Tierseuchen
«Wir sind von der Afrikanischen Schweinepest umzingelt»: Thurgauer Spürhunde müssen Kadaver rechtzeitig finden

Seit einigen Jahren ist die Afrikanische Schweinepest (ASP) in ganz Europa auf dem Vormarsch. Das Veterinäramt Thurgau hat 2021 einen Fachstab gebildet. Eine wichtige Rolle spielen dabei gut ausgebildete ASP-Suchhunde, die verendete Wildschweine aufspüren.

Christof Lampart
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Der ASP-Spürhund findet das ausgelegte Wildschweinfell zielsicher. Im Ernstfall muss er Kadaver von Wildschweinen aufspüren.

Der ASP-Spürhund findet das ausgelegte Wildschweinfell zielsicher. Im Ernstfall muss er Kadaver von Wildschweinen aufspüren.

Belinda Schmid

Lautlos eilt Varik über den weichen Waldboden. Überall liegen Tannenzapfen und verleihen der Szenerie ein betont herbstliches Gepränge. Auch Menschen stehen in grösseren Abständen herum. Einige Fremde rufen sogar Befehle. Doch das alles interessierte den Lagotto Romagnolo nicht. Dass es hier Trüffel gibt, ist unwahrscheinlich – schliesslich tun sich die teuren Edelpilze vor allem gerne mit Eichen, Buchen, Linden und Haselsträuchern zusammen.

Kantonsärztin Malin Engeli.

Kantonsärztin Malin Engeli.

Belinda Schmid

Es wäre aber auch heute nicht seine Aufgabe, solche aufzuspüren, obwohl das wuselige Wollknäuel erkennbar seine Umgebung absucht. Doch für einmal gilt es nicht, eine Delikatesse zu finden, sondern eine latent lauernde Gefahr: die Afrikanische Schweinepest (ASP). Denn Varik del tesoro d’oro, wie der Rüde von Peter Höltschi mit ganzem Namen heisst, ist eines von fünf vierbeinigen Mitgliedern der kantonalen ASP-Hundestaffel, die gegenwärtig in den Thurgauer Wäldern ausgebildet wird.

Thurgau ist wegen der vielen Schweine gefährdet

Momentan befindet sich das Team, das unter der Leitung des Aarauer ASP-Suchhundeausbildners Hans Döbeli steht, unweit der Jagdhütte der Jagdreviers Berg im Training. Geübt wird fleissig – und das mit gutem Grund, wenn man der stellvertretenden Thurgauer Kantonstierärztin Malin Engeli Glauben schenkt. «Wir haben zwar in der Schweiz noch keine Anzeichen der ASP, doch es ist nicht die Frage, ob wir sie bekommen, sondern nur wann. Und dann sollten wir darauf vorbereitet sein.»

Für Schweine tödlich, für Menschen harmlos

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist eine anzeigepflichtige Tierseuche, von der Haus- und Wildschweine betroffen sind. In den afrikanischen Ursprungsländern übertragen Lederzecken das Virus der ASP. Diese spielen in Mitteleuropa keine Rolle. Hier erfolgt eine Übertragung durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren oder deren Kadavern, die Aufnahme von Speiseabfällen oder Schweinefleischerzeugnissen und -zubereitungen sowie andere indirekte Übertragungswege (Fahrzeuge, kontaminierte Ausrüstungsgegenstände einschliesslich Jagdausrüstung, landwirtschaftlich genutzte Geräte und Maschinen, Kleidung). Der Kontakt mit Blut ist der effizienteste Übertragungsweg. Nach einer Infektion entwickeln die Tiere sehr schwere, aber unspezifische Allgemeinsymptome. ASP ist keine Zoonose, also keine zwischen Tier und Mensch übertragbare Infektionskrankheit, und daher für den Menschen ungefährlich. Andere Haus- und Wildtiere sind ebenfalls nicht empfänglich für die ASP.
(Quelle: Friedrich-Loeffler-Institut, Bundesinstitut für Tiergesundheit, Greifswald, Deutschland).

Tatsächlich ist die für den Menschen völlig unbedenkliche, für Haus- und Wildschweine jedoch binnen einer Woche ab Befall fast zu 100 Prozent tödliche Viruserkrankung rasant auf dem Vormarsch in Europa. In den vergangenen fünf Jahren hat sie sich im Norden den Weg über Polen bis nach Württemberg und im Süden bis nach Norditalien gebahnt. «Wir sind von der Afrikanischen Schweinepest umzingelt», macht sich Engeli nichts über den Ernst der Lage vor.

Ausbildner Hans Döbeli mit seinem Golden Retriever.

Ausbildner Hans Döbeli mit seinem Golden Retriever.

Belinda Schmid

Ausrottung der Seuche ist höchst aufwendig

Das ist umso beunruhigender, weil der Thurgau zum einen über grosse Haus- und Wildschweinepopulationen verfügt (auf zwei Einwohner kommt ein Hausschwein). Zum anderen ist die Ausrottung der Seuche an Orten, wo sie einmal auftritt, höchst aufwendig und kann bis zu zwei Jahre dauern. Von der ASP betroffene Hausschweinebestände müssen gekeult und entsorgt werden, was nebst hohen Kosten auch negative wirtschaftliche Folgen für die heimische Landwirtschaft mit sich brächte.

Acht Staffelpaare wären ideal

Hans Döbeli, Suchhundeausbildner.

Hans Döbeli, Suchhundeausbildner.

Belinda Schmid

Eine baldige Stütze im Kampf gegen das nahende Unheil ist Varik, der darauf konditioniert ist, verelendete Wildschweinekadaver im Wald aufzuspüren. Bereits in wenigen Wochen soll die erste kantonale ASP-Hundestaffel einsatzbereit sein. Bei der aktuellen Übung gilt es, drei Schweineschwarten innert weniger Minuten zu finden. Das gelingt dem Rüden mit Leichtigkeit; nebst viel Lob bringt es ihm auch ein Leckerchen vom Herrchen ein. Doch reichen fünf Hunde, um den ganzen Kanton Thurgau vor der ASP zu schützen? «Wir bilden jetzt fünf Paare aus und im nächsten Jahr noch ein paar weitere», so Malin Engeli. Hans Döbeli nickt zufrieden:

«Wenn alle Kantone acht ASP-Staffelpaare hätten, wäre die Schweiz gut im Kampf gegen die Krankheit aufgestellt.»

Die ASP-Schutzstaffel besteht aus freiwilligen Jägerinnen und Jägern, die für ihre jeweiligen Einsätze vom Kanton entschädigt werden. Zwar könnten theoretisch alle Hundehaltenden beim Programm mitmachen. Dass sich das Kantonale Veterinäramt bei der ASP-Bekämpfung aber an die hiesigen Hubertusjünger gewandt hat, leuchtet ein. Zum einen kennen sich diese in den Wäldern aus, zum anderen sind ihre Hunde es sich gewohnt, Fährten aufmerksam zu folgen und – ganz wichtig – aufs Wort zu gehorchen.

Warten auf den Einsatz.

Warten auf den Einsatz.

Belinda Schmid

Nur so ist die Gefahr verschwindend gering, dass sich ein Hund im Ernstfall an einem kontaminierten Kadaver vergreift, bevor sein Halter ihn erreicht. Denn das ASP-Virus kann nicht nur leicht durch Ausscheidungen über weite Strecken verbreitet werden. Es ist auch langlebig und überlebt problemlos ein Jahr in der freien Natur.