Gastronomie
Beizensterben wegen Corona – braucht die Thurgauer Gastronomie staatliche Hilfe?

Corona beschleunigt das Beizensterben. Für Peter Dransfeld, Kantonsrat der Grünen, steht ein wichtiger Teil des sozialen Lebens und der öffentlichen Meinungsbildung auf dem Spiel. Deshalb will er von der Regierung wissen, ob sie ein zusätzliches Härtefallprogramm ins Auge fasst.

Silvan Meile
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Aus einer Zeit vor der Pandemie: Die Thundorfer Jass-Meisterschaft im Restaurant Immenberg in Wetzikon.

Aus einer Zeit vor der Pandemie: Die Thundorfer Jass-Meisterschaft im Restaurant Immenberg in Wetzikon.

Reto Martin, 27.12.2017

Peter Dransfeld liegen die Beizen am Herzen. Der preisgekrönte Architekt und Kantonsrat der Grünen ist sogar selber Teilhaber eines Lokals im Ermatinger Mesmerhaus, das er umgebaut hat. Dieses Engagement werde er aber voraussichtlich beenden, seine Beiz einer neuen Führung übergeben, sagt er. Die Erfahrungen hingegen bleiben.

«Ich habe die Schwierigkeiten des Beizenwesens mitbekommen», sagt Dransfeld. Der Zusatzdruck durch die Pandemie sei enorm. Auch sein Lokal habe im vergangenen Frühling Unterstützung erhalten für die Zeit der verordneten Zwangsschliessung der Gastronomie. Für die meisten Gastronomen in der arg gebeutelten Branche, die schon vor Corona zu kämpfen hatte, sei das aber nur ein kleiner Trost.

Finanziell schwer betroffene Berufsgruppen

«Der Einbruch bei den Beizern ist massiv», sagt Dransfeld. Faktisch seien derzeit rund 30 Prozent der Bevölkerung, jene Menschen ohne Impfung, vom Besuch eines Restaurants ausgeschlossen. Der Rückgang der Gästezahlen gehe aber weit darüber hinaus, weil beispielsweise ganze Gruppen ausbleiben, denen ungeimpfte Personen angehören oder weil auch Geimpfte in der Pandemie die Gesellschaft anderer meiden.

Peter Dransfeld, Kantonsrat der Grünen.

Peter Dransfeld, Kantonsrat der Grünen.

Bild: Hanspeter Schiess

«Die Menschen haben sich abgewöhnt auszugehen, sie sind verunsichert über die aktuell gültigen Regeln oder sie fürchten trotz aller Massnahmen eine Ansteckung», schreibt Dransfeld in einer Einfachen Anfrage an den Regierungsrat. Darin will der Ermatinger wissen, ob die Kantonsregierung Handlungsbedarf erkenne und sich beim Bund für ein weiteres Härtefallprogramm einsetze oder selber ein solches für den Kanton Thurgau vorsehe.

Dransfeld findet die Coronamassnahmen und die Einschränkungen richtig. Doch er vertritt auch die Auffassung, dass nun etwa Beizer oder Kulturschaffende besondere Hilfe brauchen, weil sie, im Gegensatz zu den meisten anderen Berufsleuten, finanziell schwer getroffen werden von der Pandemie. «Ein substanzieller Beitrag von uns allen, die die Pandemie ohne nennenswerte materielle Opfer überstanden haben, vom Kanton, der gerade ein Rekordergebnis präsentiert hat, ist nicht nur möglich», schreibt Dransfeld. Es sei auch «ein dringendes Gebot des Gemeinschaftssinns, der Vermeidung ernsthafter gesellschaftlicher Schäden».

Höchste Zeit, näher hinzuschauen

Dransfeld streicht die Bedeutung gastronomischer Betriebe für die Gesellschaft hervor. Sie seien Orte «des ungezwungenen Austauschs, der Meinungsbildung, des Zuhörens, des Wutablassens, der menschlichen Nähe, der ungezwungenen Hilfe». Das Beizensterben sei zwar nicht durch Corona verursacht. Für Dransfeld ist es aber höchste Zeit, jetzt näher hinzusehen.

Heute verliere manches Dorf seine letzte Beiz, worunter etwa Vereine, Feuerwehr und politische Basisarbeit leide. «Die Flucht ins Private, in die Mobilität, in die digitale Welt kann den niederschwelligen menschlichen Austausch nicht ersetzen, den nahe öffentliche Orte bieten.» Denn Beizen seien jener Ort der Begegnung, den Familien, Arbeits- und Ausbildungsorte nicht bieten würden. Daraus erwächst in Dransfelds Vorstoss die Erkenntnis:

«Beizen, Bars, Restaurants und Cafés sind Keimzellen einer reifen und mündigen Zivilgesellschaft, einer Gemeinschaft, die Alte und Junge, Arme und Reiche, Ortsansässige und Fremde zusammenbringt.»

Der Regierungsrat hat zwei Monate Zeit, die Anfrage zu beantworten.

Zertifikatspflicht lässt den Umsatz abends einbrechen

Auch Gastro-Thurgau-Präsident Ruedi Bartel fordert, dass der Kanton das Härtefallprogramm für Gastrobetriebe wieder aufnimmt. Andere Kantone würden es tun: «Der Thurgau klemmt.» Seit der Einführung der Zertifikatspflicht am 13.September «läuft abends nichts mehr», sagt der SVP-Kantonsrat und Wirt der Balterswiler «Krone». Am Wochenende sei der Betrieb zufriedenstellend. Wer schon vor Corona knapp dran gewesen sei, der komme jetzt nicht mehr durch. Sein eigener Jahresumsatz, den er jeweils auf Ende September erstellt, betrug 2020/21 noch 580'000 Franken. Gegenüber dem Vorjahr sind das 120'000 Franken weniger. Durch die staatlichen Hilfen wurde sein Verlust ausgeglichen. Diese seien jetzt wieder nötig. (wu)