«Die jungen Frauen sind forscher geworden»: Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau zieht ein Jahr nach dem Frauenstreik Bilanz

Bei den Wahlen haben sich die Auswirkungen des Frauenstreiks deutlich gezeigt – auch im Thurgau. Durch Corona ist das Engagement zum Jahrestag gebremst worden, trotzdem wird heute in St.Gallen wieder gestreikt. Denn vieles hat sich nicht verändert. Die Coronakrise und das verbreitete Homeoffice könnte eine Chance für die Frauen sein.

Larissa Flammer
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Die Thurgauer Frauen zogen am Frauenstreik durch Weinfelden.

Die Thurgauer Frauen zogen am Frauenstreik durch Weinfelden.

Bild: Andrea Stalder

«Die jungen Frauen sind forscher geworden, die älteren haben auch angefangen umzudenken – und einige Vorkämpferinnen schon längst.» Annina Villiger, Präsidentin der Frauenzentrale Thurgau, ist der Ansicht, dass sich viele Frauen vom politischen und gesellschaftlichen Diskurs rund um den Frauenstreik vor einem Jahr anstecken liessen.

Als Beispiel nennt sie den Verein «Helvetia spricht», der in St.Gallen entstanden ist und von dem die Frauenzentrale Thurgau Gründungsmitglied ist. Dabei handelt es sich um einen Pool von Frauen, die etwas zu sagen haben. So erfahren Veranstalter, die nach einer Rednerin suchen, wer ausser den bekannten Personen noch in Frage kommen könnte. Die Idee ist, für junge Frauen Vorbilder zu schaffen. Villiger bilanziert:

«Möglichkeiten, sich als Frau zu engagieren, gibt es heute mehr als noch vor einem Jahr. Ich hoffe, sie werden auch genutzt.»
Annina Villiger.

Annina Villiger.

Bild: Andrea Stalder

Vor einem Jahr hiess es «Helvetia ruft». Und die Frauen haben gehört. «Die Parlamente sind weiblicher geworden – sowohl der Thurgauer Grosse Rat als auch das Bundesparlament», sagt Villiger. Jetzt müssten sich die vielen Frauenstimmen nur noch konstant einbringen. Sie hat da ein gutes Gefühl: «Es gibt spannende Frauen, von denen man viel liest zurzeit.»

Seit März sitzen 41 Politikerinnen im Grossen Rat, was 31,5 Prozent entspricht. Der Thurgauer Regierungsrat ist weiterhin in Frauenhand: Drei Frauen und zwei Männer regieren den Kanton. Im Nationalrat beträgt der Frauenanteil über 40 Prozent, auch das St.Galler Parlament ist mit 32 Frauen (27 Prozent) so weiblich wie noch nie. In der St.Galler Regierung sitzen neu zwei Frauen statt einer.

Corona und Homeoffice als Chance und Augenöffner

Wenn Villiger auf das vergangene Jahr seit dem Frauenstreik am 14.Juni 2019 zurückblickt, kommt sie schnell auf die letzten Wochen zu sprechen – auf die Coronakrise. «Corona macht Angst: vor dem Verlust der Arbeit, davor, dass durch die Rettungspakete alles teurer wird, ...» Sie selbst hat Angst, dass bei den Schwächsten gespart wird. Villiger nennt das Beispiel einer Migrantin, die ihre Arbeit als Putzfrau in einem Privathaushalt verloren hat.

«Es kommt sehr darauf an, ob und für was die Leute jetzt Geld ausgeben.»

Während der Coronakrise habe man ausserdem durch den verordneten Ausfall der Grosseltern gesehen, wie wahnsinnig gross deren Anteil an der Kinderbetreuung sei. «Ich bin der Meinung, der Staat muss die Kinderbetreuung sicherstellen», sagt Villiger. Immer noch würden neben den Grosseltern vor allem Frauen diese unbezahlte Care-Arbeit leisten – auch bei der Pflege von kranken oder alten Angehörigen.

Am Frauenstreiktag in Weinfelden übernahmen Männer die Kinderbetreuung.

Am Frauenstreiktag in Weinfelden übernahmen Männer die Kinderbetreuung.

Bild: Andrea Stalder

Eine Chance könne es gewesen sein, dass in einigen Haushalten nun die Männer im Homeoffice gesehen haben, was die Frauen zu Hause während des ganzen Tages leisten. Einige Männern würden sich vielleicht künftig mehr Zeit für die Kinder nehmen und im Haushalt arbeiten, während andere, die gerne wieder ins Büro «flüchteten», die Arbeit der Frauen nun mehr wertschätzen.

Annina Villiger sagt: «Vielleicht war es ein Augenöffner.» Sie warnt davor, möglichst schnell wieder in die alte Normalität zurückzukehren: «Während Corona hat man gemerkt, was in der Gesellschaft wichtig ist: nämlich vor allem das Soziale.» Jetzt müsse jede Person überlegen, was ihr das wert ist.

Wie beim Rassismus Denkweisen und Handlungen hinterfragen

Die Infostelle Frau+Arbeit in Weinfelden, deren Trägerin die Frauenzentrale ist, musste aufgrund des Lockdowns auf die offene Sprechstunde verzichten, aber empfängt die Leute weiterhin nach Terminvereinbarung. Laut Stellenleiterin Antonella Bizzini kommen derzeit auch viele Männer in die Beratung. Nicht verändert haben sich durch die Pandemie die Probleme der Frauen: Anliegen zu Schwangerschaft und Kündigungen sowie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sind nach wie vor aktuell.

Die Rollenbilder seien immer noch sehr prägend – bei Männern wie bei Frauen. Diese Denkweise zeige sich in vielen Handlungen im Alltag. Villiger verweist dazu auf die aktuelle Rassismusdebatte:

«Jede und jeder sollte sich hinterfragen, sich überlegen, was man denkt und sagt, wie man handelt.»

Die Frauenzentrale ist immer noch in Kontakt mit dem Thurgauer Regierungsrat, weil die Infostelle Geld braucht. Die Bundesgelder wurden gestrichen und auch der Kanton St.Gallen ist bei der Thurgauer Infostelle ausgestiegen, weil er ein eigenes Angebot aufgebaut hat. Einige Thurgauer Gemeinden hätten nach dem letzten Aufruf eine Unterstützung zugesagt und auch der «Club der 500», mit dem private Gönner gesucht werden, sei sehr aktiv. Villiger sagt aber: «Wir brauchen weiterhin einen grösseren Betrag.»

Annina Villiger, Antonella Bizzini, Edith Wohlfender (SP-Kantonsrätin und Geschäftsstellenleiterin Berufsverband der Pflegefachpersonen, Sektion Ostschweiz), Eliane Wenger (Mitglied Frauenzentrale).

Annina Villiger, Antonella Bizzini, Edith Wohlfender (SP-Kantonsrätin und Geschäftsstellenleiterin Berufsverband der Pflegefachpersonen, Sektion Ostschweiz), Eliane Wenger (Mitglied Frauenzentrale).

Bild: Andrea Stalder

Frauen machen weiter Druck für ihr Anliegen

Ein Jahr nach dem Frauenstreik gehen Ostschweizerinnen heute wieder auf die Strasse. Bei einem Sternmarsch in der Stadt St.Gallen stehen drei Forderungen im Fokus: Das Ende der Gewalt an Frauen, die Aufwertung von Pflege und Betreuung sowie die Verwendung gendergerechter Sprache. Die Frauen starten in Gruppen und treffen sich im Stadtpark, wegen der Coronamassnahmen maximal 300. Am 14.Juni 2019 demonstrierte landesweit eine halbe Million Menschen.

Jenny Heeb.

Jenny Heeb.

Bild: Ralph Ribi

«Unzufriedenheit und Wut sind immer noch da. Sie geben uns die Kraft, weiterzukämpfen», sagt Jenny Heeb vom St.Galler Frauenstreik Kollektiv. Ihr Fazit nach einem Jahr: «Leider hat der Streik wenig bewirkt.» Pflegeberufe seien schlecht bezahlt, Care-Arbeit werde nicht wertgeschätzt, Vereinbarkeit sei nicht leichter geworden.

Wo sieht Gudrun Sander die Ostschweiz ein Jahr nach dem Frauenstreik? «Die Sensibilisierung ist gestiegen», sagt die Direktorin Kompetenzzentrum für Diversity and Inclusion an der Uni St.Gallen. Themen wie Vaterschaftsurlaub, Kinderbetreuung und Frauen in Führungspositionen seien wieder breiter diskutiert worden und in den Medien präsenter. Das Parlament entscheide frauenfreundlicher.

Allerdings sei die Ostschweiz traditioneller eingestellt als der Rest der Schweiz: Kinder werden weniger extern betreut, die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind grösser, ebenso der Anteil Frauen in Teilzeit. «Frauen sehen sich stärker als im Rest der Schweiz als Zuverdienerinnen.»