Thurgau
Polizisten und Pflegefachleute: Viele Gemeinsamkeiten bei der Belastung, aber keine beim Ausbildungslohn – warum?

Angehende Polizistinnen und Polizisten verdienen während ihrer zweijährigen Ausbildung bis zu einem Mehrfachen dessen, was Pflegefachleute auf vergleichbarer Ausbildungsstufe erhalten. Warum ist der Lohnunterschied so gross, obwohl beide Berufe als systemrelevant gelten? Das möchte die Kreuzlinger SP-Kantonsrätin Edith Wohlfender vom Thurgauer Regierungsrat wissen.

Hans Suter
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In einem Rechtsgutachten wird der Beruf der Pflegefachleute hinsichtlich der Belastungen gleich eingestuft wie der Beruf des Polizisten.

In einem Rechtsgutachten wird der Beruf der Pflegefachleute hinsichtlich der Belastungen gleich eingestuft wie der Beruf des Polizisten.

Bild: PD

Wer Polizist beziehungsweise Polizistin oder dipl. Pflegefachperson werden möchte, muss vorgängig mindestens eine Berufsausbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) abgeschlossen haben. Beide Berufe gelten als systemrelevant und beide weiterführenden Ausbildungen dahin dauern etwa gleich lange, meist zwei Jahre. Der Kanton Thurgau unterhält für beide Berufe Ausbildungsstätten, für die Polizei in Amriswil, für die Pflegefachleute in Weinfelden.

Kantonsrätin Edith Wohlfender, SP, Kreuzlingen.

Kantonsrätin Edith Wohlfender, SP, Kreuzlingen.

Bild: Donato Caspari / chmedia

Geht es um die Entlöhnung während der Ausbildung, ist es vorbei mit den Gemeinsamkeiten. Angehende dipl. Pflegefachleute erhalten einen Monatslohn von brutto 1000 bis 1800 Franken, angehende Polizistinnen und Polizisten im ersten Ausbildungsjahr 4961 Franken und im zweiten Ausbildungs Jahr 5189 Franken. Die Kreuzlinger SP-Kantonsrätin Edith Wohlfender kann diese «erstaunlich grossen Unterschiede» nicht nachvollziehen.

«Das wirft Fragen auf», sagt sie. Um Antworten zu erhalten, hat sie im Grossen Rat eine Einfache Anfrage eingereicht unter dem Titel «Systemrelevante Berufe – Warum unterscheidet sich der Ausbildungslohn bzw. der Ausbildungssold zwischen traditionellen Frauen- und Männerberufen?».

Spezialausbildung für Einsteigerinnen

Im Kanton Thurgau gibt es noch eine Spezialausbildung für über 25-jährige Berufseinsteigerinnen. Sie erhalten einen Bedarfslohn. Dieser liegt etwas höher als jener der jungen Auszubildenden, aber nicht so hoch wie derjenige der Polizisten. Da Arbeitgeber und Kanton die Differenz zum «normalen» Studierendenlohn gegenüber dem existenzsichernden Lohn zahlen, müssen sich diese Studierenden oft bei der Ausbildungsstätte wegen des Mehrlohns für eine gewisse Zeit verpflichten. Das gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen. (hs)

Polizistinnen und Polizisten haben mit Pflegefachleuten einiges gemeinsam: geistige Anforderungen, Verantwortung, unregelmässige Schichtdienste, psychische Belastung.

Polizistinnen und Polizisten haben mit Pflegefachleuten einiges gemeinsam: geistige Anforderungen, Verantwortung, unregelmässige Schichtdienste, psychische Belastung.

Bild: Christian Merz / Key

Einkommensungleichheit beheben

In ihrem Vorstoss möchte Edith Wohlfender dem Sachverhalt auf den Grund gehen und fragt: «Wie begründet der Regierungsrat die viel tiefere Besoldung während der Ausbildung zur dipl. Pflegefachperson im Vergleich eines angehenden Polizisten oder einer angehenden Polizistin?» Zugleich möchte sie wissen, wie der Regierungsrat die Einkommensungleichheit während der Ausbildung dieser «bezüglich physischer und psychischer Voraussetzungen und Anforderungen identischen Berufe» zu beheben gedenkt.

Ihre dritte Frage zielt direkt auf den Lohn: «Ist der Regierungsrat bereit, Massnahmen zu treffen, um im Zuge der Umsetzung der Pflegeinitiative den Ausbildungslohn während des Pflegestudiums HF mindestens auf das Niveau angehender Polizistinnen und Polizisten anzuheben?» Die vierte und letzte Frage ist eher rhetorischer Naur: «Sieht der Regierungsrat die Möglichkeit, mit besserer Besoldung während des Pflegestudiums den Berufseinstieg zu fördern und damit dem prekären Pflegefachpersonenmangel entgegenzuwirken?» Die Antwort der Regierung dürfte in rund zwei Monaten vorliegen.

Gutachten bestätigt die Vergleichbarkeit beider Berufe

Der Vorstoss von Edith Wohlfender ist nicht ohne Zündstoff. Im Kanton St.Gallen wurde in einem rund zehnjährigen Rechtsverfahren um eine Lohnfeststellungsklage bis vor Bundesgericht über die Bewertung von Pflege und Polizei gestritten. Die Auseinandersetzung endete schliesslich in einem Vergleich mit der Regierung. In diese Zeit fällt ein Rechtsgutachten durch Professorin Gundela Grothe. Sie legte 2002 eine Funktionsanalyse nach sechs Kriterien vor.

Dabei kam sie zum Schluss, dass die Bewertung für Pflege und Polizei gleich sind bei den fünf Kriterien Ausbildung und Erfahrung, geistige Anforderung, Verantwortung, psychische Belastungen und Anforderungen sowie Beanspruchung der Sinnesorgane und spezielle Arbeitsbedingungen. Einzig beim Kriterium physische Belastungen und Anforderungen zeigte sich eine Abweichung: Hier ergab sich bei der Pflege eine um 0,5 Punkte höhere Bewertung gegenüber der Polizei. Daraus zieht Edith Wohlfender das Fazit:

«Das Pflegepersonal müsste nicht nur gleich, sondern leicht höher bewertet und eingestuft werden.»