitlich auf und ab. Sie pendelt zwischen Krankenbett und Geschäft hin und her und hält sich während dieser Zeit mit Reparaturarbeiten «über Wasser». Kurz vor seinem Tod kauft das Paar 2012 das Haus an der Kapellgasse 3. Auf dem Sterbebett hält er ihre Hand und sagt: «Das ist deine Altersvorsorge.» Doch es kommt anders.

Die Arboner Altstadt.

Die Arboner Altstadt.

Bild: Annina Flaig

Vilma Heller führt das Geschäft alleine weiter. Im Jahr 2015 kommt der nächste herbe Schlag: Die traditionsreiche Scheideanstalt Carl Schaefer in der Schweiz meldet Insolvenz an. Es ist die Firma, in welche Vilma Heller das bei der Verarbeitung entstandene Restgold zum Recyceln einschickt. Das gereinigte Edelmetall wird ihrem Goldkonto zugeschrieben, wo sie ihren Rohstoff jeweils bezieht. Als die Firma Bankrott geht, fliessen 1.5 Kilogramm Gold von Vilma Heller in die Insolvenzmasse. Das entspricht damals einem Betrag von rund 70'000 bis 75'000 Franken.

Unterdessen bezieht die 67-Jährige AHV, und wenn ihr Haus verkauft wird, will sie sich irgendwo eine kleine Wohnung suchen. Das könne überall sein, sagt sie.

Verbittert wirkt sie nicht. Und wenn sie auf ihr bewegtes Leben zurückblickt, in welchem es nach über 40-jähriger Suche sogar ein Treffen mit ihrem leiblichen Vater gegeben hat, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Dann blitzt im Gesicht der Arboner Goldschmiedin ein Lächeln auf, das genauso dezent wirkt wie die kleinen Diamanten in ihren Ohrringen.