Treue
«Alles ist komplizierter»: Was Paul Pfister über seine 32-jährige Tätigkeit als Gemeindeschreiber in Müllheim erzählt – dabei ist er gar nicht Dienstältester

Ende Oktober ist Paul Pfister als langjähriger Gemeindeschreiber in Müllheim in den Ruhestand gegangen. Weil es ihm in der Verwaltung so gut gefällt, arbeitet er trotz Frühpensionierung weiter. Länger als der 62-Jährige arbeitet nur Beatrice Widmer bei der Gemeinde, seit dem 1. Januar 1989. Pfister und Widmer erzählen, was sich seit dem Ende der 80er alles verändert hat.

Samuel Koch
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Rundherum Grün vor der Gemeindeverwaltung Müllheim: Paul Pfister und Beatrice Widmer.

Rundherum Grün vor der Gemeindeverwaltung Müllheim: Paul Pfister und Beatrice Widmer.

Bild: Tobias Garcia

Beim Fall der Berliner Mauer waren sie schon da. Als am 9. November 1989 der Eiserne Vorhang fiel, arbeiteten Beatrice Widmer und Paul Pfister bereits auf der Gemeindeverwaltung Müllheim. Ende Oktober ist Pfister in Frühpension gegangen, wobei er in der Bauverwaltung weiterhin öffentlicher Arbeit auf Stundenbasis nachgeht. Der 62-Jährige sagt:

«Ich komme, wenn es mich braucht. Ohne Ablaufdatum.»
Paul Pfister, Gemeindeschreiber Müllheim, 1989–2021.

Paul Pfister, Gemeindeschreiber Müllheim, 1989–2021.

Bild: Tobias Garcia

Pfister ist also im Hintergrund weiter für die Gemeinde aktiv, für welche er mehr als sein halbes Leben gearbeitet hat. Loyalität gehört bei ihm dazu, «selbstverständlich, gerade bei einem solch guten Zusammenhalt wie hier», wie er sagt. Nebst der Leitung der Kanzlei habe es zuletzt grad erst einen Wechsel im Steueramt gegeben, weshalb Pfister für eine gute Übergangsphase gerne noch ein paar Stunden opfert. «Man sieht ja, was bei allzu vielen Wechseln passieren kann, wenn man in andere Gemeinden schaut», sagt er. Was braucht es denn für eine funktionierende Verwaltung ohne Querelen?

«Es braucht politisches Flair, um die Leute begeistern zu können. Und ein Gspüri, um für die Bevölkerung da zu sein.»

Aufgewachsen ist Pfister in Wiesendangen. Nach der Lehre bei Sulzer in Winterthur zog es ihn als Buchhalter nach Kreuzlingen, ehe er in einer Müllheimer Unternehmung als Computerspezialist eine Anstellung fand. Ende der 80er umgarnte ihn der damalige Gemeindeammann Beda Balmer, und so startete Pfister am 1. Mai 1989 seine Laufbahn in der Verwaltung.

1650 Einwohner damals, heute sind fast doppelt so viele

Während des Gesprächs offenbart Pfister plötzlich, dass er gar nicht Dienstältester bei der Gemeinde sei und holt mit Beatrice Widmer vom Einwohnerdienst das zweite Müllheimer Urgestein dazu, wie sich die beiden selbst liebevoll nennen. Die 58-Jährige aus dem Dorf hat bereits im Januar 1989 auf der Verwaltung angefangen, immer wieder wechselnd zwischen verschiedenen Abteilungen. Sie sagt:

«Das ist das Geheimrezept. Und die Freude an der Arbeit.»
Zwei treue Seelen der Müllheimer Gemeindeverwaltung: Beatrice Widmer und Paul Pfister.

Zwei treue Seelen der Müllheimer Gemeindeverwaltung: Beatrice Widmer und Paul Pfister.

Bild: Tobias Garcia

Auch der Umgang mit der Bevölkerung habe ihr immer sehr gefallen, wobei dieser zuletzt – auch coronabedingt – merklich zurückgegangen sei. «Schade eigentlich», meint sie und zuckt mit den Schultern. Diametral dazu ist die Gemeinde zwischen Seerücken und Wellenberg seit Pfisters und Widmers Ankunft auf der Verwaltung gewachsen, von 1650 Einwohnern damals auf mittlerweile 3000, also fast doppelt so viele, Tendenz steigend.

In den ersten Jahren noch in der Villa Felsenau zog die Verwaltung 1992 an den heutigen Standort an der Frauenfelderstrasse 4. «Mir hat es dort gut gefallen, vor allem im Sommer war es nicht so warm», sagt sie und schmunzelt. Für ihn sind die grössten Veränderungen in all den Jahren vor allem im technischen Bereich auszumachen. Pfister erzählt von eidgenössischen Wochenenden und muss selber darüber lachen:

«Bei Wahlen oder Abstimmungen etwa machte ich eine Strichliliste und brachte die Resultate noch in Disketten nach Frauenfeld.»

Generell sei in der Verwaltung vieles komplizierter geworden, mit Mehraufwand für alle Beteiligten. «Und die Erwartungen sind deutlich gestiegen», ergänzt er. Die beiden erinnern sich aber lieber an Schönes. Etwa ans Kreiselfest in den 90ern, als das Verwaltungsteam im Service am gleichen Strick gezogen habe. Oder dass die Thurtalgemeinde weiterhin alles Notwendige für den täglichen Bedarf zu bieten hat. «Wir haben alles im Dorf, Detailhandel, Schulen und eine gute ÖV-Anbindung», sagt Widmer. Einzig in der Gastronomie sei man seit der Schliessung des «Ochsen» nicht mehr so verwöhnt. Er nickt bestätigend und meint: «Ja, das ist schade.»

Zwei Tipps für die Nachfolgerin

Positiv in Erinnerung bleibt Pfister auch seine Verabschiedung an der Gemeindeversammlung im November und der Ausflug der Verwaltung Pfisters wegen in die Destillerie nach Amlikon. Beim anschliessenden Essen waren nebst dem amtierenden Urs Forster alle ehemaligen Gemeindepräsidenten zugegen. «Für mich hat es gestimmt», sagt Pfister. Seiner Nachfolgerin Corinne Bolzli, die er bereits eingearbeitet hat, gibt Pfister zwei Tipps:

«Wichtig ist, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.»

Und mit einem Netzwerk, um je nach dem Thema die richtigen Leute zu fragen, komme es definitiv gut, meint der langjährige Präsident des Kirchenchors, der in der Freizeit in seinem Keller auch mal ein Cockpit baut, einen Flugsimulator einrichtet, darin für die Swiss Virtual Airline zwei Abende pro Woche virtuell fliegt und dann sogar Besuch von einem TV-Team bekommt. «Das war superspannend», sagt der Vater dreier erwachsener Kinder. Und selber einmal fliegen? «Nein, auf keinen Fall!»

«Simulation – fast wie echt» mit Paul Pfister (ab 31:35).

Video: NZZ Format (2009)

Nebst Zeit mit der Familie oder auf seinem in Arbon stationierten Motorboot will Pfister schon noch reisen und die Welt sehen, sofern es Corona wieder weniger riskant zulasse. Konkrete Ziele hat er keine, sagt Pfister und meint: «Ich bin jemand, der gut auch einmal einfach nichts machen kann.»