Plage
«Muuserchnecht» und «Vogelmeier»: In Münchwilen zwingen die Mäuse einen Bauern zum Handeln – und bringen seltene Vögel zurück

800 Mäuse hat Marcel Fuchs seit Februar auf seinen Wiesen schon gefangen. Zum Rundgang über seinen Hof kommt auch der lokale Vogelschützer. Ihn freut, dass Turmfalken und Schleiereulen die Nistkästen in der Region besetzen.

Pablo Rohner
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Marcel Fuchs, Bauer in Sigensee, Münchwilen, beim Mausen

Marcel Fuchs, Bauer in Sigensee, Münchwilen, beim Mausen

Bild: Pablo Rohner

Eigentlich hat Marcel Fuchs nichts gegen den Gast unter dem Giebel. Vor ein paar Jahren hat er an seiner Scheune Nistkästen für Turmfalken und Schleiereulen aufgehängt. Der Turmfalke kam schon im ersten Jahr auf den Biohof in Sigensee bei Münchwilen – und seither jeden Frühling. Auch heuer habe er ihn schon gesichtet, sagt Marcel Fuchs.

Im Moment wäre er aber froh, wenn der Gast etwas härteres Brot zu beissen hätte. Denn: Am liebsten fressen Turmfalken Mäuse. Diese sind diesen Frühling auf den Wiesen um Fuchs' Hof besonders zahlreich. «Es hat so viele wie noch nie.»

Der Nistkasten an der Scheune von Marcel Fuchs ist jedes Jahr besetzt.

Der Nistkasten an der Scheune von Marcel Fuchs ist jedes Jahr besetzt.

Bild: Pablo Rohner

Die Mäuse verursachen den betroffenen Bauern grosse Schäden. Bei starkem Befall wird der Futterausfall auf 200 Franken pro Hektare und Jahr geschätzt. Wer, wie Marcel Fuchs, kein Futter zukaufen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als den Viehbestand zu verkleinern.

Das Englische Raigras, das im hiesigen Futterbau verbreitet ist, mögen die Mäuse besonders, sagt Daniela Paul vom Landwirtschaftlichen Zentrum des Kantons St.Gallen. «Sie haben alles gern, was die Kühe gern haben.» Marcel Fuchs steht zwischen Maushaufen auf einer seiner Weiden, als er das sagt. Doch er klingt nicht bitter dabei, eher wie einer, der die ökologischen Zusammenhänge verstehen will, in die er als Bauer eingebunden ist.

Er spricht von Bächen und Wäldern als natürliche Barrieren und über Ökoflächen, unter denen sich die Mäuse scheinbar wohl fühlen. Im nahen Wäldchen entlang des Krebsbachs hat er Stein- und Asthaufen aufgeschichtet, Aufzuchthöhlen für andere natürliche Feinde der Mäuse: Wiesel und Hermeline.

Die Ast- und Steinhaufen sollen Hermeline und Wiesel zur Aufzucht von Nachwuchs einladen.

Die Ast- und Steinhaufen sollen Hermeline und Wiesel zur Aufzucht von Nachwuchs einladen.

Bild: Pablo Rohner

Über 800 Mäuse gefangen seit Februar

Nachdem er im vergangenen Spätsommer und Herbst bemerkte, dass immer mehr Mäuse auf seine Weiden kamen, beschloss Fuchs, nicht untätig zu bleiben. Er machte sich über das Mausen schlau, schaffte einen «Muuserchnecht» an. Mit dem vom Landwirt Norbert Rickli entwickelten System hat er seit Februar schon über 800 Mäuse gefangen.

«Mausen bringt etwas.» Marcel Fuchs, Bauer in Münchwilen, wendet derzeit täglich zwei Stunden dafür auf.

«Mausen bringt etwas.» Marcel Fuchs, Bauer in Münchwilen, wendet derzeit täglich zwei Stunden dafür auf.

Bild: Pablo Rohner

Zwei Stunden wendet er im Schnitt pro Tag für das Mausen auf. Marcel Fuchs zeigt auf einen Streifen, auf dem hellgrünes junges Gras wächst. Noch vor einigen Wochen sei der Streifen braun gewesen. Er sagt: «Mausen bringt etwas.»

Fuchs geht weiter zu einem der orangen Stäbe, mit denen er die Mausefallen markiert. Immer wieder sinken die Schuhe in Mausgänge ein. Am Gras zieht er ein zylinderförmiges Erdstück aus dem Boden, das er mit dem «Muuserchnecht» ausgestochen hat. Die Maus, die darunter in die Falle gegangen ist, ist unübersehbar trächtig. Mäuse vermehren sich rasant. Drei Wochen nachdem sie auf die Welt gekommen sind, können die Weibchen bereits Junge werfen.

Fuchs hebt einen weiteren Erdzylinder aus der Wiese. Die Wurzeln, die in den zum Vorschein kommenden Gang hängen, sind weiss. Ein Zeichen für den Jagderfolg, sagt Fuchs:

«Die Wurzeln sind vertrocknet, aber nicht abgefressen. Typisch für einen unbewohnten Gang.»
Mit dem «Muuserchnecht» setzt Marcel Fuchs seine Fallen.

Mit dem «Muuserchnecht» setzt Marcel Fuchs seine Fallen.

Bild: Pablo Rohner

Turmfalken sehen Mäuse-Urin ultraviolett

Die vielen Mäuse freuen die Greifvögel. In den nächsten Wochen wird wahrscheinlich wieder ein Turmfalkenweibchen seine Eier in den Kasten an Fuchs' Scheune legen. Rund ein Monat später schlüpfen die Jungen.

Der Muttervogel wird die umliegenden Weiden nach den ultravioletten Urinspuren der Mäuse absuchen, um die besten Plätze für die Futtersuche auszumachen. Drei Mäuse erbeutet ein Turmfalke im Schnitt pro Tag. Während der Brutzeit steigt der Bedarf.

Vor acht Jahren begann der Thurgauer Vogelschutz, Turmfalken und Schleiereulen zu zählen und zu fördern. Beim Projekt dabei war von Anfang an Hans Meier, Mitglied im lokalen Vogelschutzverein. Die Bauern in der Umgebung rufen ihn auch den «Vogelmeier». Hof für Hof hat er sie angefragt, ob sie einen Nistkasten an die Scheune hängen wollen. Auch Marcel Fuchs.

Hans Meier, Vogelschützer aus Münchwilen, mit einem Nistkasten für Schleiereulen.

Hans Meier, Vogelschützer aus Münchwilen, mit einem Nistkasten für Schleiereulen.

Bild: Pablo Rohner

Jetzt steht Meier in dessen Maschinenhalle und erzählt von seiner Mission. Vor einem Güllenfass mit Schleppschlauch hat er zwei Kästen aufgestellt. Die Schleiereulen hätten es lieber dunkel, die Turmfalken gerne hell. «Sie kommen aber gut miteinander aus», sagt Meier. Er habe auch schon erlebt, dass beide Vogelarten im gleichen Kasten brüteten. «Die Schleiereule ist einfach über die Turmfalken in dunkleren Bereich des Kastens gestiegen.»

Diese Turmfalkenjungen hat Hans Meier in einem Nistkasten in Lommis fotografiert.

Diese Turmfalkenjungen hat Hans Meier in einem Nistkasten in Lommis fotografiert.

Bild: PD

Die Schleiereule kehrt nach 30 Jahren zurück

13 Nistkästen betreut Meier in der Region. 19 junge Turmfalken seien im vergangenen Jahr aus diesen Nistkästen geflogen, in Lommis sechs Schleiereulen. Historisch, wie Meier sagt:

«Seit über 30 Jahren war die Schleiereule aus der Gegend verschwunden.»

Die grösser werdende Anzahl der beiden Vogelarten in der Region hänge eng mit der seit Jahren starken Mäusepopulation zusammen. Wenn ein Schleiereulenpärchen vier bis sechs Junge aufzieht, steigt ihr Futterbedarf auf 40 Mäuse pro Nacht. Zudem ziehen sie bei grossem Futterangebot bis doppelt so viele Junge auf.

Wie die Vögel, Wiesel und Füchse wird Marcel Fuchs in den kommenden Monaten weiter Mausen. Wie Norbert Rickli, der Erfinder des «Muuserchnechts», bei dem sich die Situation stark verbessert habe, weil er drangeblieben sei. Trotz des starken Befalls ist Fuchs optimistisch für die kommenden Monate und die Heuernte im Sommer. Den aktuellen Viehbestand will er halten.