Seebühne
Der Sex-Streik für den Frieden beginnt bald: Endspurt beim Kreuzlingen See-Burgtheater

Nur noch sieben Tage trennen Regisseur Giuseppe Spina und das Ensemble von der Premiere von Aristophanes' «Lysistrata».

Inka Grabowsky
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Das Ensemble von «Lysistrata» am Tor der Akropolis.

Das Ensemble von «Lysistrata» am Tor der Akropolis.

Bild: PD/Mario Gaccioli

Regisseur Giuseppe Spina räumt ein:

Giuseppe SpinaRegisseur

Giuseppe Spina
Regisseur

Bild: Ralph Ribi
«Unsere Akropolis erinnert derzeit noch an die Ruine in Athen heute. Aber bald soll sie so aussehen wie die unzerstörte Burg vor rund 2500 Jahren.»

Noch fehlen der Kulisse ein bisschen Farbe und ein Dach auf den ionischen Säulen. Unter ihnen liess 411 vor Christus der Dichter Aristophanes seine Komödie spielen: Nach 20 Jahren Krieg gegen Sparta erzwingen Frauen durch einen Sex-Streik den Frieden. Dass sie zusätzlich die Kriegskasse mit in die Akropolis nehmen, hilft bei der Durchsetzung ihrer Forderungen ebenfalls.

Die Titelheldin Lysistrata, die den Streik anführt, gilt als erste politisch aktive Frau der Literaturgeschichte. In Kreuzlingen wird sie verkörpert durch die 31-jährige Sophie Arbeiter, die eigentlich am Nationaltheater Mannheim engagiert ist. Sie sagt:

Sophie Arbeiter spielt die namensgebende Protagonistin Lysistrata.

Sophie Arbeiter spielt die namensgebende Protagonistin Lysistrata.

Bild: PD/Mario Gaccioli
«Es ist ein grosser Stoff und ein gutes gemeinsames Projekt.»

Giuseppe Spina hatte sich ursprünglich thematisch auf die Frauenrechte konzentrieren wollen. Die russische Invasion der Ukraine hat seinen Fokus erweitert: «Man kann kaum glauben, dass wir Menschen nach 2433 Jahren noch nicht weitergekommen sind.»

Tragisches Thema komödiantisch umgesetzt

Trotz der inhaltlichen Aktualität des Originals will die Kreuzlinger Aufführung eigene Akzente setzen: «Wir bieten heute eine andere Komik als die alten Griechen», sagt Astrid Keller, die Co-Leiterin des See-Burgtheaters, die die Rolle der streitlustigen Chorführerin Stratyllis übernommen hat.

Astrid Keller spielt Stratyllis.

Astrid Keller spielt Stratyllis.

Bild: PD/Mario Gaccioli
«Bei uns geht es wohl etwas geschmackvoller und weniger albern zu.»

In der historischen Aufführungspraxis übernahmen Männer auch die Frauenrollen. Das dürfte in der Antike zu diversen Schenkelklopfern geführt haben. Der Kampf der Geschlechter tritt in der See-Burgtheater-Variante insofern in den Hintergrund, als dass beide Seiten Probleme mit dem Emotionsembargo haben. Sowohl Männer als auch Frauen hätten sympathische und unsympathische Seiten, so Spina. Was beide Versionen vereint, ist der schwierige Spagat, ein ernstes Thema wie den Krieg in einer Komödie aufzuarbeiten. «Lachen ist Werkzeug für die Ernsthaftigkeit», argumentiert der Regisseur.

«Die Komödie eröffnet einen Kanal zum Herzen der Zuschauer. Man verschliesst deshalb weniger die Augen vor den Schrecken des Krieges.»
Das Bühnenmodell für «Lysistrata» von Damian Hitz.

Das Bühnenmodell für «Lysistrata» von Damian Hitz.

Bild: PD

Nicht nur für Bildungsbürger

Um die heutigen Zuschauer mit leichtem Sommertheater zu erreichen, hat Spina (unter den wachsamen Blicken von Astrid Keller und der Dramaturgin Anja Schmitter für die weibliche Perspektive) eine eigene Fassung von «Lysistrata» geschaffen. Der Inhalt bleibt gleich, doch die Sprache der Frauen hat er in zeitgemässes Deutsch übersetzt. «Die Männer bleiben bei der gebundenen Sprache. Sie wollen ja auch beim etablierten Gesellschaftssystem bleiben, in dem die Frauen nichts zu sagen haben.»

Ausserdem kommt das See-Burgtheater im Seeburg-Park traditionsgemäss nicht ohne Musik und Tanz aus. Für die Choreografie ist einmal mehr Robina Steyer verantwortlich: «Wir machen ein Schauspiel mit Musik und Bewegung.» Die musikalische Begleitung beschränkt sich dieses Mal auf eine Harfe, die über ein Loop-System verstärkt wird. Viviane Nüscheler und Seline Jetzer wechseln sich am Instrument ab. «Das ist schon eine Herausforderung», sagt Jetzer. Zum einen setzt die Luftfeuchtigkeit dem Instrument zu. Es muss ständig nachgestimmt werden.

«Und ich habe noch nie so viele Saiten ersetzen müssen wir derzeit.»

Zum anderen wagen die Harfenistinnen stilistisch das Betreten von Neuland: «Wir kommen beide aus der Klassik.» Jetzt spielen sie Lieder aus 2000 Jahren Friedensbewegung. Vom mittelgriechischen Volkslied über Schubert bis zu einem Song aus den Sechzigern ist alles dabei.

Aristophanes’ «Lysistrata». Streik der Frauen» feiert am 14. Juli Premiere. Bis zum 10. August gibt es 20 Vorstellungen.

www.see-burgtheater.ch

Maria Sautter, Johanna Köster, Lucca Kleinmann, Axel Fündeling, Astrid Keller und Sophie Arbeiter machen sich gut gelaunt an die Probenarbeit.

Maria Sautter, Johanna Köster, Lucca Kleinmann, Axel Fündeling, Astrid Keller und Sophie Arbeiter machen sich gut gelaunt an die Probenarbeit.

Bild: Inka Grabowsky