Sirnach
Neue Arbeitsgruppe als «verkappte Pfarrwahlkommission» missbraucht: Der Knatsch in der Kirche geht weiter

Pfarrerin Hoffmann ist im Amt bestätigt, das Budget 2022 trotz Defizit gutgeheissen – und doch ist nach wie vor Feuer unter dem Dach in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sirnach.

Christof Lampart
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Der Präsident der Kirchenvorsteherschaft von Evangelisch Sirnach, Martin Buser, leitet die Budgetgemeinde 2022.

Der Präsident der Kirchenvorsteherschaft von Evangelisch Sirnach, Martin Buser, leitet die Budgetgemeinde 2022.

Bild: Christof Lampart

Wenn an einer Budgetgemeinde der Voranschlag fürs nächste Jahr zur gefühlten Randnotiz verkommt, und erst eineinhalb Stunden nach Versammlungsbeginn diskutiert wird, dann hat die Gemeinde offensichtlich eines: nämlich viel Redebedarf. Und dem war am Sonntag an der Budgetgemeinde 2022 der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sirnach so.

Streit über Prioritäten entbrannt

Der Stein des Anstosses, der nun am Sonntag in der evangelischen Kirche richtig Fahrt aufnahm, kam jedoch bereits ein halbes Jahr früher ins Rollen. An der Rechnungsgemeinde vom 2. Mai 2021 stimmte die Kirchgemeinde mit 19 Ja zu 4 Nein dem Antrag von Andreas Schmidt zu, für die Budgetgemeinde 2022 die Schaffung einer Kommission «Leitbild und Gemeindeentwicklung» vorzusehen, die von einer aussenstehenden Fachperson geleitet und der sowohl Behörden- als auch Gemeindemitglieder angehören sollten.

Am Sonntag präsentierte der Präsident der Kirchenvorsteherschaft von Evangelisch Sirnach, Martin Buser, der Versammlung Paul Baumann, Coach in der Organisationsentwicklung, der schon die Thurgauer Landeskirche beraten hatte, als Troubleshooter. Zwar waren mit der Wahl sowohl die Antragssteller als auch die Kirchenbehörde zufrieden – doch nicht mit den gesetzten Schwerpunkten.

Christliche Werte vermitteln: Organisationsentwickler Paul Baumann will binnen eines knappen halben Jahres die Leitplanken so setzen, dass in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sirnach in Zukunft wieder vermehrt ein Miteinander statt ein Gegeneinander gelebt wird.

Christliche Werte vermitteln: Organisationsentwickler Paul Baumann will binnen eines knappen halben Jahres die Leitplanken so setzen, dass in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sirnach in Zukunft wieder vermehrt ein Miteinander statt ein Gegeneinander gelebt wird.

Mitglieder der ehemaligen Pfarrwahlkommission warfen Buser vor, die neue Arbeitsgruppe, welche die Kirchenbehörde «Projekt Zukunft» nannte, nicht, wie im Mai beauftragt, prioritär für organisatorische und strukturelle Verbesserungen in der Kirchgemeinde einzusetzen, sondern sie als «verkappte Pfarrwahlkommission» (miss)brauchen zu wollen.

Buser entgegnete, dass sowohl das Suchen von Behördenmitgliedern als auch das Finden einer neuen Pfarrerin oder Pfarrers schleunigst an die Hand genommen werden sollten. Zwar sprach sich die Versammlung wenige Minuten vor dem Votum einstimmig dafür aus, Rosemarie Hoffmann fix befristet für zwei Jahre als Stellvertreterin im Pfarramt anzustellen, doch gab Buser zu bedenken, «dass zwei Jahre schnell herum sind» und die Nachfolge Hoffmanns «sehr frühzeitig aufgegleist» werden müsse.

Schwerpunkte müssen im Mai 2022 bekannt sein

Gleichwohl versprachen Buser als auch Baumann, dass man sich den Kritikpunkten annehmen und in der Arbeitsgruppe eine «dynamische Zukunftsplanung» mit Workshops so vorantreiben wolle, dass man an der Kirchgemeindeversammlung im Mai 2022 über klare Resultate informieren könne. «Mir ist es sehr wichtig, dass das, was wir beschliessen, auch umsetzbar ist. Die Formulierungen müssen so griffig sein, dass man weiss, welche Schwerpunkte man für die Jahre 2023, 2024 ableiten kann», versprach Baumann.

Wenigstens bei der Bestätigung von Pfarrerin Rosemarie Hoffmann für zwei weitere Jahre kamen die Kirchbürgerinnen und -bürger auf einen gemeinsamen Nenner, sprachen sie sich doch einstimmig für die Fortsetzung des befristeten Arbeitsverhältnisses aus.

Wenigstens bei der Bestätigung von Pfarrerin Rosemarie Hoffmann für zwei weitere Jahre kamen die Kirchbürgerinnen und -bürger auf einen gemeinsamen Nenner, sprachen sie sich doch einstimmig für die Fortsetzung des befristeten Arbeitsverhältnisses aus.

Trotzdem beantragte die Opposition, man solle vor den Workshops eine vertiefte Befragung bei ausgewählten Kirchgemeindemitgliedern per Interviews vornehmen, damit Baumann ein genaues Bild über die Stimmung in der Kirchgemeinde erhalte. Dies würde zwar mehr als die veranschlagten 20’000 Franken kosten, doch sei es dies wert, wenn man so die verfahrene Situation in der Kirchgemeinde lösen könne. Der Antrag wurde mit 14 Ja zu 17 Nein abgelehnt. Dem «Projekt Zukunft» stimmte die Versammlung mit 24 Ja zu 2 Nein zu.

Klares Ja zu Kirchenvorplatz-Sanierung

Grossmehrheitlich Ja sagten die Kirchbürgerinnen und -bürger zur Sanierung des Kirchenvorplatzes durch Sickersteine für 60’000 Franken. Auch für die von Diakon Beno Kehl angestossene Teilverwendung des Fonds für Diakonische Aufgaben für das von ihm mitbetreute Projekt «Bildung und Mahlzeiten für Flüchtlingskinder in Korsimoro» in Burkina Faso sprach der Souverän 23’000 Franken, die in den nächsten fünf Jahren ins westafrikanische Land fliessen sollen.

Finanzvorstand Kevin Hostettler präsentierte ein Budget für das Jahr 2022, das beim gleichbleibenden Steuerfuss von 21 Prozent einen Ertrag von 900’850 Franken und einen Aufwand von 986’675 Franken vorsieht, wodurch ein Aufwandüberschuss von 85’825 resultiert. Das Minus sei zu verkraften, so Hostettler, zumal man in den letzten Jahren häufig Gewinne eingefahren habe. Die Versammlung folgte dieser Argumentation und segnete das Budget 2022 mit grossem Mehr ab. (art)