Landwirtschaft
Die Weinernte fällt ins Wasser: Schlechtes Wetter, Pilzbefall und Politik machen den Winzern zu schaffen

Es wird ein Jahr zum Vergessen werden für die Thurgauer Winzer. An einer Medienkonferenz informierten verschiedene Vertreter über die Ertragsausfälle und den Pflanzenschutz in der Ostschweiz.

Robin Bernhardsgrütter
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Winzer und Pflanzenschutzvertreter analysieren das bisherige Weinjahr 2021.

Winzer und Pflanzenschutzvertreter analysieren das bisherige Weinjahr 2021.

Bild: Robin Bernhardsgrütter

Winzer kämpfen zurzeit mit allerlei Problemen. Das Jahr 2021 mit seinem schlechten Sommer und den vielen Unwettern mit Hagel ist für die Weinbauern eines zum Vergessen. Als wäre das nicht schon genug, gibt es im Thurgau auch noch einen schweren Pilzbefall mit«falschem Mehltau». Die Lage ist so prekär, dass nun der Thurgauer, der Zürcher und der Schaffhauser Branchenverband Wein zu einer öffentlichen Rebbegehung und einer Medienkonferenz eingeladen haben.

Mehr als 70 Personen, hauptsächlich Winzer und Medienvertreter, nehmen am Donnerstag bei schönstem Wetter an diesem Anlass auf dem Weingut Hausammann in Uesslingen teil. Rundherum sind Tausende von Rebstöcken zu sehen – reihenweise ohne eine einzige Traube dran.

Nach vorne schauen, ist das Gebot der Stunde

Der Präsident des Branchenverbands Thurgau Wein, Ständerat Jakob Stark, begrüsst die Anwesenden. Viele Winzer müssten dieses Jahr wegen Ernteausfällen mit finanziellen Ausfällen rechnen. Einige von ihnen hätten aber auch psychisch schwer mit diesem Jahr zu kämpfen, sagte Stark.

«Wir müssen der Realität ins Auge schauen und das Beste aus der Situation machen», sagt Stark. Man hoffe aber auf das nächste Jahr. Nach der Begrüssung werden an drei Ständen verschiedene Themen angesprochen. An einem Stand wird über die Kommunikation zwischen den Winzern thematisiert. Die Erkenntnis aus diesem Jahr: Wir waren wohl manchmal etwas zu spät dran, sagt Lorenz Kern, Chefredaktor der «Winzerinfo».

Nicht einmal zwei Drittel der Winzer sind versichert

Im Bereich Thurgau, Zürich und Schaffhausen sind laut Hansueli Lusti von der Hagelversicherung dieses Jahr 206 Schadenmeldungen wegen Hagels eingegangen. 320 von 13000 Hektaren mit Rebstöcken seien davon betroffen. Allerdings dürfte die Dunkelziffer dieser Schäden höher liegen. Lusti sagt:

«55 bis 60 Prozent der Winzer haben ihre Reben versichert. Wo etwas kaputt ging, ist der Hagel etwa zu drei Viertel verantwortlich, der Rest ist der Pilz ‹falscher Mehltau› schuld.»

Der falsche Mehltau und auch alle anderen Pflanzenkrankheiten seien nicht versicherbar. Lediglich die Hagelschäden können, wo sie versichert sind, durch Experten abgeschätzt und entschädigt werden. An einem Stand erklärt ein Winzer dann noch den weiteren Verlauf und die Ernte dieses Jahr. «Wo geerntet werden kann, wird dies sicher später als in den letzten Jahren gemacht wegen des schlechten Sommers.»

Anschliessend informierten Vertreter von den Firmen Fenaco, Syngenta und Stähler zum Pflanzenschutz. Auch für sie sei es ein bitteres Jahr gewesen. «Wir haben unsere besten Mittel empfohlen, doch auch die waren wegen der hohen Feuchtigkeit machtlos gegen den falschen Mehltau», sagte ein Vertreter vor den Winzern.

Sie hätten zwar auch profitiert, indem mehr Pflanzenschutz als in den letzten Jahren verkauft worden sei. «Doch das letzte Drittel an verkauften Mitteln tat auch uns weh, da wir das Leid der Winzer sahen und unser Pflanzenschutz einfach nicht nützte», sagt ein Vertreter.

In Zukunft weniger Risiko und lieber einmal mehr spritzen

In Zukunft werde mehr auf Risikomanagement gesetzt. Man müsse flexibler mit der Wetterlage umgehen und lieber ein wenig früher Pflanzenschutz einsetzen. «Keiner von uns will spritzen. Doch wenn es dann so herauskommt wie dieses Jahr, dann nützen auch Biotrauben nichts», sagt ein Pflanzenschutzvertreter.

Die Winzer sind unter Druck, die Frustration ist gross. Einige Winzer mussten ihre Trauben ganz aufgeben. Auch politischer Druck sei da, wie Stefan Odermatt, Geschäftsführer der Syngenta, sagt. «Über 100 Wirkstoffe für Pflanzenschutzmittel sind blockiert. So ist es schwierig, innovativ zu wirken.» Alle Wirkstoffe würden vor allem durch Greenpeace und WWF mit Einsprachen blockiert. Es dauert Jahre, diese zu bewilligen.

Branchenpräsident Thurgau Wein, Ständerat Jakob Stark.

Branchenpräsident Thurgau Wein, Ständerat Jakob Stark.

Bild: Alessandro Della Valle / KEYSTONE

Mit der Pestizidinitiative in diesem Jahr seien die Bauern und Winzer noch mehr unter Druck gestanden. Jakob Stark sagt:

«Das Verhalten an der Urne ist nicht das gleiche wie auf dem Einkaufszettel. Es gilt einen Konsens zu finden und hier ist das Parlament in Bern in der Verantwortung, tragfähige Lösungen zu finden.»

Die Winzer hofften nun auf das nächste Jahr und einen goldenen Herbst. «Ob die Weinernte klein aber fein wird, das entscheiden die nächsten Wochen», sagt der Branchenverbandspräsident Thurgau Wein Jakob Stark. «Wir müssen nach vorne schauen. Ein Problem haben wir aber, wenn auch das nächste Jahr schlecht wird.»