Wildtier
Am Tatort fand er seinen Tod - kranken Wolf im Thurgau geschossen: «Es ging um das Tierwohl» +++ Universität Bern soll Krankheit aufklären +++ Schafhalter sind erleichtert

In der Nacht auf Dienstag wurde im Kanton Thurgau ein Wolf durch die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau in Zusammenarbeit mit der St.Galler Wildhut geschossen. Der Abschuss erfolgte, weil das Tier verschiedene Krankheitsbilder zeigte.

Sebastian Keller
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Der Wolf im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St.Gallen war offensichtlich krank, wie die fehlenden Haare am Schwanz und Körper beweisen.

Der Wolf im Grenzgebiet der Kantone Thurgau und St.Gallen war offensichtlich krank, wie die fehlenden Haare am Schwanz und Körper beweisen.

Bild: Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St.Gallen

Der Wolf pendelte zwischen dem Thurgau und St. Gallen. Kurz vor Weihnachten, am 22. Dezember, tötete das Grossraubtier ein Schaf. Die Behörden beider Kantone gehen davon aus, dass ein Wolf in über sechs Fällen Kleinwiederkäuer riss. Letztmals schlug er am Montag im Raum Bischofszell zu. Er tötete ein einzelnes Schaf in einem offenen Laufstall. «Ein Muster, das sich wiederholt zeigte», sagt Roman Kistler, Leiter der Thurgauer Jagd- und Fischereiverwaltung. Er geht davon aus, dass es sich immer um das gleiche Tier handelte, einen Rüden.

«Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein zweiter Wolf gleichzeitig in der Gegend ist.»

Die Behörden in St. Gallen und Frauenfeld hatten schon länger eine Vermutung: Der Wolf ist krank. «Der Verdacht bestand von Beginn weg aufgrund fehlender Haare an der hinteren Körperhälfte, wie die Bilder von Fotofallen zeigten», so steht es in einer Mitteilung. Kistler ergänzt: «Das hat sich weiterentwickelt, zuletzt hatte das Tier kaum mehr Haare.»

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

Roman Kistler, Leiter der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau.

(Bild: Reto Martin)

Diese Entwicklung untermauerten «zahlreiche Fotos und Direktbeobachtungen» bei einem Hof im Kanton St. Gallen. Zudem deutete der immer kleiner werdende Radius seiner Raumnutzung auf atypisches Verhalten hin. Gesunde Tiere legen auch mal 50 Kilometer am Tag zurück. Gegen Dienstagmorgen kehrte der Wolf an den letzten Tatort bei Bischofszell zurück. Weil man damit rechnete, hatte man sich dort auf die Lauer gelegt. Dort wurde er mit einem Jagdgewehr abgeschossen, «von seinem Leiden erlöst» durch die Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau in Zusammenarbeit mit der St. Galler Wildhut.

Nicht die Anzahl gerissener Schafe hat gezählt

Der Abschuss, betont Kistler, ist nicht mit den toten Schafen zu begründen. Dafür müssten dem Raubtier 35 Risse in zwei Monaten oder 25 Risse innert einem Monat nachgewiesen werden können. So viele Tiere gingen nicht auf sein Konto. Kistler: «Es ging effektiv um das Tierwohl, darum, den Wolf von seinem Leiden zu erlösen.» Das Bundesjagdgesetz ermögliche es, kranke und verletzte Tiere zu schiessen. Jagdbare wie geschützte. Der Wolf ist geschützt. «Wir haben es nicht gerne gemacht, aber es war vernünftig.»

Ein Leserreporter hat einen Wolf gefilmt, der sich am helllichten Tag in der Nähe eines Wohnhauses herumtreibt. Vermutlich sind die Aufnahmen in Fimmelsberg, Gemeinde Amlikon-Bissegg, entstanden. Ob es sich um das Tier handelt, das in der Nähe von Bischofszell mehrere Schafe gerissen hat, ist unklar.

An welcher Krankheit der Wolf litt, kann Kistler nicht sagen. «Das wird nun an der Universität Bern abgeklärt.» Am Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin. Dort versuchen Fachleute auch, den Wolf genetisch zu identifizieren. Auf Twitter schreibt die Gruppe Wolf Schweiz, dass sich seine Erkrankung an der Räude massiv verstärkt habe. «Wir haben bereits letzte Woche darauf hingewiesen, dass das Tier krank ist und sein spezielles Verhalten darauf zurückzuführen sein könnte.» Das kommentiert Kistler nicht. Räude ist eine Milbenerkrankung. An ihr erkrankte Tiere weisen haarlose, entzündete und verkrustete Hautstellen auf.

Schafhalter waren ein Stück weit ratlos

«Wir sind erleichtert», sagt CVP-Kantonsrat Franz Eugster. Der Bischofszeller hält in seiner Freizeit Schafe, vom nun toten Wolf wurde seine Herde verschont. Er sagt:

«Der Wolf hat sich unnatürlich verhalten.»

So habe er Schafe in Ställen gerissen, sei am helllichten Tag in Siedlungen herumgestreunt. Eugster erwähnt ein Video, welches das Grossraubtier bei Fimmelsberg zeigt. «Künftig sollte es möglich sein, einen Wolf zu schiessen, wenn er sich mehrfach unnatürlich verhält», fordert Eugster. Er sei nicht «per se gegen den Wolf». Wegen des Verhaltens seien die Schafhalter wochenlang etwas ratlos gewesen. Laufställe seien eigentlich sichere Refugien.

«Auf offenen Weiden gab es diesmal keine Risse.»

Dies führt Eugster auch auf verstärken Herdenschutz zurück. Er forderte unlängst auf politischem Weg ein interkantonales Wolfalarm-SMS.

Pro Natura Schweiz findet den Abschuss gerechtfertigt. Das sagte Sara Wehrli, Verantwortliche für grosse Beutegreifer und Jagdpolitik, dem Sender «Radio Top». Auch sie nennt die Räude. «Das ist eine sehr brutale Krankheit, die Tiere können daran elendiglich eingehen.»