Zum Gedenken
«Wäge mir isch Bottighofe en eigeti Gmeind!» – die erste «Frau Gemeindeammann» im Thurgau ist gestorben

Ein Nachruf Ines Rusca – Pionierin der Thurgauer Politik, ehemalige Grossratspräsidentin und stolze, heimatverbundene Bottighoferin.

Esther & Bernhard Brunner
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Ines Rusca-Naef11. Februar 1936 bis 21. September 2022

Ines Rusca-Naef
11. Februar 1936 bis 21. September 2022

Bild: Susann Basler - 23.6.2004

Es war in letzter Zeit still geworden um Ines Rusca. Sie haderte mit ihrer Vergesslichkeit und den altersbedingten körperlichen Gebrechen und konnte daher die letzten Monate ihres Lebens auch nicht mehr in ihrem geliebten Zuhause verbringen. Aber bis zum Schluss blieb ein Leuchten im Gesicht, wenn sie sich daran erinnerte, dass Bottighofen dank ihres Einsatzes zu einer eigenständigen politischen Gemeinde wurde, was damals keineswegs sicher war.

Pionierin in der Thurgauer Politik

Sie war die erste Ortsvorsteherin von Bottighofen von 1987 bis 1993 und wurde dann 1994 auch die erste «Frau Gemeindeammann» der jungen selbstständigen politischen Gemeinde. Aber nicht nur in Bottighofen war sie die erste «Frau Gemeindeammann», sondern im ganzen Kanton Thurgau. Dieses Amt führte sie bis 1999 aus. Parallel dazu war sie von 1988 bis 2004 Mitglied des Grossen Rates und politisierte dort für die FDP.

Ines Rusca, die als verheiratete, kinderlose Lehrerin in den späten Sechzigerjahren nicht mehr unterrichten durfte, weil sie einem Mann die Stelle wegnehmen könnte, war es immer eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen die gleichen Funktionen und Aufgaben bekleiden können wie Männer. Und dass sie 2001 bis 2002 denn auch Grossratspräsidentin des Kantons Thurgau wurde, erfüllte sie mit Stolz und Genugtuung. Zu Recht gilt Ines Rusca als Pionierin in der Thurgauer Politik.

Ines Rusca bei ihrer letzten Sitzung als Grossratspräsidentin.

Ines Rusca bei ihrer letzten Sitzung als Grossratspräsidentin.

Bild: Susann Basler – 22.5.2002

Es störte sie, wenn man nicht grüsste

Ines Rusca sorgte dafür, dass Bottighofen früh Land für den späteren Werkhof kaufen konnte. Denn der Grundeigentümer, der sie zu sich nach Hause beorderte, war der Meinung, dass «die Ines» als neue «Frau Gemeindeammann» vertrauenserweckend genug sei und er ihr – und nur ihr – ein Stück seines Landes für die Gemeinde verkaufen würde.

Engagement, sich kümmern und einbringen – das war Ines Rusca sehr wichtig. Dazu gehörten auch ehrenamtliche Engagements für die Thurgauische Sprachheilschule oder die Thurgauer Frauenzentrale. Engagement erwartete sie aber auch von ihrem Gegenüber. Sie regte sich auf, wenn man sich im Dorf nicht grüsste und sie konnte durchaus Zähne zeigen. Dann beispielsweise, als ein Beamter aus Bern bei ihr auf der Gemeinde nachfragte, ob man denn bei uns «draussen» überhaupt ein Sitzungszimmer habe oder wenn ihr jemand etwas vormachen wollte.

Ines Rusca am 100. Geburtstag von Gastro Thurgau in Arbon.

Ines Rusca am 100. Geburtstag von Gastro Thurgau in Arbon.

Susann Basler – 22.4.2002

Ines Rusca interessierte sich auch für Kunst und war zusammen mit ihrem Mann Charlie mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern befreundet. Diese Liebe zur Kunst hatte sie als junge Seminaristin im damaligen Lehrerinnen- und Lehrerseminar in Kreuzlingen kennen gelernt, wo sie Bildern von Thurgauer Künstlern wie Adolf Dietrich oder Carl Roesch begegnete. Bis ins hohe Alter besuchte sie regelmässig Ausstellungen und Vernissagen. Sie genoss es, Leute zu treffen und in Gesellschaft zu sein.

Stolze und heimatbewusste Thurgauerin

Zeit ihres Lebens blieb sie auch die Lehrerin und stolze Thurgauerin, die sie war; dann etwa, wenn sie einen korrigierte, dass es hier bei uns «Hoi» und «Tschau» und nicht etwa «Tschüss» heissen würde oder wenn sie einen noch in diesem Frühling ermahnte, dass man den Reineclauden in unseren Gärten hier «Ringlotte» sage.

Ines Rusca im Gespräch.

Ines Rusca im Gespräch.

Bild: Reto Martin 2002

Sie liebte ihren Garten, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Charlie bis zu dessen Tod liebevoll pflegte. Und wie er auch konnte sie zahlreiche Blumen nicht nur mit einem Mundartnamen, sondern auch dem korrekten Deutschen und dem Lateinischen benennen. Es ärgerte sie, dass sie mit zunehmendem Alter die lateinischen Namen vergass und die Nachbarin danach fragen musste, die gut daran tat, diese Namen präsent zu haben. Gute Nachbarschaft hiess für Ines Rusca, dass man sich nicht auf die Pelle rückt, aber durchaus am Gartenzaun einen längeren oder langen Schwatz hält. Dafür hatte man dann auf beiden Seiten des Zauns sehr umfangreich gejätet.

Den Blick auf Meersburg von ihrem Wohnzimmer aus genoss sie bis zum Schluss ihres Lebens. Nicht selten stand sie am Morgen und am Abend am Fenster und schaute über den See oder freute sich an Nebeltagen, dass der See nur langsam aus dem Grau auftauchte.

Ines Rusca und Bottighofen – das war eine Liebesgeschichte. Bottighofen war ihr Zuhause und ihr Stolz. Sie wird fehlen. Aber sie bleibt in vielen kleinen Dingen in unserer schönen Gemeinde, zu deren Wohlergehen sie wesentlich beigetragen hat, in Erinnerung.