Unscheinbar stattlich: Das ist die mindestens 160 Jahre alte Silberweide des Frauenfelder Stadtrats Andreas Elliker

Die über 20 Meter Silberweide in Frauenfeld-Osterhalden hat ein eigenes Kapitel in «Baumriesen der Schweiz», wirkt aber gar nicht so imposant, weil sie auf einem Feld steht und nicht exponiert. Stadtrat Andreas Elliker, der unweit davon entfernt einen Landwirtschaftsbetrieb führt, hat viele schöne Kindheitserinnerungen an den Baum.

Mathias Frei
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Andreas Elliker und seine sicher 160 Jahre alte Weide, rechts hinten ist Ellikers Bachhof zu sehen.

Andreas Elliker und seine sicher 160 Jahre alte Weide, rechts hinten ist Ellikers Bachhof zu sehen.

(Bild: Mathias Frei)

Auch in Frauenfeld haben Stadträte geheime Spielplätze. Andreas Ellikers Paradies war die mächtige Silberweide unweit seines Daheims, dem Bachhof. «Von uns vier Kindern war ich am meisten auf dem Baum», erzählt der Vorsteher des städtischen Departements für Bau und Verkehr. Die Weite auf der Niderwise, wo der Baum steht, beeindruckt. Etwas entfernt in Richtung Thur weiden Kühe von Ellikers Bio-Milchwirtschaftsbetriebs.

«Mit dieser Weide verbinde ich viele schöne Erinnerungen.»

Er lacht. Mehr verraten will er aber nicht. Auf jeden Fall gab es mal eine Plattform in der Baumkrone, wo sich der heutige Stadtrat nach eigenen Angaben jeweils auf die Lauer legte und beobachtete.

Ein Blitz fällte den Schwesterbaum

Andres Storrer, Geschäftsführer Baumpflege Baumart AG.

Andres Storrer, Geschäftsführer Baumpflege Baumart AG.

(Bild: PD)

Die Silberweide steht auf einer Naturwiese, die Elliker gehört. Oder wie es so schön heisst: die er für die Nachwelt gepachtet hat. «Bis in die 1980er-Jahre hatte die Weide einen Schwesterbaum, eine kleine Weide», sagt Elliker. Der Schwesterbaum habe aber nach einem Blitzeinschlag gefällt werden müssen. Nun steht die Silberweide allein auf weiter Flur – und macht so noch mehr her. Gleichwohl kennen wohl nur die wenigsten Frauenfelder diesen Einzelbaum. Weil er eben nicht exponiert steht, sondern in der Ebene. Andres Storrer ist Geschäftsführer der in Frauenfeld beheimateten Baumpflege Baumart AG.

«Ich rate allen, die Weide mal anzuschauen.»

Das sagt er. Dafür muss man übrigens nicht über die Naturwiese trampen. Auch von der nahen Strasse aus wirken die über 20 Meter Höhe schon imposant. Der Stammumfang beträgt gegen neun Meter. «Das ist viel für eine Weide», sagt Storrer.

Das Buch «Baumriesen der Schweiz».

Das Buch «Baumriesen der Schweiz».

(Bild: PD)

Die Silberweide war 1999 Baum des Jahres. Und Ellikers Silberweide hat sogar ein Kapitel im 2009 erschienenen Buch «Baumriesen der Schweiz». Michel Brunner, Buchautor und Gründer des Schweizer Bauminventars «Pro Arbore» hat die Silberweide untersucht, beschrieben und fotografiert. Er geht davon aus, dass der Baum mindestens seit 1860 steht. Storrer sagt: «Aufgrund ihres Holzaufbaus ist das ein stattliches Alter für eine Weide.» Diese Baumart sei raumwüchsig. Deshalb könnten Silberweiden auch weniger gut Schadstellen abschotten oder eingrenzen.

Elliker war gegen eine Unterschutzstellung

Wie Elliker sagt, hat Storrer die Silberweide frisiert, also das Astwerk rausgeschnitten. Dabei geht es gemäss dem Baumexperten primär darum, Teile der Baumkrone zu entlasten, weil starke Kräfte wirkten. Damit nicht einfach Astwerk abbricht. Ob des imposanten Baumes könnte man meinen, er stehe unter Schutz. Dem ist aber nicht so. Die Stadt hatte zwar einmal eine Unterschutzstellung angeregt. Elliker, damals noch Gemeinderat, war aber dagegen.

«Vorher fälle ich den Baum.»

Das habe er damals gesagt. Heute muss er über diese kleine Geschichte lachen. Fällen: Das kommt für Elliker nicht in Frage. Obwohl sich die Silberweide in den letzten Jahren gewissermassen auseinandergelebt hat. Der westliche Teil des Baums lebt aber noch. «Die Silberweide bietet so vielen Tieren einen Lebensraum», freut sich Elliker, der sich ja auch politisch vehement für die Förderung der Artenvielfalt einsetzt.

Fakt ist aber: «Der Baum hat seinen Zenit überschritten.» So sieht es Baumspezialist Storrer. Die Silberweide sei sicher in der Stagnations-, wenn nicht sogar schon in der Resignationsphase. Ans Fällen müsse man in diesem Fall aber nicht denken, sagt Storrer. «Ich würde die Silberweide einfach verfallen lassen.» Ein wahrlich würdiges Ende für diesen Baum.