Ladensterben
Böhi hört auf: Bedeutet die Pensionierung des Betreibers auch das Aus für den Dorfladen in Wilen?

Jahrzehntelang war der Dorfladen in Wilen fester Bestandteil der Gemeinde. Dessen Aus wäre auch das Ende von Martin Böhis Lebenswerk. Der Ladeninhaber erinnert sich an früher.

Lara Wüest
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Verbrachte unzählige Nächte in der Backstube seines Dorfladens: Martin Böhi.

Verbrachte unzählige Nächte in der Backstube seines Dorfladens: Martin Böhi.

Bild: Lara Wüest

Nur ab und zu fährt an diesem kalten Donnerstagnachmittag ein Auto auf den kleinen Parkplatz vor dem Spar, der etwas versteckt im Wilener Oberdorf zwischen Ein- und Mehrfamilienhäusern liegt. Die Kunden tröpfeln in den Laden. Eine Mutter mit zwei Kindern, eine ältere Frau, ein Senior.

Dass an diesem Nachmittag nicht viel los ist, liegt auch an der neuen Denner-Filiale weiter unten im Dorf. Am Morgen war Eröffnung. Martin Böhi, der Inhaber des Dorfladens, sitzt im Pausenraum, verzieht das Gesicht und sagt:

«Am Morgen hatten wir gut 40 Prozent weniger Umsatz.»

Grelles Licht strahlt von einer Leuchtröhre an der Decke. Ein kleiner Spanplattentisch im 60er-Jahre-Design steht im Raum. Auf einem Regal an der Wand steht eine Büchse Ovomaltine. Wenn Böhi spricht, knetet er die Hände. Er sagt: «Der Laden ist mein Leben.»

Ein Dorfladen mit ungewisser Zukunft

Ein Leben, das eigentlich vor einem neuen Abschnitt steht: Im Herbst 2022 werden Böhi und seine Frau, mit der er den Laden führt, pensioniert. Schon jetzt malt sich Böhi gerne aus, wie ihr Alltag danach aussehen wird: Wandern, wenn die Sonne scheint, Velotouren, wenn es regnet. Einmal pro Woche über die Strasse zum Wilener Dorfladen, um einzukaufen.

Womöglich wird Böhis Traum aber genau das bleiben: ein Traum. Denn für seinen Laden fehlt ein Nachfolger. Sollte sich keiner finden, wäre es das Aus des Wilener Dorfladens. Und das Ende von Böhis Lebenswerk. Seine Lebensgeschichte erzählt auch die Geschichte davon, wie sich das Einkaufen verändert hat.

Noch steht kein Nachfolger für den Wilener Dorfladen fest.

Noch steht kein Nachfolger für den Wilener Dorfladen fest.

Bild: Lara Wüest

Noch nie bei Migros oder Coop eingekauft

Martin Böhi ist in Fischingen aufgewachsen. Mit elf Geschwistern, auf einem Bauernhof mit zehn Kühen. Äpfel und Kartoffeln pflanzte die Familie selber an, einmal im Jahr schlachtete der Vater eine Sau. Zusätzliches Fleisch kauften sie beim Dorfmetzger, das Brot im Dorfbeck. Viel mehr brauchten sie nicht zum Leben. Böhi sagt: «Wenn man so aufwächst, dann prägt das.» Noch nie habe er in der Migros oder im Coop eingekauft, sagt er. Was er braucht, erhält er im eigenen Laden.

Vor 34 Jahren haben er und seine Frau Ruth den Maxi-Frischwarenladen in Wilen eröffnet. Schon bald konnten sie expandieren. Einige Jahre später übernahmen sie einen Laden in Wil und danach einen in Gähwil. Im Geschäft in Wilen bauten sie eine Bäckerei an. Böhi hatte einst Bäcker gelernt. In seinem Laden wollte er sein eigenes Brot verkaufen, so hatte er sich das immer vorgestellt.

In Schichten geschlafen

Manchmal hat der Laden Böhi viel abverlangt. Spätestens um zehn ging er ins Bett, weil er bereits um ein Uhr morgens wieder in der Backstube stehen musste. Er sagt:

«In den strengsten Zeiten habe ich in zwei Schichten geschlafen. Zwei, drei Stunden in der Nacht und dann nochmals drei, vier Stunden am Vormittag.»

Es war ein strenges Leben, das Böhi und seine Frau führten. Er in der Backstube und im Büro, sie im Laden bei den Kunden. Finanziell hat sich der Einsatz damals gelohnt. Das Geschäft in Wilen sei schon am ersten Tag ein Erfolg gewesen, sagt Böhi. «Viele Leute hatten noch kein Auto und waren gewohnt, im Dorf einzukaufen. Der Umsatz übertraf unsere Erwartungen.»

Der erste Tag, das war im Dezember 1987. Richtig aufwärts ging es aber erst später. Ende der 90er-Jahre änderten die Böhis ihr Geschäftsmodell, damit sie mit der wachsenden Konkurrenz mithalten konnten. Böhi sagt: «Überall gingen damals Tankstellenshops auf, die auch an den Abenden und Sonntagen geöffnet waren.» Ihre Öffnungszeiten blieben wie vorher, bis heute machen sie von zwölf bis drei am Nachmittag den Laden zu. Was sie änderten, waren die Preise. Aus dem Maxi-Frischwarenladen wurde eine Spar-Franchisefiliale mit günstigeren Produkten. Und der Plan ging auf.

Der neue Spar Ende der 90er-Jahre.

Der neue Spar Ende der 90er-Jahre.

Bild: PD

Ein neues Einkaufsverhalten

Fast 20 Jahre lang florierte das Geschäft. Die Böhis konnten in Wilen zwei Stellvertreter einstellen, einer war ihr mittlerer Sohn. Das Ehepaar Böhi ging auf Reisen. Einmal für einen Monat nach Kanada, einmal in die USA. Böhi sagt: «Damals ging es nur nach oben.»

Doch dann spürte Böhi, dass sich das Einkaufsverhalten der Leute zu verändern begann. Die jüngere Generation kaufte nicht mehr im Dorfladen ein, sondern auf dem Heimweg nach der Arbeit oder am Samstag im Einkaufszentrum mit dem grossen Parkplatz. In Böhis Dorfladen wurde nun alles viel unberechenbarer. Er sagt:

«An manchen Tagen waren wir froh, wenn das Gemüse bis am Nachmittag reichte. An anderen mussten wir am Abend vieles wegschmeissen.»

Das Ehepaar kämpfte gegen den neuen Zeitgeist. Böhi sagt: «Vielleicht haben wir auch zu wenig Anpassungen vorgenommen.» Schon immer haben die Böhis zum Beispiel Nähutensilien und Glühbirnen verkauft. Doch was früher oft über die Ladentheke ging, bleibt heute in den Regalen liegen.

Mehr Zeit dank der Pandemie

Die Pandemie schenkte dem Laden der Böhis Zeit. Böhi sagt: «Im Moment ist unser Umsatz wieder gut, weil wieder mehr Leute dort einkaufen, wo sie wohnen.» Doch was kommt nach Corona? Kann ein Dorfladen heute überhaupt noch überleben? Auf diese Frage zuckt der Ladenbesitzer mit den Schultern. Er sagt: «Wenn wieder ein Bäcker den Dorfladen übernehmen würde, dann schon.» Mit guten Backwaren, ist er sicher, kann sich ein Dorfladen auch in dieser Zeit einen treuen Kundenstamm erarbeiten.

Noch will Böhi die Hoffnung nicht aufgeben, dass jemand in seine Fusstapfen tritt. Denn ein Wilen ohne Dorfladen kann er sich nicht vorstellen. Mittlerweile ist es kurz nach vier Uhr an diesem Donnerstagnachmittag. Böhi steht in seinem Laden, begrüsst eine Kundin mit Namen und lässt seinen Blick über das Brotregal schweifen.

Auch jetzt, kurz vor dem Ruhestand, arbeiten er und seine Frau an sieben Tagen pro Woche. Ferien hatten sie zuletzt vor drei Jahren. Einen Stellvertreter haben sie schon länger nicht mehr.

Trotzdem würde Böhi nichts anders machen in seinem Leben. Er sagt:

«Wir haben so viel erlebt hier. Es war eine glückliche Zeit.»

Ob ihm der Laden fehlen wird? Die Kunden ja, sagt er. Der Laden selber aber nicht. Nach all den Jahren ist Böhi müde und bereit, loszulassen.