Landwirtschaft
Zuviel Ammoniak wegen Gülle: Einen Zwang zur Reduktion der Tierzahl lehnt der Thurgauer Regierungsrat aber ab

Bei der Zersetzung von tierischen Exkrementen entsteht Ammoniak. Doch das stark riechende, farblose und giftige Gas kann die Umwelt nachhaltig schädigen. In den Augen der Grossratsmitglieder Marco Rüegg (GLP, Gachnang) und Erika Hanhart (Grüne, Matzingen) unternimmt der Regierungsrat zu wenig dagegen.

Hans Suter
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Durch den Einsatz der Schleppschlauch-Technik wird beim Ausbringen von Gülle weniger Ammoniak in die Luft freigesetzt.

Durch den Einsatz der Schleppschlauch-Technik wird beim Ausbringen von Gülle weniger Ammoniak in die Luft freigesetzt.

Bild: Philipp Unterschütz

Trotz langjähriger Bemühungen und tendenziell rückläufiger Nutztierzahlen gelten die Ammoniakimmissionen in empfindliche Ökosysteme im Thurgau als zu hoch. «Auf mehr als 90 Prozent der Waldfläche werden die kritischen Einträge für Stickstoff überschritten», zitieren die Grossratsmitglieder Marco Rüegg (GLP, Gachnang) und Erika Hanhart (Grüne, Matzingen) eine früher gemachte Aussage des Thurgauer Regierungsrats. Das habe eine Verringerung der Artenvielfalt zur Folge und mache Wälder schadensanfälliger für Stürme, Schädlinge und Trockenheit. Zudem sei der entstehende Feinstaub stark gesundheitsgefährdend.

«Das Problem einfach auf morgen verschieben?»

Kantonsrat Marco Rüegg, GLP, Gachnang.

Kantonsrat Marco Rüegg, GLP, Gachnang.

Bild: Ralph Ribi

In den Augen von Rüegg und Hanhart unternimmt der Regierungsrat zu wenig dagegen. Dieser lobe zwar die Erfolge des Thurgauer «Massnahmenplans Ammoniak 2021-2023» durch technische und bauliche Massnahmen, halte jedoch fest, dass der Kanton die Vorgaben des Bundes zur Ammoniakreduktion nicht zu erfüllen vermöge: «Ein ambitionierteres Reduktionsziel wäre nur mit einer sehr einschneidenden Reduktion der Tierzahl zu erreichen, welche die Thurgauer Landwirtschaft gegenüber anderen Kantonen und Ländern benachteiligen würde.» Dafür müsse sich zuerst das Konsumverhalten verändern.

Kantonsrat Erika Hanhart, Grüne, Matzingen.

Kantonsrat Erika Hanhart, Grüne, Matzingen.

Bild: Ralph Ribi

Rüegg und Hanhart wollen dies nicht einfach hinnehmen und hakten am 9. November 2022 mit einer Einfachen Anfrage an den Regierungsrat nach. Unter anderem wollen sie wissen, ob sich die angesprochene Benachteiligung des Thurgaus durch eine geeignete Koordination unter den betroffenen Kantonen zumindest reduzieren liesse und warum er bei den technischen Massnahmen auf das Prinzip Hoffnung statt auf bekannte und wirksame Lösungen setze.

Thurgau ist dem Bund beim Schleppschlauch zwei Jahre voraus

«Die Weisungen des Bundes im Bereich der Ammoniakreduktion sind derzeit wenig konkret und sehen keine generelle Reduktion des Tierbestandes vor», schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort. Seine Vollzugsaufgaben im Bereich der Ammoniakreduktion nehme er indes wahr, indem er seinen kantonalen Massnahmenplan Ammoniak umsetze. Gestützt darauf habe er per 2022 das Schleppschlauch-Obligatorium eingeführt, obwohl der Bund die Einführung schweizweit auf 2024 verschoben hat. «Erfreulicherweise setzen viele Thurgauer Landwirtschaftsbetriebe sogar besonders emissionsmindernde Gülleausbringtechniken wie den Schleppschuh ein. Dadurch können die Ammoniakemissionen noch deutlicher reduziert werden.»

«Kein Kanton würde freiwillig die eigenen Tierbestände reduzieren»

Eine Koordination mit anderen Kantonen zur Reduktion der Tierzahlen würde sich in den Augen des Regierungsrats als «sehr schwierig» gestalten: «Kein Kanton würde freiwillig die eigenen Tierbestände reduzieren. Insofern sind Bemühungen zur Koordination kein wirksames Mittel und in diesem Falle nicht zielführend.» Die Meinung, dass es sich hierbei nur um eine reine Koordinationsfrage handelt, teilt der Regierungsrat nicht. «Für die Kantone ist die Tierhaltung mit erheblicher Wertschöpfung verbunden. Diese würde im Falle von Tierbestandsreduktionen erheblich reduziert.» Die Konsumentinnen und Konsumenten hätten indes die Möglichkeit, Produkte zu wählen, die zur Ammoniak-Reduktion beitragen, indem sie vermehrt auf Fleisch verzichten. Der jährliche Pro-Kopf-Konsum verharre seit 2020 bei etwa 48 Kilo pro Kopf.

«Es kann berechtigterweise davon ausgegangen werden, dass in naher und weiterer Zukunft diverse weitere bauliche wie betriebliche Massnahmen zur Verfügung stehen werden, um die Ammoniakemissionen zu reduzieren», schreibt der Regierungsrat weiter. Europaweit werde an der Forschung von betrieblichen wie baulichen ammoniakreduzierenden Massnahmen gearbeitet. Projekte wie «Harn-Kot-Trennung» bei den Rindern, Gülleansäuerung bei den Schweinen oder eiweissreduzierte Fütterung bei Geflügel seien bereits im Praxistauglichkeitstest. Die von den Kantonen getragene Institution «Drehscheibe Ammoniak» koordiniere die Tätigkeiten und sammle die Ergebnisse. Der Thurgau engagiere sich finanziell und personell.