Bezirksgericht
BMW gegen Jeep: Rencontre auf der Autobahn landet vor Gericht

Eine blockierte Überholspur und ein umstrittenes Überholmanöver bringen zwei Männer vor das Bezirksgericht Münchwilen.

Olaf Kühne
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Das Bezirksgericht Münchwilen mit seinem 2015 fertiggestellten Ergänzungsbau.

Das Bezirksgericht Münchwilen mit seinem 2015 fertiggestellten Ergänzungsbau.

Bild: Olaf Kühne

Es war eine dieser ganz alltäglichen Situationen auf unseren Autobahnen. Ein grosser BMW, ein grosser Jeep. Ein Zürcher, ein Schaffhauser. Weil die zwei Männer, beide um die 40, ihr Rencontre im vergangenen Sommer auf der A1 zwischen Wängi und Sirnach hatten, war das Bezirksgericht Münchwilen zuständig.

Und das Gericht hatte keine leichte Aufgabe. Bestand doch Einigkeit einzig darin, dass sich die beiden Männer auf der linken Spur der Autobahn «begegneten», und der BMW-Fahrer schliesslich rechts überholte. Diametral gegenüber standen sich hingegen die Aussagen der beiden insbesondere über die Verkehrsdichte an diesem Sommernachmittag, aber auch über ihr jeweiliges Verhalten vor, während und nach dem fraglichen Manöver.

Der BMW-Fahrer war wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln und Nötigung angeklagt. Laut seiner Darstellung fuhr er auf der fast leeren Autobahn auf der rechten Spur mit «Tempomat 125». Dann sei vor ihm der Jeep aufgetaucht, alleine auf der linken Spur und mit 110 Stundenkilometern unterwegs. Weil er nicht rechts vorbeifahren wollte, habe er ebenfalls auf die Überholspur gewechselt und dem Vordermann erst mit dem Blinker, dann mit der Lichthupe signalisiert, er wolle vorbei. Nachdem lange Zeit nichts geschehen sei, habe er eben wieder nach rechts gewechselt, seinen Tempomaten wieder auf 125 gestellt und sei so vorbeigefahren. Nach einigen hundert Metern habe er dann wegen eines Autos wieder auf die linke Spur gewechselt und dabei im Rückspiegel bemerkt, dass der zuvor überholte Jeep massiv beschleunigt habe und ihm nun bis auf wenige Meter aufgefahren sei und ihn so bedrängt habe.

So war denn auch der Jeep-Fahrer angeklagt; wegen einfacher und grober Verkehrsregelverletzung. In seiner Schilderung spielte sich das Ganze aber komplett anders ab. Er sei tatsächlich links gefahren, aber mit 120, und auf beiden Spuren habe dichter Verkehr geherrscht. Vor ihm seien zehn Autos gefahren und die rechte Spur sei gar voll gewesen. Er habe deshalb keinen Grund gesehen – und auch keine Möglichkeit gehabt –, den drängelnden und lichthupenden BMW vorbeizulassen. Erst, als dieser dann eine Lücke auf der rechten Spur genutzt habe, um ihn zu überholen, knapp vor ihm wieder nach links zu scheren und dabei auch noch brüsk zu bremsen, sei bei ihm «der Zapfen ab gewesen». So habe er den anderen schliesslich angezeigt.

Für den BMW-Fahrer forderte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 9000 Franken und eine Busse von 1800 Franken, für den Jeep-Fahrer 3000 Franken bedingte Geldstrafe und 700 Franken Busse. Weil beide Männer ohne Anwalt erschienen waren, fragte sie der Gerichtsvorsitzende direkt, welche Strafe sie denn für angemessen hielten. «Ich habe nur meine Pflicht als Schweizer Bürger erfüllt und jemanden gemeldet, der sich grobfahrlässig verhält», antwortete der Jeep-Fahrer. Weil er für diese Pflichterfüllung Zeit und Geld aufgewendet habe, erwarte er einen Freispruch. Selbst in dieser Frage hätten die Antworten der beiden Kontrahenten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Sagte doch der BMW-Fahrer:

«Ich akzeptiere jedes Urteil und stehe wie ein Mann dazu.»

Diesen Anträgen folgte das Gericht zwar ein bisschen. Während seiner nur kurzen Beratung liess es sich aber offensichtlich weniger von Patriotismus oder Machismo leiten, denn vielmehr von der Rechtslage. Von den gröberen Vorwürfen sprachen die Richter beide Angeklagten frei. Einzig für sein offensives Verwenden der Lichthupe kassierte der BMW-Fahrer eine Busse über 400 Franken, darüber hinaus wurden ihm rund 1400 Franken an Gebühren aufgebrummt. «Vorbestraft sind Sie damit aber nicht», sagte der Gerichtsvorsitzende und eröffnete seine Urteilsbegründung ohne Umschweife: «Das Gericht glaubt Ihnen beiden nicht.» Weil es aber weder Zeugen noch Beweise gebe, und einzig der Einsatz der Lichthupe unbestritten sei, bleibe dem Gericht nur dieses Urteil.