Kreuzlinger Institutionen warnen vor mehr Armut wegen Corona

Wenn es nicht einmal mehr fürs Essen reicht: Open Place, Verwertbar und Caritas haben seit dem Lockdown viel zu tun.

Martina Eggenberger Lenz
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Helfer der Verwertbar packen in Kreuzlingen Lebensmittel in Papiersäcke, um sie Bedürftigen abzugeben.

Helfer der Verwertbar packen in Kreuzlingen Lebensmittel in Papiersäcke, um sie Bedürftigen abzugeben.

Reto Martin

Pfarrer Damian Brot kennt seine Schäfchen. Bis zu 70 Menschen in schwierigen Lebenssituationen betreut er mit seinem Team von Open Place dreimal wöchentlich. Für die meisten von ihnen ist das soziale Angebot der evangelischen Kirche Kreuzlingen ein wichtiger Anker in ihrem Alltag. Ebenso wie die Verwertbar gleich nebenan, wo überschüssige Lebensmittel an Bedürftige abgegeben werden. Das Virus hat dem Engagement einen Riegel geschoben. Für die Klientel war das ein dramatischer Einschnitt. Allein lässt man die Betroffenen dennoch nicht. Die Helfer des Open Place sind in Kontakt mit den Randständigen.

Damian Brot, evangelischer Pfarrer und Leiter von Open Place in Kreuzlingen, während dem per Videokonferenz geführten Mediengespräch.

Damian Brot, evangelischer Pfarrer und Leiter von Open Place in Kreuzlingen, während dem per Videokonferenz geführten Mediengespräch.

Reto Martin

«Wir wissen, wo wir sie finden. Wir rufen an, organisieren Onlinekonferenzen, teilen, wo nötig, Essensgutscheine aus», erklärt Damian Brot. Er berichtet von einem Obdachlosen, der früher zwischen Kreuzlingen und Konstanz pendelte und sich mit dem Sammeln von Flaschen über Wasser hielt. Jetzt ist ihm der Grenzübertritt verwehrt. Pfand gibt es keines mehr.

«Dieser Mann hat gesagt, er müsse nun wohl Lebensmittel stehlen.»

Dass viele Menschen Mühe haben würden, ohne die gratis Lebensmittel der Verwertbar oder auch dem Pendant «Tischlein deck dich» klarzukommen, war auch Beni Merk bewusst, als er seinen «Laden» dichtmachen musste. Rasch zog er mit den wenigen Helfern, die nicht in einer Risikogruppe sind, einen Heimlieferdienst auf. Gestartet ist der Verwertbar-Präsident mit 35 Adressen, vor denen er jeweils eine Papiertasche mit Lebensmitteln deponiert hat.

«Heute beliefern wir schon 70 Haushalte. Der Bedarf ist merklich gestiegen.»

Das beobachtet auch die Caritas Thurgau. Geschäftsleiterin Judith Meier berichtet von einer erhöhten Nachfrage. Der Wegfall der Lebensmittelabgaben treffe die vulnerablen Leute hart. Es gebe aber gleichzeitig viele neue Armutsgefährdete wie etwa Fahrende, die nicht mehr Messer schleifen könnten, oder Selbstständige, die immer alleine durchgekommen seien, nun aber keine Aufträge und somit kein Einkommen mehr hätten. Auch Caritas Thurgau hat sich deshalb entschieden, Lebensmittel auszufahren.

Kurzarbeit bricht mancher Familie das Genick

Vorstandsmitglied und Grünen-Kantonsrätin Gina Rüetschi ist froh, dass der Kanton entschieden hat, die schwarze Liste für säumige Krankenkassenprämienzahler auszusetzen und auch, dass im Asylbereich die Platzsituation verbessert wurde. «Das Problem ist nur: Es ist alles befristet.» Benjamin Diggelmann von Caritas Schweiz macht deutlich, wie schwierig für viele Familien die Situation mit der Kurzarbeit ist.

«Wenn die Löhne tief sind und dann 20 Prozent des Einkommens wegfallen, bedeutet das für manchen Armut.»

Die Gesuche für Sozialhilfe würden um fünfstellige Zahlen steigen. «Man müsste dringend die strukturellen Ursachen bekämpfen – vor der nächsten Krise.»

Alle Exponenten, die mit Menschen in schwierigem Umfeld arbeiten, verweisen auf den hohen psychischen Druck, unter dem diese wegen des Lockdowns stehen. «Sie haben so schon Mühe, ihren Alltag zu bewältigen. Jetzt ist es noch viel schwieriger», betont Beni Merk.