Ärztemangel
Ein wirtschaftlicher Schritt: Bichelsees einzige Hausarztpraxis zieht nach Sirnach und wird dort zum Ärztezentrum

2025 verliert Bichelsee seine einzige Hausarztpraxis. Profitieren wird Sirnach. Dort entsteht ein Hausärztezentrum mit vier bis fünf Medizinerinnen und Medizinern.

Olaf Kühne
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Einweihung 2025: Die Sirnacher Überbauung Unterdorf erhält nebst einem grossen Coop auch ein Hausärztezentrum.

Einweihung 2025: Die Sirnacher Überbauung Unterdorf erhält nebst einem grossen Coop auch ein Hausärztezentrum.

Bild: PD

«Einzelpraxen werden aussterben», ist Michael Kaufmann überzeugt. Er ist der Bruder des 2016 überraschend verstorbenen Bichelseer Hausarztes Christoph Kaufmann.

Dieser hatte seine klassische Einzelpraxis «Rotes Haus» 1992 eröffnet. Seit seinem Tod leiten seine Witwe Christa Kaufmann als Verwaltungsratspräsidentin und sein Bruder Michael als Verwaltungsrat das Unternehmen, pensionierte Hausärzte stellen in Teilzeitpensen die gesundheitliche Grundversorgung der Bevölkerung von Bichelsee-Balterswil – und der Umgebung – sicher.

Indes nur noch bis voraussichtlich April 2025. Denn die Rotes Haus AG, wie das Unternehmen heisst, hat einen grossen Schritt vor: Aus der Einzelpraxis wird ein veritables Hausärztezentrum. Allerdings mit einem Wermutstropfen für Bichelsee-Balterswil: Das Zen­trum entsteht in Sirnach.

«Wir haben vor anderthalb Jahren mit der Planung begonnen», führt Michael Kaufmann aus. Hintergrund sei, dass Christoph Kaufmanns Sohn Raphael ebenfalls Medizin studiert und 2017 sein Staatsexamen erlangt habe. 2023 mache er seinen Facharztabschluss und könne danach als Hausarzt arbeiten.

«Wir mussten erkennen, dass einerseits die bisherige Einzelpraxis keine Zukunft hat, andererseits in Bichelsee das Potenzial für ein Ärztezentrum nicht vorhanden ist», sagt Kaufmann weiter. Dennoch wollte man im Hinterthurgau bleiben. «Hier ist der Hausarztmangel besonders akut», weiss Michael Kaufmann.

«Um eine effektive gesundheitliche Grundversorgung sicherzustellen, bräuchte es zirka einen Hausarzt pro 1000 Einwohner. Der Kanton Thurgau hat aber nur 0,7, der Bezirk Münchwilen sogar nur 0,3.»

So seien es denn wirtschaftliche Überlegungen gewesen, welche die Wahl auf Sirnach fallen liessen. Die Gemeinde biete nicht nur eine gute Grösse, sondern vor allem mit Autobahnanschluss, Bahnhof und mehren Buslinien auch eine hervorragende individuelle und öffentliche Verkehrserschliessung. «Das neue Gesundheitszentrum wird gut an die Buslinie Bichelsee-Wil angebunden sein», sagt Michael Kaufmann weiter und meint damit den Standort der Gruppenpraxis: Im Sirnacher Unterdorf entsteht demnächst die gleichnamige Gewerbe- und Wohnliegenschaft. Das Projekt wollte einst die EW Sirnach AG realisieren, übergab es dann aber der Pensionskasse Thurgau. Hauptmieter im Parterre des Gebäudes wird der Detailhändler Coop sein, das Hausärztezentrum entsteht im ersten Stock.

Bereits steht fest, dass Raphael Kaufmann und seine Partnerin Lea Zollinger sowie zwei bis drei weitere Ärztinnen und Ärzte und nicht zuletzt die bisherigen Bichelseer Praxisassistentinnen und Lernenden im Sirnacher Hausärztezentrum wirken werden.

Trotz der bereits erfolgten Planungsarbeit sagt Michael Kaufmann: «Die Hauptarbeit kommt erst noch.» Dabei gehe es dereinst um Detailfragen wie: Welcher Anschluss kommt in der Praxis wohin? Vor allem aber erwartet der Verwaltungsrat des Unternehmens bis 2025 noch eine «intensive Suche nach weiteren Hausärztinnen und Hausärzten».