Spiritualität
«Es ist mehr als ein Speeddating mit Gott»: Die Evangelische Kirche Kreuzlingen bietet eine Anleitung im Beten an und bekämpft den «christlichen Analphabetismus»

Eltern könnten es ihren Kindern nicht mehr erklären und in der Kirche herrsche beim «Vater unser» jeweils bedrücktes Schweigen. Mit dem Kurs «Wie geht beten?» sollen die Vorzüge und Arten des Gebets wieder aufgefrischt werden.

Emil Keller
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Gegen die voranschreitende «Christenschmelze» wollen Walter Studer und Pfarrer Gunnar Brendler mit ihrem Angebot etwas unternehmen.

Gegen die voranschreitende «Christenschmelze» wollen Walter Studer und Pfarrer Gunnar Brendler mit ihrem Angebot etwas unternehmen.

Bild: Emil Keller

«Nicht nur das Klima wandelt sich, auch das Klima in der Gesellschaft verändert sich. Und die Folge davon ist eine regelrechte Christenschmelze.» Diese Beobachtung macht Walter Studer seit Jahren. Anstatt jedoch dem gesellschaftlichen Wandel tatenlos zuzusehen, hat der Journalist und Mitglied der Kirchenbehörde Kontakt mit dem evangelischen Pfarrer Gunnar Brendler aufgenommen. Gemeinsam haben sie sich nun einen Kurs ausgearbeitet unter dem Titel: «Wie geht beten?». «In erster Linie geht es darum, die Grundlagen des Christ-Seins und der Spiritualität wiederzuentdecken», erklärt Brendler von der Evangelischen Kirchgemeinde Kreuzlingen.

Keck nennen sie ihre Idee eine «Aktion zur Reduktion des christlichen Analphabetismus». Denn mit dem Vergessen von Traditionen gehe eine Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Ethik einher. Walter Studer sagt:

«Heute ist es fast schon verpönt, davon zu sprechen, dass man betet. Dabei ist unser ganzes freiheitliches Denken auf christlichen Werten begründet. Diese gilt es zu bewahren.»

Brendler, welcher auch als Seelsorger in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig ist, beobachtet im Menschen eine Suche nach dem spirituellen «Mehr». Das in den vergangenen Jahren explodierte Angebot an Meditationskursen und esoterischen Unterweisungen zeuge von diesem spirituellen Verlangen. Ihnen allen fehle jedoch die Kommunikation mit dem Göttlichen, welche nun an zwei Abenden wiederentdeckt werden soll.

Der Kurs richte sich deshalb nicht an die üblichen Kirchgänger, sondern vielmehr an Personen, welche Interesse an ihrer persönlichen Beziehung zu sich und ihrer Seele haben. Da sind gerne auch Atheisten eingeladen. Denn es gehe überhaupt nicht darum, die Zahl der Kircheneintritte zu erhöhen, sondern vielmehr den Menschen eine weitere Möglichkeit an die Hand geben, Erfahrungen zu machen.

Es gibt verschiedene Formen der Fürbitte

Pfarrer Brendler erklärt: «Beten ist sehr individuell. Wir wollen den Leuten nicht überstülpen, wie sie zu beten haben.» Vielmehr soll an den zwei Abenden ein Austausch über die verschiedenen Arten und Formen präsentiert werden. Es gebe noch viel mehr zu entdecken, als am Abend vor der Prüfung noch ein Stossgebet gen Himmel zu senden: «Das ist wie Speeddating mit Gott», sagt Studer scherzhaft, «dabei könne das Gebet viel mehr sein.»

Deshalb sollen verschiedenen Formen wie die Fürbitte oder Arten von Gebetsformen vorgestellt werden. Wie man schlussendlich in Kommunikation mit sich selbst tritt, sei jedem selbst überlassen. Pfarrer Brendler weiss:

«Einige falten die Hände in Ruhe, andere laufen oder joggen dabei.»

Der Kurs «Wie geht beten?» findet an den zwei Montagabenden vom 31. Oktober und 7. November, jeweils 19 Uhr, im «Trösch» an der Hauptstrasse 42 statt. Der Kurs ist kostenlos. Um eine Anmeldung wird bis 26. Oktober an marianne.pfaendler@evang-kreuzlingen.ch oder Tel. 0716726774 gebeten.