Amriswil
Ein Dauerauftrag über 38 Jahre hinweg und eine Kundin «barfuss bis zum Hals»: Die lustigsten Anekdoten der Floristenfamilie Iseli in 102 Jahren Firmengeschichte

Nach 102 Jahren ging Ende letzter Woche die Ära der Amriswiler Floristenfamilie Iseli zu Ende – und dennoch verschwindet der Name nicht.

Manuel Nagel
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Kurt Iseli im Ladenlokal, in dem er fast 40 Jahre Blumen verkauft hat – zu Beginn noch mit der alte Kasse im Hintergrund.

Kurt Iseli im Ladenlokal, in dem er fast 40 Jahre Blumen verkauft hat – zu Beginn noch mit der alte Kasse im Hintergrund.

Bild: Manuel Nagel

«Natürlich ist das ein sehr emotionaler Moment», sagte Kurt Iseli zu seinen Gästen, als er sein Geschäft am Donnerstagabend an seine Nachfolgerin übergab. Es sei das sprichwörtliche weinende und lachende Auge – wobei in diesem Moment dem bald 65-Jährigen die Stimme schon etwas stockte.

Weinend deshalb, weil an diesem 31. März eine Familientradition nach drei Generationen Iseli zu Ende ging. Lachend deshalb, weil der Name dennoch nicht verschwindet und Kurt Iseli mit der erfahrenen Floristin Barbara Hof jemanden gefunden hat, die das Blumengeschäft in seinem Sinne und auch unter seinem Namen weiterführt. Anstelle des symbolischen Schlüssels erhielt sie von Kurt Iseli ... Schlüsselblüemli.

Barbara Hof führt «Blumen Iseli» unter diesem Namen weiter. Kurt Iseli freut's, dass sein Familienname auch über seine Pensionierung hinaus im Amriswiler Gewerbe präsent bleibt.

Barbara Hof führt «Blumen Iseli» unter diesem Namen weiter. Kurt Iseli freut's, dass sein Familienname auch über seine Pensionierung hinaus im Amriswiler Gewerbe präsent bleibt.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 1. April 2022)

Drei Generationen Floristenfamilie Iseli: Von Ernst zu Kurt senior zu Kurt junior

Kurt Iselis Grossvater Ernst lernte zwar Gärtner, doch weil er so schöne Kränze band, schickte ihn sein Chef ins angrenzende Blumengeschäft in Frauenfeld. Am 20. Juli 1920 eröffnete Ernst Iseli dann sein Blumengeschäft mit Samenhandlung am Marktplatz in Amriswil und führte das Geschäft 30 Jahre erfolgreich.

Seinen ältesten Sohn Kurt senior schickte Ernst nach Thun in die Lehre als Blumenbinder, obwohl Kurt lieber Bäcker werden wollte. Nach Anstellungen in Lausanne, Luzern und Zürich wollte Kurt noch ein Auslandsjahr in Holland absolvieren, bevor er das elterliche Geschäft übernahm. Vater Ernst erinnerte sich an einen holländischen Stagiaire, der mit ihm im Blumengeschäft in Frauenfeld gearbeitet hatte und schickte Sohn Kurt zu dessen Familie. Als Kurt senior Ende 1949 zurück in die Schweiz kam, brachte er nicht nur Erfahrung mit, sondern auch noch die hübsche Nichte des Arbeitskollegen seines Vaters. Im August 1950 fand die Hochzeit mit Miep Ultee statt.

Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor, von denen drei denselben Beruf wie ihr Vater erlernten, so auch Kurt junior. Der absolvierte die Lehre bei einem Kollegen seines Vaters in Rorschach. Es folgten Stationen in Bern, St.Moritz, Schwetzingen/D sowie ein halbes Jahr im weltgrössten Blumenmarkt im holländischen Aalsmeer. Im Jahr 1982 absolvierte Kurt junior die Meisterprüfung. Ein Jahr später heiratete er seine Agnes und übernahm das Geschäft in dritter Generation. Eine vierte wird es jedoch nicht geben. Tochter Mirjam und Sohn Fabian haben andere Berufe ergriffen. (man)

Seiner Frau Agnes schenkte Kurt Iseli ebenfalls Blumen. Er dankte ihr für alle Arbeit in ihrem grossen Garten, der bei ihm immer zu Gunsten anderer Prioritäten warten musste. Und so erhielt Agnes von ihrem Mann eine wunderschöne Camelia, «für die wir jetzt gemeinsam sorgen können», sagte Kurt Iseli.

Lieferungen an die Frauen seiner Militärkameraden

Fast 40 Jahre war der Frühpensionär, wie er sich nennt – «ich werde erst in eineinhalb Monaten 65» – verantwortlich für sein Geschäft. Und fast genau so lange lief ein Dauerauftrag, den er vor 38 Jahren im Militär an Land gezogen hatte. Er sass mit ein paar Kameraden in der Beiz und sie sprachen über ihre Berufe. «Blumen schenken ist okay, aber daran denken schwierig», hätten sie ihm gesagt, so Kurt Iseli.

«Ich übernehme das», sagte er – und so nahm er fünf Daueraufträge heim und schickte den Frauen jeweils am Muttertag, am Hochzeitstag, am Geburtstag und am Valentinstag einen Strauss. Erst vor einer Woche rief der letzte dieses Quintetts Kurt Iseli an und meinte: «Das war eine tolle Sache, aber ich bin nun pensioniert und möchte das Abo künden.»

Auch von seinem Vater Kurt senior kann Iseli eine lustige Anekdote erzählen. Einst habe diesem bei einer Blumenlieferung eine Dame die Tür geöffnet, «die war barfuss bis zum Hals», erzählt er und lacht. Die habe wohl ihren Freund erwartet. Das sei ihm nie passiert, obwohl er viele Blumen ausgeliefert habe.

Lange Jahre Präsident der «Amriswiler Fachgeschäfte»

Dafür hatte er wohl den skurrilsten Auftrag von einem Fremden erhalten, der vier grosse Sträusse im Abstand von je einer Stunde an jeweils dieselbe Adresse geliefert haben wollte – und zwar ausschliesslich an Herrn X persönlich. Der Kunde bezahlte alles im Voraus. Kurt Iseli stutzte, tat jedoch was gewünscht war. Als er die Blumen lieferte, und dort ein riesen Fest im Gange war, staunte er nicht schlecht, denn der Herr X war dieselbe Person, die bei ihm die vier Sträusse bestellt hatte. Und genüsslich las dieser Herr X die Glückwunschkarten vor, die er sich offensichtlich zuvor selber geschrieben hatte.

Doch mit solchen Geschichten ist nun Schluss – auch mit seinem grossen Engagement für diverse Verbände und Vereinigungen, wie etwa die «Amriswiler Fachgeschäfte», deren Präsident Kurt Iseli lange Jahre war. Dafür hat er nun viel Zeit für seinen Garten, für seine Agnes und für die erst kürzlich geborene Enkeltochter. Vielleicht wird ja aus ihr auch einst eine Floristin. Kurt Iseli würde sich freuen.