Kurz und schmerzhaft: Tabea Steiner liest im Literaturhaus Thurgau aus ihrem Roman «Balg»

Die aus dem Kemmental stammende Autorin ist für den Schweizer Buchpreis 2019 nominiert.

Rahel Haag
Drucken
Tabea Steiner liest aus ihrem Roman «Balg» im Bodmanhaus. An ihrer Seite Moderator Gallus Frei-Tomic. (Bild: Reto Martin)

Tabea Steiner liest aus ihrem Roman «Balg» im Bodmanhaus. An ihrer Seite Moderator Gallus Frei-Tomic. (Bild: Reto Martin)

Ihre rotlackierten Fingernägel leuchten auf dem grünen Buchumschlag. Tabea Steiner beginnt mit dem Anfang ihres Romans. Mit der Geburt von Timon. Noch zeichnet sie das Bild einer heilen Welt. «Der Bub trinkt viel, wächst schnell, und wenn er schläft, streckt er alle Viere weit von sich.» Die Besucher im Bodmanhaus in Gottlieben lauschen aufmerksam. Steiner liest langsam, macht kunstvolle Pausen.

«Balg» spielt in einem Dorf – und die Autorin mit der erwarteten Idylle, die nicht existiert. Die Geschichte erzählt sie in kurzen, klaren Sätzen. Draussen in Gottlieben bellt in der Dunkelheit derweil ein Hund.

Er fährt mit dem Roller einen Igel tot

Je älter Timon wird, desto mehr eckt er an. Der Vater verlässt die Familie früh, um in der fernen Stadt eine neue zu gründen. Die Mutter arbeitet viel, um sich und ihr Kind finanziell einigermassen über Wasser halten zu können. Mit ihrem Buben ist sie heillos überfordert. Im Kindergarten schlitzt Timon Kissenbezüge auf, um die «Schafe» daraus zu befreien. Als Schüler fährt er mit seinem Roller absichtlich einen Igel tot. Später stiehlt er seiner Lehrerin Geld aus dem Portemonnaie.

Für den Schweizer Buchpreis nominiert

Tabea Steiner kam 1981 zur Welt und ist auf einem Bauernhof in Altishausen aufgewachsen. Heute lebt sie in Zürich. Sie hat als Primarlehrerin gearbeitet und später an der Universität Bern studiert. Zudem hat sie das Thuner Literaturfestival initiiert und ist Mitorganisatorin des Berner Lesefestes «Aprillen». Im Frühjahr 2019 ist ihr Roman «Balg» erschienen. Sie ist, gemeinsam mit vier weiteren Autoren, für den Schweizer Buchpreis 2019 nominiert. Dieser wird im Rahmen des Literaturfestivals «Buch Basel» am 10. November, im Theater Basel verliehen.

Tabea Steiner hat selber als Primarlehrerin gearbeitet. Auf die Frage des Moderators Gallus Frei-Tomic, wie viele eigene Beobachtungen und Erfahrungen in ihren Roman eingeflossen sind, sagt sie, dass sie nur eine Stelle aus ihrem Schulalltag übernommen habe. «Und das ist keine schöne Stelle.»

Es sei eher umgekehrt gewesen, immer wieder habe sie sich beim Schreiben einer Szene gefragt, ob das so möglich sei. Ein paar Stellen habe sie dann wieder rausgestrichen. «Sie erschienen mir einfach nicht glaubwürdig.»

Ein alter Mann und ein fremder Bub

Steiner ist nahe bei ihren Hauptfiguren.

«Ich habe versucht, ihnen sozusagen über die Schulter zu schauen, mich in sie hineinzuversetzen.»

Gerade bei Timon habe sie sich immer wieder gefragt, was ihn wütend macht. Dass viel Wut, stellenweise auch Ohnmacht, in ihm steckt, spürt auch der Leser. Einzig Valentin, der alte Postbote und ehemalige Lehrer, lässt Timon Raum, so zu sein wie er ist.

Tabea Steiner. (Bild: Reto Martin)

Tabea Steiner. (Bild: Reto Martin)

Hier entwickelt sich eine Art Freundschaft, die von den Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt wird. Ein alter Mann, der Zeit mit einem fremden Buben verbringt – darüber wird geredet. Diese enge Gemeinschaft im Dorf sei auch dafür verantwortlich, dass Timons Mutter nicht ausbricht.

«Es geht um Erwartungs-Erwartungen», sagt Steiner. Jemand erwarte von einem Gegenüber, dass dieses Erwartungen an einen selber habe. «Dann versucht man sich diesen erwarteten Erwartungen entsprechend zu verhalten.» Deshalb verharrt die Mutter in der Situation – und steuert auf eine Katastrophe zu.

Bleibt nach der Lesung die Frage, welche Szene Steiner als Lehrerin selber erlebt hat. «Eigentlich waren es doch zwei», sagt sie. Einmal habe ihr ein Schüler Geld gestohlen, ein anderer habe absichtlich einen Igel überfahren.