Uneinigkeit
Nach langer Diskussion: Der «Sulzerhof» in Aadorf entgeht einer Versteigerung

Der «Sulzerhof» auf einem parkähnlichen Areal an der Kantonsgrenze wird nicht versteigert, sondern aufgeteilt. Peter Granwehr, der den Sulzerhof während 27 Jahren verwaltet und dabei dessen Geschichte recherchiert hat, nimmt dazu Stellung.

Kurt Lichtensteiger
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Der Sulzerhof von Norden: Das Haus 1 (rechts) bildet neu eine eigene Parzelle. Der Rest gehört der Familie Granwehr.

Der Sulzerhof von Norden: Das Haus 1 (rechts) bildet neu eine eigene Parzelle. Der Rest gehört der Familie Granwehr.

Bild: PD

Mutmassungen über das Schicksal des geschichtsträchtigen Sulzerhofs waren in jüngster Zeit zu vernehmen. Peter Granwehr, der den Sulzerhof während 27 Jahren verwaltet und dabei dessen Geschichte recherchiert hat, nimmt dazu Stellung: «Schon am 26. Februar 1943 stand damals in der ‹Aadorfer Zeitung›, dass der Sulzerhof in andere Hände übergehen würde. Doch das war eine Falschmeldung. Heute jedoch stimmt sie – wenn auch nur zur Hälfte.»

Das Gericht als Drohung

Die nun erfolgte Handänderung präzisiert Peter Granwehr: «Zweieinhalb Jahre lang haben die Miteigentümer und Miteigentümerinnen des Sulzerhofs über dessen Zukunft verhandelt. Es ging dabei um Gebäude auf einer Fläche von gut 22’000 Quadratmetern im Hofbereich und sieben Hektaren Kulturland», sagt Granwehr. Dabei hätte die eine Hälfte ihren Anteil zu Geld machen wollen, die andere wollte ihren Anteil in der Familie behalten und weiterentwickeln. Dabei sei weder das eine noch das andere verboten. Das Gesetz gäbe jedem Miteigentümer das Recht, eine Teilung zu verlangen. Doch es bestehe kein Recht, von den anderen Miteigentümern ausbezahlt zu werden.

Aber genau das hätte gemäss Granwehr die Partei A verlangt, doch die Gegenpartei lehnte ab. Sie beurteilte dies als viel zu riskant angesichts des Unterhaltsbedarfs der Liegenschaft und befürchtete, dass eine weitere Verschuldung bei der Bank den Sulzerhof über kurz oder lang in den Ruin treiben würde. Granwehr führt aus: «Deshalb arbeitete sie einen Teilungsvorschlag aus, den die Partei A aber nicht akzeptieren wollte und stattdessen den Gerichtsweg einschlug. Wobei sie nicht zurückschreckte, auch eine öffentliche Versteigerung zu beantragen.» Granwehr verweist auf die erwähnte Falschmeldung in der «Aadorfer Zeitung»: «Falsch war sie allein deshalb, weil sich der Käufer im letzten Moment zurückgezogen hatte.»

Dazu müsse man wissen, dass die Familie Sulzer im Jahr 1935 eine andere Linie der Familie, die 50 Prozent des Hofs besass, ausbezahlt hatte und danach hier einen Bauernbetrieb einrichtete. Doch schon acht Jahre später war klar, dass die Rechnung nicht aufging:

«Nur eine einzige Familie reichte nicht aus, die finanziellen Lasten dieser umfangreichen historischen Liegenschaft zu tragen.»

Granwehr schmunzelt und sagt: «Es war der Liebesgott Amor, der den Sulzerhof rettete.» Denn Hugo Sulzer heiratete Ursula, die Tochter des Industriellen Paul Stierlin aus Wängi, der beträchtliche Summen investiert und dem 1833 gegründeten Anwesen ein zweites Leben geschenkt habe. «Es war dieses Wissen aus der Geschichte, das mich und meine beiden Kinder lehrte, dass ein Auskauf der Partei A ein No-Go war.» Ende der 1970er-Jahre folgte ein zweiter Renovationsschub. Nachdem der Bauernbetrieb 1988 aufgegeben wurde und 1990 Hugo Sulzer verstorben war, übernahm dessen Tochter Barbara zusammen mit ihrem Mann die Verwaltung. «Wir haben bis zu ihrem Tod 2012 alle Einnahmen aus dem Hof reinvestiert. Dabei blieb es bis Ende 2018», versichert Granwehr.

In drei Parzellen aufgeteilt

«Unsere Sturheit hat sich ausgezahlt», bilanziert er: Die Partei A lenkte schliesslich ein, womit die Gefahr einer öffentlichen Versteigerung gebannt war. Am 15. November 2022 ist der Sulzerhof in drei Parzellen aufgeteilt worden. Das Haus 1 gehört seither wie der Hänkiturm den beiden Mitgliedern der Partei A, der Rest der Familie Granwehr. Einig waren sich die beiden Parteien immerhin darin, dass sich das Alltagsleben im Hof nicht ändern soll: Dank einer im Grundbuch eingetragenen Dienstbarkeit ist der gesamte Hofumschwung des Sulzerhofs auch in Zukunft allen Mieterinnen und Mietern zugänglich. Und zumindest im Teil Granwehr wird das seit 1993 bestehende «Sulzerhof-Modell» weitergeführt.

Was bedeutet: Wer hier eine Wohnung mietet, verpflichtet sich vertraglich, ein Arbeitspensum im Park zu übernehmen. Der Sulzerhof kann sich so den Gärtner ersparen. Zudem entwickeln die Bewohnenden eine engere Beziehung zum Mietobjekt. Nicht zu vergessen: Hier treffen «Thurgauer» und «Zürcher» aufeinander – im Gegensatz zu früher friedlich – denn der Sulzerhof, dessen Häuser und Park unter Denkmalschutz stehen, wird von der Kantonsgrenze durchschnitten. Doch das sei eine andere Geschichte, bemerkt Granwehr.