Thurgau
Gleichheit ist noch nicht gegeben: Nach der Scheidung wird vieles anders, weil anderes sich nicht geändert hat

Zum Weltfrauentags iniziierte die Thurgauer Frauenzentrale ein Podium zu Gleichstellung in der Rechtsprechung. Kurz zusammengefasst zeigte sich: Die neueste Überarbeitung führt dazu, dass vor allem Partnerschaften mit klassischem Rollenmodell im Scheidungsfall mit grossen Einschnitten zu rechnen hätten.

Judith Schuck
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Die Podiumsteilnehmenden von links nach rechts: Antonella Bizzini, Salomé Scheiben, Isabelle Zarn, Peter Meili, Fabienne Salathé, Uwe Spirig.

Die Podiumsteilnehmenden von links nach rechts: Antonella Bizzini, Salomé Scheiben, Isabelle Zarn, Peter Meili, Fabienne Salathé, Uwe Spirig.

Bild: Judith Schuck

Heiraten geht mit Scheidung einher, das zeigen die Statistiken. Auch wenn die Zahl im Vergleich zu den 1990er-Jahren rückläufig ist, kam es im 2020 im Thurgau immer noch zu 1,8 Scheidungen je 1000 Einwohner. Im März 2021 regelte das Bundesgericht das Unterhaltsrecht neu – mit der Absicht, mehr Gleichheit zwischen Mann und Frau zu schaffen. Ob diese neue Rechtsprechung tatsächlich fair ist und die komplexe Realität erfasst, war das Thema einer Diskussionsrunde, zu der die Frauenzentrale Frauenfeld am Dienstag in die Kantonsbibliothek einlud.

Eigenverantwortung durch klaren Bruch fördern

Anja Frey, Juristin.

Anja Frey, Juristin.

Bild: Judith Schuck

Die Juristin Anja Fry erläuterte in ihrem Einführungsreferat die Änderungen. Mit der Thematik, zu der es in den letzten Jahren immer wieder Gesetzesänderungen gab, könnten Seiten gefüllt werden. Kurz zusammengefasst führt die neueste Überarbeitung von 2021 dazu, dass vor allem Partnerschaften mit klassischem Rollenmodell im Scheidungsfall mit grossen Einschnitten zu rechnen hätten.

«Früher musste die Mutter nicht arbeiten gehen, solange das jüngste Kind noch unter zehn Jahren war», so Fry. Neu ist, dass von Müttern erwartet wird, ein 50-Prozent-Pensum aufzunehmen, wenn das jüngste Kind das Kindergartenalter erreicht. Ab der Oberstufe können nun 80 Prozent und, wenn das jüngste Kind 16 Jahre alt ist, Vollzeit zugemutet werden.

Die Neuerung sei, dass die Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit deutlich eher erwartet wird. «Früher gab es ausserdem die Regel, dass die Jobsuche ab 45 Jahren nicht mehr zumutbar sei. Heute ist das Gesetz hier strenger», sagt die Anwältin, die Erwerbstätigkeit gelte heute als Regelfall. Nach dem Prinzip des «Clean Break», als einem klaren Bruch, soll nach der Scheidung jeder für sich selbst sorgen können. Dieser Gedanke gewinne durch die neue Rechtsprechung an Vorrang.

Frauen sind immer noch ungleich schlechter bezahlt

Unter Moderation von Antonella Bizzini, Juristin und Leiterin der Infostelle Frau + Arbeit, diskutierten fünf Gäste darüber, inwiefern das Gesetz ihre Lebensrealität betrifft. Der Grundton gab wieder, dass die Männer in der Runde die Neuerung eher begrüssten, während die Frauen der Meinung waren, das Gesetz schiesse an der gesellschaftlichen Realität vorbei. Die Rahmenbedingungen wären zum heutigen Zeitpunkt schlicht noch nicht gegeben.

Salomé Scheiben, verheiratet, Politikerin, Sozialarbeiterin und Mutter dreier Töchter, wies darauf hin, dass die unbezahlte Care-Arbeit, die bis heute hauptsächlich von Frauen erbracht wird, im Gesetz nicht berücksichtigt werde. Laut dem Bundesamt für Statistik kann davon ausgegangen werden, dass in einem Paarhaushalt mit zwei Kindern die Mütter rund hundert Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Monat leisten als Väter. Dies entspräche einem Monatslohn von 4296 Franken.

Fabienne Salathé, Leiterin einer Kindertagesstätte in Frauenfeld, warf ein, dass sie über ihren Beruf viele Familienmodelle kennen gelernt habe.

«Zu einer Aufteilung der Verantwortung auf 50 Prozent je Elternteil kommt es im Falle der Care-Arbeit auf keinen Fall.»

Ganz davon abgesehen, wie es aussehen würde, wenn der Mental-Load, also die Planungs- und Koordinierungsprozesse miteinbezogen würden, die in der Regel auf den Müttern lasten.

«Viele Frauen entscheiden sich bewusst dafür»

Peter Meili, Jurist mit Kindern, der mit seiner Frau die Rollen- und Arbeitsteilung im Alltag lebt, findet hingegen, die Rechtsprechung gehe in die richtige Richtung. Es gebe viele Frauen, die sich bewusst dafür entschieden, daheim zu bleiben.

«Aber der Staat muss auch seine Arbeit machen, damit diejenigen, die das möchten, ihre Erwerbsarbeit aufteilen können.»

Als Beispiel nannte er die Elternzeit in Deutschland als schönen Familienstart, wo die Väter einen Einblick bekämen, «wie streng es ist, ein Kind aufzuziehen».

Dass es an den staatlichen Voraussetzungen gewaltig hapert, kritisierte Fabienne Salathé. Sie würde ihr Pensum gern erhöhen, während sich ihr Mann lieber mehr um Sohn und Haushalt kümmern würde. Bei gleicher Qualifikation verdiene sie als Frau in einem sozialen Beruf aber deutlich weniger. – Uwe Spirig, geschieden, Vater einer Tochter, sagte:

«Es kann schon beiden Partnern zugemutet werden, selbstverantwortlich zu leben. Die Änderung kommt für viele aber vielleicht zu abrupt.»

Er empfinde es allerdings als «schlicht nicht gerecht», nach der Scheidung als Gutverdiener geschröpft zu werden.

Gesetzgebung zielt an der Realität vorbei

Isabell Zarn ist Kommunikationsfachfrau. Sie setzt sich stark mit Gleichstellung und Rollenteilung auseinander. Bei der Beschäftigung mit dem Thema kam sie zum Schluss, dass es für sie und ihren Partner das Beste sei, «in einer kinderlosen Konkubinatspartnerschaft» zu leben. «Der Leistungsfeminismus möchte Power-Frauen im Beruf.» Aber dann kämen von anderer Seite Fragen wie:

«Schaffst du das, bei diesem riesigen Pensum keine Rabenmutter zu sein?»

In ihren Augen ist die Rechtsprechung ein Unding, welche die Gegebenheiten, mit denen sich Frauen in der heutigen Gesellschaft befassen müssten, nicht mitdenke.