Literatur
Wer hilft wem warum? – der neue Roman des Ermatinger Autors Adolf Jens Koemeda liefert Antworten

«Die Helferin» beschreibt fiktive Migrantenschicksale und der Autor – einst selbst vor den Russen geflüchtet – spart nicht mit Kritik an Wladimir Putin. Am Freitag feiert der dritte Teil seiner Simmi-Reihe Premiere.

Inka Grabowsky
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Der Ermatinger Autor Adolf Jens Koemeda schöpft für seine Simmi-Romane aus seiner Erfahrung als Psychiater und als ehemaliger Flüchtling.

Der Ermatinger Autor Adolf Jens Koemeda schöpft für seine Simmi-Romane aus seiner Erfahrung als Psychiater und als ehemaliger Flüchtling.

Bild: Inka Grabowsky

Vor vier Jahren begann der Ermatinger Autor Adolf Jens Koemeda eine Roman-Reihe, die nun mit dem dritten Band ihr vorläufiges Ende findet. Erzähler ist jeweils der Bosnier Simmi, der sich als sogenannter Wirtschaftsflüchtling nach Deutschland aufmacht.

Nach «Die Absicht» (2018), «Sandul» (2020) folgt nun «Die Helferin». Im Zentrum steht die Mittvierzigerin Hanne, die Migranten zunächst einfach bei der Integration unterstützen will, dann aber sexuelle Beziehungen zu zwei jungen Männern aufnimmt. «Sie ist frisch geschieden und hat die körperlichen Bedürfnisse einer 42-jährigen Frau», meint der Autor.

«Tatsächlich wäre die Situation vollkommen anders, wenn ein männlicher Helfer sich mit jüngeren weiblichen Schutzbefohlenen einlassen würde. Das gäbe einen Aufschrei.»

Die beiden Männer akzeptieren das Arrangement, überlegen aber auch, was Hanne zur Helferin hat werden lassen. «Ein schlechtes Gewissen», legt ihnen der Autor in den Mund. Tatsächlich sei in vielen Fällen Nächstenliebe die Basis für Hilfsleistungen, erklärt er im Gespräch. «Als Psychiater, der vierzig Jahre hinter der Couch verbracht hat, habe ich erlebt, dass Hilfe oft anders motiviert ist. Man versucht damit, etwas wieder gutzumachen.»

Gehen oder Bleiben

Trotz aller Unterstützung und guten Voraussetzungen stösst Simmi bei seiner Integration immer wieder auf Hindernisse. Mit anderen Migranten – und mit seinem Vater, zu dem er Kontakt hält und der ihn finanziell unterstützt – diskutiert er die Option, in die Heimat zurückzukehren. Auch dieses Thema beruht auf der Berufserfahrung Koemedas als Psychiater.

«Das habe ich bei vielen Patienten erlebt. Erst eine Therapie gab ihnen den Mut, den Versuch im Ausland Fuss zu fassen, abzubrechen. Man darf das nicht als Versagen sehen.»

Politische Meinungsbildung

Jens Koemeda.

Jens Koemeda.

Bild: Inka Grabowsky

Koemeda schuf die Figur des ahnungslosen, aber gebildeten Migranten als Beobachter von aussen. Simmi verfasst regelmässige Berichte für eine Bewährungshelferin. In ihnen schildert er nicht nur, wie sich sein Verhältnis zu Hanne entwickelt, sondern auch, was ihm und anderen Neuzuzügern in Deutschland auffällt. «Ein naiver Begriff von Freiheit», Arroganz oder Staatsgläubigkeit werden genannt. Gleichzeitig bildet der junge Mann ein Publikum für die politischen Diskussionen zwischen der links-liberalen Hanne und ihrem rechtspopulistischen Ex-Mann. Weder in der Migrations- noch in der Energiepolitik haben die Beiden die gleiche Meinung, was ihre Streitgespräche für Simmi (und damit für den Leser) zu Lektionen in politischer Bildung macht. «Ich wollte durch die Wahl der Figuren den Lesern gute Diskussionsgrundlagen schaffen», so Koemeda.

«Ich schreibe bewusst nicht für die Schublade, sondern versuche meine Leser zu erreichen, und aus meiner Erfahrung Wissen einfliessen zu lassen.»

Prophetische Worte

Sechs Wochen vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat Jens Koemeda sein Buch beim Bucher-Verlag abgeliefert. Er hatte aber bereits die Figur eines Ukrainers eingeführt, der ein Jahr im Donbass kämpfen musste, bevor er nach Deutschland floh. Der Schatten des Krieges ist bereits zu spüren – und die Kritik des Autors an Wladimir Putin ist im Roman unverhohlen.

«Jeder Schreibende hat Übung darin, die Gegenwart in die Zukunft weiterzudenken. Bei mir hat sie sich tragisch erfüllt, als Putin den Einmarsch befahl.»

Er sei selbst als junger Mann aus einem von Russland besetzten Gebiet geflohen, seine Familie sei von den Kommunisten der damaligen Tschechoslowakei verfolgt worden.

«Ich bin nicht neutral, was Putin angeht.»

Gespräche in einem Taxi

Ganz ausschliessen kann Jens Koemeda nicht, dass er zukünftig noch einmal auf die Figur Simmi zurückkommt. Doch zunächst schreibt er an einer Sammlung über Gespräche in einem Taxi. «Ich bin als Student selbst Taxi gefahren, und habe dabei komische wie tragische Geschichten zu hören bekommen – eigentlich gar nicht so anders als später in meinem Beruf als Psychiater.»

Hinweis: Buchpremiere von «Die Helferin» ist am 23. September um 19.30 Uhr in der Büecherbrugg, Einführung von Dorena Raggenbass, 15 Franken, mit Musik und Apéro. Anmeldung an buecherbrugg@tg.ch.