Kreuzlingen
«Die Flammen müssen zwei bis drei Meter hoch gewesen sein»: Nach Brandanschlag in der Basilika St.Ulrich sind die Reinigungsarbeiten in vollem Gange

Der Restaurator Rolf Zurfluh und sein Team sind aktuell dabei, die Kreuzlinger Basilika St.Ulrich zu reinigen. Der Grund: Im vergangenen Sommer hatte eine geistig verwirrte Frau in der Kirche ein Feuer entfacht. Nun gewährte die katholische Kirchgemeinde einen Einblick, was seit Mitte Januar gemacht wurde.

Rahel Haag
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Restaurator Rolf Zurfluh im Ölberg der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen.

Restaurator Rolf Zurfluh im Ölberg der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen.

Bild: Benjamin Manser

Es war ein schwarzer Tag in der Geschichte der Kreuzlinger Basilika St.Ulrich – wortwörtlich. Im vergangenen August habe eine geistig verwirrte Frau in der Kirche ein Feuer entfacht, erzählt Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde. Auf dem Kerzenständer vor dem Ölberg habe sie viele Kerzen zusammengeschoben und angezündet. Dann habe sie einige der ausliegenden, plastifizierten Informationsflyer verbrannt und mit Desinfektionsmittel das sprichwörtliche Öl ins Feuer gegossen. Tobler sagt:

«Zwei bis drei Meter hoch müssen die Flammen gewesen sein.»
Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen.

Simon Tobler, Leiter der Verwaltung der Katholischen Kirchgemeinde Kreuzlingen.

Bild: Benjamin Manser

Das Resultat: Schäden am Chorgitter und den Wänden. Die schwarzen Russpartikel legten sich auch auf die Holzfiguren im Ölberg. «Wären diese plastikhaltigen Partikel länger auf den Figuren geblieben, hätte es noch grössere Schäden gegeben.» Um dies zu verhindern, sind seit Mitte Januar Restaurator Rolf Zurfluh und sein Team dabei, die Wände des Schiffs mit Stuckaturen, Ölgemälden, Fresken, die Altare sowie den Ölberg zu reinigen. Kommende Woche sollen die Arbeiten beendet werden. Am Montagabend hat die Katholische Kirchgemeinde Interessierte in die Basilika eingeladen, um die Fortschritte zu besichtigen.

Mit feinen Pinseln und Granulatschwämmen

Im Innern der Kirche steht ein riesiges Gerüst, das jeden Winkel des Kirchenschiffs zugänglich macht. «Nutzen Sie die Gelegenheit», sagt Simon Tobler zu den rund 20 Anwesenden, «und schauen Sie sich alles von Nahem an.» Doch zuerst erklärt Zurfluh im Chor, wie er und seine drei Mitarbeitenden bei der Reinigung vorgegangen sind. Diese erfolge in zwei Phasen: «Zuerst haben wir alles mit feinen Pinseln abgestaubt und direkt mit einem Staubsauger eingesaugt.» Anschliessend hätten sie den verbleibenden Russ und Staub in Handarbeit mit Granulatschwämmen abgetragen.

Das riesige Gerüst in der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen macht jeden Winkel des Kirchenschiffs zugänglich.

Das riesige Gerüst in der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen macht jeden Winkel des Kirchenschiffs zugänglich.

Bild: Benjamin Manser

Wie man sich das vorstellen müsse, möchte ein Mann wissen, und ob Zurfluh das nicht einmal zeigen könne. Der Restaurator überlegt, geht dann kurzerhand zu einer Wand im Chor und fährt mit dem Schwamm einige Male über eine Stelle auf der Mauer. Der Unterschied ist frappant: Ein kleines, deutlich helleres Viereck hebt sich ab. «Wahnsinn», flüstert eine Frau. Dann weist Zurfluh auf zwei dunkle Rechtecke an der Wand, die sogenannten Referenzen. Bei jeder Reinigung werde eine Stelle ausgespart und belassen, wie sie ist. Sie zeigt das Vorher.

Zurfluh, der auch Theologie studiert hat, sagt, er sei sehr dankbar, dass er hier arbeiten dürfe. Etwas ganz Besonderes sei der Ölberg, in dem das gesamte Johannes Evangelium mit hölzernen Figuren dargestellt ist.

«So etwas gibt es nicht einmal im Kloster Einsiedeln.»
Rolf Zurfluh, Restaurator.

Rolf Zurfluh, Restaurator.

Bild: Benjamin Manser

Insgesamt 320 Figuren sind es in Kreuzlingen, 40 von ihnen sind allerdings dem grossen Brand von 1963 zum Opfer gefallen. Nach dem Feuer im vergangenen Sommer waren sie mit einer bis zu drei Millimeter dicken Russschicht überzogen. «Die Palmen waren komplett schwarz», sagt Zurfluh. Jetzt, nach der Reinigung, erstrahlen sie wieder in Grün.

Mit den Holzfiguren im Ölberg in der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen wird das gesamte Johannes Evangelium dargestellt.

Mit den Holzfiguren im Ölberg in der Basilika St.Ulrich in Kreuzlingen wird das gesamte Johannes Evangelium dargestellt.

Bild: Benjamin Manser

Dass vergangenen Sommer Schlimmeres verhindern werden konnte, verdankten sie einem deutschen Ehepaar, erzählt Tobler. Es habe die Basilika als Touristen besucht und das Feuer entdeckt. Während die Frau eine Bewohnerin des nahen Konvikts informiert habe, sei der Mann ins Nagelstudio auf der anderen Strassenseite gerannt.

«Dessen Besitzer konnte das Feuer mit einer Löschdecke löschen.»

Rund 30 Minuten später traf Tobler bei der Basilika ein. Da wusste er schon, dass das Feuer bereits gelöscht war. Das habe ihn beruhigt. Als er dann aber die Tür öffnete, war der Rauch noch immer so dicht, dass er den Altar sehen konnte. Da habe er sich gedacht: «Oje, diese Sache wird uns noch länger beschäftigen.»

Restauration war für 2027 vorgesehen

Die Reinigungsarbeiten sind umfangreich: 800 Stunden hat Rolf Zurfluh in der Offerte veranschlagt. Die Kosten dafür belaufen sich gemäss Simon Tobler auf rund 100'000 Franken. Rund die Hälfte werde am Ende durch den Kanton, die Stadt sowie Versicherungen gedeckt. Den Rest trägt die Katholische Kirchgemeinde Kreuzlingen.

«Man muss aber dazu sagen, dass für das Jahr 2027 ohnehin eine Restauration vorgesehen war.»

Diese sei im Schnitt alle 20 bis 30 Jahre notwendig. Nun sei sie eben um fünf Jahre vorgezogen worden.

Hoch unter der Decke der Kreuzlinger Basilika St.Ulrich: Dieser Besucher nutzt die Gelegenheit und schaut sich die Wandbilder von Nahem an.

Hoch unter der Decke der Kreuzlinger Basilika St.Ulrich: Dieser Besucher nutzt die Gelegenheit und schaut sich die Wandbilder von Nahem an.

Bild: Benjamin Manser