Medaillensammler
Trotz Todesängsten noch WM-Silber geholt: Der Kradolfer Hans Nessensohn holt bereits zum zehnten Mal Edelmetall im Judo

Als der Kradolfer Judoka Hans Nessensohn Anfang September in Krakau an der Veteranen-WM seine nunmehr zehnte Medaille an internationalen Grossanlässen holte, weinte er. Denn damit konnte er nach einem wahren Seuchenjahr nicht rechnen.

Christof Lampart
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Hans Nessensohn (in weiss) kämpft im Finale gegen den Amerikaner Sandy North.

Hans Nessensohn (in weiss) kämpft im Finale gegen den Amerikaner Sandy North.

Bild: Gabriela Sabau

Äusserlich wirkt beim 68-jährigen Hans Nessensohn alles wie fast immer: Wenn er von einer EM oder WM zurückkommt, präsentiert er fast immer freudestrahlend ein Edelmetall. Dieses Mal gewann er im polnischen Krakau in der Kategorie bis 60 Kilo Silber, nachdem er im Halbfinal den mehrfachen Weltmeister aus Moldawien, Constantin Brinza, durch Waza-ari besiegt hatte und erst im Final gegen den US-Amerikaner Sandy North verlor. «Es war lange ausgeglichen, doch kurz vor Ablauf hat er mich mit Ippon durch einen Innensichelwurf erwischt», schildert Nessensohn die letzten Momente im Endkampf. Doch so gern er auch gewonnen hätte – das diesmalige Silber wog für den Vorzeigejudoka aus Kradolf viel kostbarer als all seine bisherigen Auszeichnungen. Denn Ende 2021 wähnte er sich schon des Todes nah und wagte damals nicht einmal an einen Judokampf zu denken, geschweige denn von einer WM-Medaille zu träumen.

«Als müsste ich sterben»

Denn Hans Nessensohn erwischte Anfang Dezember 2021 das Coronavirus – und zwar die aggressive Delta-Variante. «Wochenlang war ich mehr tot als lebendig», erinnert er sich. Und das, obwohl er schon zwei Impfungen bekommen hatte und die dritte kurz bevorgestanden hätte.

«Es hat sich angefühlt, als müsste ich sterben; ich war noch nie so krank in meinem Leben.»

Schüttelfrost, Fieber, Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit und die ganze Zeit ein scheusslicher Geschmack im Mund. «Das schmeckte so, als hätte ich eine Blechbüchse gefressen», erinnert er sich heute noch mit Grausen zurück. Kleinste Bewegungen verkamen wochenlang zur Tortur. «Nach jedem Gang aufs WC war ich völlig geschafft», erzählt er. Als es nach Weihnachten langsam wieder gesundheitlich bergauf ging, schöpfte Nessensohn zwar Hoffnung, dass er nun das Schlimmste überstanden hätte, doch ausser an kleinen Spaziergängen in der Natur war an keinerlei Bewegung zu denken. An Leistungssport schon gar nicht. «Judo war damals für mich ganz weit weg», erzählt Hans Nessensohn. Wer weiss, wie sehr dieser Mann seit Jahrzehnten für seinen Judosport lebt, kann kaum erahnen, was ein solcher Satz für den Kradolfer bedeutet.

Hans Nessensohn im Training.

Hans Nessensohn im Training.

Bild: Christof Lampart

Nichtsdestotrotz versuchte es Nessensohn im Februar mit einem Training – und musste gleich wieder abbrechen: «Ich hustete, würgte Schleim und schnaufte wie ein Ross», erinnert er sich. Für ihn klare Anzeichen von Long Covid. Anfang März meldete sich der Judoka zur radiologischen Untersuchung an – und bekam die Nachricht, dass für sein Alter alles in Ordnung sei. Also trainierte Hans Nessensohn behutsam weiter und besuchte Anfang April ein Turnier im französischen Lille und gewann es. Jedoch habe er sich damals noch nicht in Bestform befunden, sondern lediglich wegen seiner Routine gesiegt. «Ich habe clever gekämpft und vor allem gekontert», erinnert er sich.

Verdacht auf Herzmuskelentzündung

Der Test für die Europameisterschaft Anfang Juni in Kreta war also gelungen. Doch zum Start auf der Mittelmeerinsel sollte es nicht kommen. Denn bei einer erneuten Untersuchung diagnostizierte der Arzt «womöglich eine Herzmuskelentzündung». Und das eine Woche vor den Kontinentalkämpfen. Der Flug und das Hotel waren aber schon gebucht: «Da bin ich dann mit meiner Heidi als Tourist nach Kreta und habe meine Kolleginnen und Kollegen angefeuert.» Gross war dann die Freude bei Hans Nessensohn Ende Juni, denn «nach einem erneuten MRI wurde ich vom Arzt als gesund erklärt». Was danach kam, versteht sich beim Kradolfer von selbst.

Judoka Hans Nessensohn.

Judoka Hans Nessensohn.

Bild: Christof Lampart
«Ich habe im Training Vollgas gegeben, denn nach der EM wollte ich nicht auch noch die WM verpassen.»

Doch es hätte nicht viel gefehlt und die zähe Kämpfernatur hätte auch das Treffen der Weltbesten sausen lassen müssen. Denn wenige Tage vor dem Turnier zog er sich beim Training einen Meniskusanriss zu – und «behob» ihn selbstständig, indem er sein Knie tapte. «Es gibt heute schon fantastische Tapes, die so ein Knie super zusammenhalten. Ich hatte während der Kämpfe keine Schmerzen», so Nessensohn.

Dass es am Ende für ihn zu Silber reichte, kann Nessensohn heute noch gar nicht richtig fassen, denn das Niveau sei an den Welttitelkämpfen unglaublich hoch gewesen. «Als ich das Feld gesehen habe, sah ich sechs Leute, die alle hätten gewinnen können. Es war absolut nicht ausgemacht, dass ich mit einer Medaille nach Hause kommen würde. Ich trauere der Goldmedaille deswegen keinen Moment nach.» Und schliesslich kann er auch im nächsten Jahr wieder angreifen, wenn voraussichtlich in Paris (EM) und Dubai (WM) die nächsten Titelkämpfe anstehen. «Dann bin ich wieder dabei, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert», erklärt er. Dass es schnell anders kommen kann, weiss Hans Nessensohn nun ja. Nach diesem «annus horribilis» mit für ihn doch noch positivem Ausgang.