«Ein Quilt ist wie ein guter Kellner»: In Frauenfeld gibt es eine kaum bekannte Sammlung nordamerikanischer Wandbehänge

Früher gegen die Kälte, heute Textilkunst: Hans Zogg unterhält in der Frauenfelder Altstadt eine Sammlung historischer Quilts.

Mathias Frei
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Hans Zogg im Wohnzimmer vor seinem Lieblingsquilt.

Hans Zogg im Wohnzimmer vor seinem Lieblingsquilt.

(Bild: Donato Caspari)

(Bild: PD/Hans Zogg)

Still sind sie, hängen an Wänden, in einem Schrank, die Quilts von Hans Zogg. Sie schreien nicht: Zeig uns! Sie sind einfach. Und die wenigsten wissen, dass es so ist, dass sie da sind. Während 40 Jahren lebt Zogg in Zürich. 2012 zieht er nach Frauenfeld in die Altstadt, mietet im gleichen Gebäude ein Ladenlokal, betreibt dort eine Zeit lang seine «Galerie zum Quilt». Mittlerweile sind die Erdgeschoss-Schauräume an der Freie Strasse Geschichte, sind nun in seiner Wohnung im Obergeschoss. Die Stoffkunst bräuchte keine Öffentlichkeit, aber verdient hätte sie es.

Ursprung der Täuferbewegung in der Schweiz

In den USA haben Quilts in den Kulturen der Amischen und der Mennoniten eine längere Tradition. Die Mennoniten sind heute eine weltweit verbreitete evangelikale Freikirche, die ihren Ursprung in der Täuferbewegung hat. Diese wiederum entsteht im Zürich der 1520er-Jahre. Gegner Zwinglis setzen sich für eine Trennung von Kirche und Staat sowie für eine Erwachsenen- respektive Bekenntnistaufe ein. Geistiger Anführer der Mennoniten ist der holländische Prediger Menno Simons (1496-1561). Um 1690 kommt es zum Schisma. Der aus dem Bernbiet stammende mennonitische Gemeindeleiter Jakob Ammann ist der Ansicht, dass sich die Mennoniten von den Ideen der Vorväter entfernen. Es bilden sich die sehr konservativen Amischen (von «Ammann»). In Wellen wandern sie in die USA aus. (red)

(Bild: PD/Hans Zogg)

Zogg sagt: «Ein Quilt ist wie ein guter Kellner. Er ist da, wenn man ihn braucht.» Der Kellner, der integraler Bestandteil des Lokals ist, diesem eine Wertigkeit gibt, der sich diskret im Hintergrund hält, aber da ist. Wenn man die Wandbehänge sehen will, sieht man sie. Je nach Blickwinkel offenbaren sie stets aufs Neue Farben und Formen.

Studierter Mathematiker und seine Arbeits-WG

Zogg, 73-jährig, nach eigenen Aussagen «nicht-praktizierender Mathematiker», hat in den 1980er-Jahren begonnen, Kunst zu sammeln. Er lebte in einer WG, seine Mitbewohner waren zugleich seine Arbeitskollegen. Gemeinsam führten sie eine IT-Firma.

«Wir hatten schon immer grosses Interesse an Kunst.»

(Bild: PD/Hans Zogg)

In einer Galerie am Neumarkt in Zürich kam Zogg erstmals in Kontakt mit Quilts. Vor allem die Einfachheit der Muster der Amisch-Quilts wussten ihn zu faszinieren. Vor sechs Jahren wurde die Sammlung aufgeteilt. Zogg übernahm den Teil mit den Quilts. Rund 80 Stück sind es, aus den USA, entstanden sind sie in der Zeit von 1850 bis 1950.

(Bild: PD/Hans Zogg)

Die ersten Siedler nahmen Quilts mit in die Neue Welt, nach Amerika. Ihren Ursprung haben die Decken aber in China. Die Kreuzritter brachten das Nähwerk aus dem Nahen Osten nach Europa. Sie verwendeten die Technik des dreilagig zusammengesteppten Stoffs als Waffenhemd. Später schützten die Decken gegen die Kälte oder am Fenster gegen den Wind. Heute ist Quilting überaus populäre Volkskunst in Nordamerika. Frauen quilten alleine daheim, aber viel öfters auch in Gruppen. Die soziale Komponente des gemeinsamen Handwerks ist nicht zu unterschätzen.

Zogg mag die Zürcher Konkreten um den bekannten Architekten und bildenden respektive angewandten Künstler Max Bill. Und er mag die Amisch-Quilts.

«Was man da sieht, ist nicht Max Bill. Aber da ist eine Ähnlichkeit. Die Amischen haben ihren Ursprung letztlich auch in Zürich. Sie sind Teil der Täuferbewegung»

Die Gemeinsamkeit sieht Zogg in der freigewählten Beschränkung, Reduktion und Fokussierung auf geometrische Formen. Was sie unterscheide, sei das Quilting darüber.

Vom Alltagsgegenstand zum Kunstobjekt

(Bild: PD/Hans Zogg)

Der Zürcher in Frauenfeld sammelt Quilts, aber quiltet nicht selber. «Das würde mir wohl nicht liegen.» Zweifellos ist er aber über die Jahre zum Quilt-Experten geworden, schreibt Fachartikel zum Thema und betreibt zudem einen Newsletter.

«Mit der ersten Quilt-Ausstellung im Whitney-Museum in New York im Jahr 1971 ist aus dem Alltagsgegenstand ein Kunstobjekt geworden.»

(Bild: PD/Hans Zogg)

Das stellt Zogg fest. Besonders die amischen Quilts würden auch nach hundert Jahren noch gegenwärtig und zeitlos wirken. Seine Sammlung wolle er nicht mehr ausbauen, sagt Zogg, Interessierten zeige er sie aber gerne nach Vereinbarung.

Weitere Informationen:
www.galerie-zum-quilt.com
Aktuell: «Alte Quilts aus der Neuen Welt» (aus der Sammlung von Hans Zogg), Ausstellung bis 26. Januar; Vinorama Museum, Hauptstrasse 62, Ermatingen; Samstag und Sonntag, 14 bis 17 Uhr.