Interview
Ein Austauschjahr in Aadorf: Wie sich eine 16-jährige thailändische Gymnasiastin in der Schweiz einlebt

Ein Austauschsemester in der Schweiz ist nichts aussergewöhnliches. Dass die Destination aber nicht Genf, Zürich oder Luzern, sondern der verschlafene Thurgauer Weiler Stehrenberg ist, hingegen schon. Die 16-jährige Thailänderin Supapitch Laisakul spricht über ihren anfänglichen Kulturschock, die Schweizer Küche und Zukunftspläne.

Kurt Lichtensteiger
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Nach einem anfänglichen Kulturschock hat sich Supapitch Laisakul in Aadorf ganz gut eingelebt.

Nach einem anfänglichen Kulturschock hat sich Supapitch Laisakul in Aadorf ganz gut eingelebt.

Bild: Kurt Lichtensteiger

Sie ist noch sehr jung, mit einer Köpergrösse von 1,50 Meter zierlich und angenehm im Umgang. Supapitch Laisakul besucht derzeit eine zweite Klasse an der Kantonsschule Wil. Nach dem Besuch der zehnjährigen Grundschule im südthailändischen Phangnaga meldete sie sich für ein Auslandsjahr bei der Organisation Youth For Understanding (YFU).

Zu ihrer engeren Auswahl gehörten die USA, Japan und die Schweiz, die sie bisher nur von Bildern her kannte. Erwartungsvoll entschied sich das Mädchen für das kleine europäische Land, um dort Deutsch zu lernen. Ein mutiger Entscheid. Neben ihrer Muttersprache Thai beherrschte sie recht gut Englisch und ein wenig Chinesisch, verstand aber damals noch kein Wort Deutsch.

Über die genannte Nonprofit-Organisation YFU, die weltweit Gastgeberfamilien sucht, wofür ein Bett und drei Mahlzeiten Voraussetzung sind, gelangte sie am 13. August 2021 in den verschlafenen thurgauischen Weiler Stehrenberg. «Leider wollte es mit der Gastgeberfamilie nicht so ganz passen», sagt die 16-Jährige mit leiser Stimme.

«Die etwas barsche Stimme des Gastvaters war für mich ungewohnt – ein hörbarer Unterschied zum Singsang meiner Muttersprache. Vielleicht kam noch etwas Heimweh dazu.»

Dies führte Anfang Januar zu ihrer Umplatzierung nach Aadorf, von wo sie weiterhin die gleiche Klasse in Wil besuchen kann. Bereits nach vier Monaten Aufenthalt beherrscht die Schülerin die deutsche Sprache so gut, dass dem Interview keine sprachliche Hürde gesetzt ist.

Wie war Ihr erster Eindruck nach Ihrer Ankunft in der fremden Schweiz?

Supapitch Laisakul: Ich war überrascht, wie klein das Dorf mit nur wenigen Häusern war, wohin ich mich versetzt sah. Etwas langweilig war es dort ebenfalls. Eindruck machten mir die gepflegte und saubere Landschaft und die Pünktlichkeit des öffentlichen Verkehrs. Schnee und Kälte kannte ich bisher nicht. Dass ich ohne Uniform in die Schule gehen konnte, war neu, doch sehr angenehm. Ungewohnt für mich ist auch das unterschiedliche Aussehen der Leute, vor allem hinsichtlich Haar- und Hautfarbe sowie der Körpergrösse. Eine Vielfalt, die es in meinem Heimatland nicht gibt.

Wie nehmen Sie Herr und Frau Schweizer wahr?

Von reserviert bis hilfsbereit und höflich. Einmal verirrte ich mich in der Nähe von Weinfelden, doch half mir ein freundliches Ehepaar, zeigte mir den Weg und half mir mich zurechtzufinden.

Und wie ist es mit dem Essen?

Die YFU empfahl in ihren Richtlinien, alles zu probieren. Das mache ich. Ich vermisse zwar Meeresfrüchte, dafür mag ich den Käse, den es in dieser Vielfalt in Thailand nicht gibt. Raclette und Würste mag ich ebenfalls.

Apropos Organisation: Was kostet Ihr Austausch?

Für Flug, Versicherung und Administration erhielt die YFU 13’000 Franken. Um das Sackgeld muss ich mich selbst kümmern. Schulgeld an die Kanti Wil muss nicht geleistet werden. Ich darf die Schweiz während des Austauschs nicht verlassen. Zum Programm gehören dafür ein monatliches Treffen im Inland mit anderen YFU-Austauschstudierenden und ein Lager.

Ein Aufenthalt ist also recht teuer. Wohl nicht für jede thailändische Familie erschwinglich?

Das stimmt. Doch ich stamme aus einer Mittelstandschicht, meine beiden Elternteile sind im Gesundheitsbereich tätig und ich bin ein Einzelkind.

Und Ihre Freizeitbeschäftigungen sowie Zukunftspläne?

Die Gastmutter zeigt eine Zeichnung ihrer Hauskatze.

Die Gastmutter zeigt eine Zeichnung ihrer Hauskatze.

Bild: Kurt Lichtensteiger

Ich lese gern und viel, liebe Filme und das Zeichnen.

Wie stehen Sie zu Religion und Politik?

Im Buddhismus ist man ziemlich frei. Ich gehe hie und da in den Tempel und bringe den Mönchen zu essen. Was die Politik anbetrifft, so rede ich lieber nicht über dieses Thema. Mit der Herrschaft der neuen Regierung und dem neuen König, bekannt für seine Eskapaden, bin ich nicht einverstanden. Später möchte ich ein Studium in Angriff nehmen. Ich weiss allerdings noch nicht, für welche Fachrichtung ich mich entscheiden werde.