BISCHOFSZELL
«Ich kam voller Träume in die Schweiz»: Viele Migrantinnen landen nach ihrer Ankunft auf dem harten Boden der Realität

Wie kann man ihr Potenzial besser nutzen, damit sich Migrantinnen in der Schweiz besser integrieren können? Eine Integrationskonferenz in der Bitzihalle suchte am Mittwoch Antworten auf diese Frage. Einzugsgebiet war der Bezirk Weinfelden.

Christof Lampart
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Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde: Rosa Maria Carvalho, Slavica Lapcevic, Moderatorin Verena Wüthrich, Romina Gugliucci, Iryna Litvinka und Rita Kobler.

Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde: Rosa Maria Carvalho, Slavica Lapcevic, Moderatorin Verena Wüthrich, Romina Gugliucci, Iryna Litvinka und Rita Kobler.

Bild: Christof Lampart (Bischofszell, 21. September 2022)

Es war eine bunte, kommunikative und lebenslustige Gruppe von rund 80 Personen, vorwiegend Frauen jeglichen Alters, die sich am Mittwochabend zur Integrationskonferenz «Potenziale nützen» in der Bitzihalle eingefunden hatten. Eine Menge, die Optimismus ausstrahlte.

Auf Einladung des Vereins Integrationsförderung Bezirk Weinfelden trafen sich Frauen und Männer, die ihren Weg in die Schweiz nicht nur physisch, sondern auch sozial und beruflich geschafft haben – oder sich auf dem Weg dorthin befinden. Und doch hatten alle auf diesem Weg mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Voraussetzungen haben sich verbessert

Zwar machte Rudolf Tobler, Berufs- und Laufbahnberater an der Berufs- und Studienberatung Kreuzlingen, deutlich, dass es heute – im Vergleich zur Situation vor zwei oder drei Jahrzehnten – viel mehr auf die individuellen Fähigkeiten der Migrantinnen und Migranten abgestufte Bildungs- und Qualifikationsprogramme gibt, sodass es allen möglich sein sollte, nach einer gewissen Zeit in der Schweiz ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Dies zeigte sich in der Podiumsdiskussion, die von Verena Wüthrich von der Frauenzentrale in Weinfelden geleitet wurde und in der die Migrantinnen Rita Kobler (Herkunftsland: Nigeria), Slavica Lapcevic (Serbien), Rosa Maria Carvalho (Portugal), Romina Gugliucci (Italien) und Iryna Litvinka (Weissrussland) miteinander darüber diskutierten, was es braucht, um in der Schweiz beruflich und sozial heimisch zu werden.

Die deutsche Sprache lernen ist das Wichtigste

Das Allerwichtigste – da waren sich alle einig – ist das Erlernen einer Landessprache. Hier zeigte es sich aber schon, dass die Voraussetzungen für Migrantinnen unterschiedlich sein können. Manche sprachen schon gut Deutsch, als sie in die Schweiz einreisten, andere konnten sich als alleinerziehende Mutter lange nicht einmal das Geld für einen Deutschkurs leisten.

Dabei spielte im Fall dieser Runde nicht einmal der Bildungsstand eine Rolle. Denn das geschilderte Beispiel betraf Frauen, die in ihrem Heimatland ein Hochschulstudium absolviert hatten.

Frustriert über fehlende Diplomanerkennung

Was anfangs die Frauen erstaunte, war, dass man für alles in der Schweiz ein Diplom braucht beziehungsweise dass es ihnen oft nur mit viel Mühe und Zeit möglich war, ihre in der Heimat oder im Ausland erworbenen Diplome und Zeugnisse hier anerkennen zu lassen.

«Das war sehr frustrierend und ich habe es lange als Schikane empfunden», erklärte Iryna Litvinka, die in der Schweiz eine Weiterbildung als sozialpädagogische Familienbegleiterin absolviert, denn sie weiss, «ohne Ausbildung kommst du in der Schweiz nicht weiter – egal, wie intelligent du bist».

Auch Rita Kobler, die in Nigeria Jura studiert hatte, musste die Erfahrung machen, dass ihre Ausbildung in der Schweiz nicht anerkannt wurde. Auch die Tatsache, dass sie mit ihren perfekten Englischkenntnissen in der Schweiz nicht einfach schnell eine Stelle finden konnte, überraschte sie. Rita Kobler sagte:

«Ich kam voller Träume in die Schweiz und musste feststellen, dass die Realität eine ganz andere ist.»

Migrantinnen sollten einem Verein beitreten

Doch dem Frust wirkten die Frauen entgegen, indem sie sich in der Nachbarschaft oder in Vereinen engagierten – und so in der Gesellschaft ankommen konnten und ernst genommen wurden. Slavica Lapcevic beispielsweise arbeitet schon seit langem in der Elternbildung und gehört der Weinfelder Integrationskommission an. Für die studierte Primarlehrerin sei, als Mutter von drei Kindern, die ehrenamtliche Arbeit im lokalen Elternverein von Anfang an sehr wichtig gewesen. «So konnte ich mich hier integrieren und der Gesellschaft etwas zurückgeben, wofür ich sehr dankbar bin», erklärte Lapcevic.

Auch Hotelfachfrau Rosa Maria Carvalho betonte, wie wichtig es sei, sich am öffentlichen Leben aktiv zu beteiligen. Die Portugiesin sagte:

«Ich kann allen, die in die Schweiz kommen, nur empfehlen, sich einem oder mehreren Vereinen anzuschliessen.»
Der Chor «Inside Africa Switzerland» sorgt an der Integrationskonferenz mit seinen vorgetragenen Liedern für Unterhaltung.

Der Chor «Inside Africa Switzerland» sorgt an der Integrationskonferenz mit seinen vorgetragenen Liedern für Unterhaltung.

Bild: Christof Lampart (Bischofszell, 21. September 2022)

Wie gut das allen tun kann, zeigte denn auch der Auftritt des Chores Inside Africa Switzerland, der es sich unter der musikalischen Leitung von Walter Gysel und Rita Kobler zum Ziel gesetzt hat, sich in der Sprache der Musik auszudrücken und anderen Menschen zu begegnen. Nicht nur mit bekannten Liedern wie «We Are The World» oder «Bata Bata», sondern auch mit vielen afrikanischen Songs, die am Ende die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Integrationskonferenz sogar dazu brachten, mit zu tanzen.

Mehr Empathie wünschenswert

Dass sie als Ausländerinnen, die anfangs nur gebrochen Deutsch sprachen, von den Schweizerinnen und Schweizern unterschätzt wurden und man ihnen aufgrund ihrer Herkunftsländer nichts zutraute, habe sie, dies betonten alle in der Runde, anfangs auf die eine oder andere Weise geschmerzt. Romina Gugliucci empfand dabei vor allem den Umgang der Schweizerinnen und Schweizer mit ihr als Deutschlernende im Alltag dabei oft als «zu hart und empathielos», denn «sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig es für uns ist, das Ü auszusprechen». (art.)