Flüchtlingshilfe
«Die Kinder sind die ärmsten in der ganzen Situation»: Die neue Kreuzlinger Agathu-Präsidentin über aktuelle Herausforderungen

Die aktuelle Weltlage führt dazu, dass wieder mehr Geflüchtete ins Agathu-Café an der Freiestrasse in Kreuzlingen kommen. Für die Jüngsten hat man das Beschäftigungsangebot ausgebaut.

Inka Grabowsky
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Brigitta Hartmann brachte ihren eigenen Führungsstil mit ins Agathu.

Brigitta Hartmann brachte ihren eigenen Führungsstil mit ins Agathu.

Bild: Inka Grabowsky

Seit etwas über einem halben Jahr ist Brigitta Hartmann Präsidentin von Agathu, der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau. Und auch wenn sie betont, dass sie ein gut vorbereitetes Erbe habe antreten dürfen, stand sie doch zwischenzeitlich vor einigen Herausforderungen. Unter anderem wechselt zum Frühjahr die Leitung des Cafés. «Mein Führungsstil ist inzwischen angekommen», sagt die Präsidentin.

«2023 wollen wir die neuen Strukturen weiterentwickeln und festigen.»

Konkret arbeiten neu weniger Angestellte mit mehr Stellenprozenten: Café-Leitung und Praktikant haben je ein 60-Prozent-Pensum. Auf diese Weise steht während der Café-Öffnungszeiten immer ein Profi den ehrenamtlichen Helferinnen zur Seite. Die verschiedenen Arbeitsgruppen wie Nähatelier oder Lernwerkstatt seien eingespielt. «Die Arbeit im Café ist dagegen unberechenbarer», sagt Hartmann.

«Manche Gäste kommen her, um ihre Ruhe zu haben, andere suchen das Gespräch.»

Mitarbeitende werden weiter gesucht: «Sie werden entschädigt durch Wertschätzung und das Erleben von Solidarität. Es gibt eine positive Agathu-Stimmung. Es ist immer jemand da, der hilft, wenn man fragt.»

Lichterfest zur Wintersonnenwende

Agathu will bewusst keine Weihnachtsfeier ausrichten, um Geflüchtete anderen Glaubens nicht auszuschliessen. «Jeder soll Halt in seiner eigenen Religion finden», sagt Präsidentin Hartmann. «Es ist uns aber wichtig, in dieser speziellen Zeit die Gemeinschaft zu pflegen. Deshalb organisieren wir am 21. Dezember ein Lichterfest, um den Beginn der helleren Jahreszeit zu feiern.» Zwischen 14 und 19 Uhr gibt es im Café an der Freiestrasse 28a für Einheimische und Zugewanderte Punsch und Suppe. (ig)

Neue Bewohner im Bundesasylzentrum

Nachdem 2019 das frühere Empfangs- zum Ausschaffungszentrum geworden war, war es im Treffpunkt ruhiger geworden. Nun kommen wieder mehr Migranten. «Aktuell sind dort immer gegen 300 Menschen untergebracht – und sie haben eben nicht mehr alle einen negativen Bescheid. Viele sind vom Empfangszentrum in Altstätten hergebracht worden, weil es zu voll ist.» Unter ihnen sind unbegleitete Minderjährige wie auch Familien. Doch ein Bundesasylzentrum (BAZ) ohne Verfahrungsfunktion kann ihnen keine passenden Strukturen bieten.

«Unbegleitete Minderjährige brauchen mehr Betreuung.»

Deshalb sei man im Gespräch mit dem BAZ, um ein Deutschangebot zu machen – erst mal an einem halben Tag pro Woche. «Angebote für die Lehrmittelspenden haben wir schon.»

Für Kinder im Alter zwischen zwei und zwölf haben die Ehrenämtler ihr Engagement bereits ausgebaut. Ursprünglich gab es jeweils am Samstag einen Kreativnachmittag für die Kinder und ihre Familien. Neu gibt es das zusätzlich am Dienstagnachmittag, sodass die Kleinen neben einem Freizeitangebot des BAZ am Donnerstag nun jede Woche drei Gelegenheiten haben, mal aus dem Asylzentrum herauszukommen.

Zum Lichterfest will Präsidentin Brigitta Hartmann den gespendeten Adventskranz auch anzünden – an einer Stelle, an der es feuerpolizeilich erlaubt ist.

Zum Lichterfest will Präsidentin Brigitta Hartmann den gespendeten Adventskranz auch anzünden – an einer Stelle, an der es feuerpolizeilich erlaubt ist.

Bild: Inka Grabowsky
«Wir holen dienstags die Kinder ab, backen, basteln, malen mit ihnen und bringen sie wieder zurück. Die Kinder sind ja die ärmsten in der ganzen Situation, aber es entlastet auch die Eltern.»

Konstanzer Notunterbringung in Sichtweite

Aktuell stellen türkische Kurden, Afghanen oder Syrer die Hauptgruppe der Agathu-Besucher. «Die Ukrainer waren nur anfangs hier, weil wir der erste Treffpunkt waren. Die Sprachkurse unserer Freiwilligen waren unendlich wertvoll. Inzwischen aber hat die Stadt Kreuzlingen ihre Verantwortung wahrgenommen und viel geregelt.» Ukrainerinnen besuchten derzeit vor allem das Sprachcafé und das Nähatelier. Die Stimmung unter den ukrainischen Kriegsflüchtlingen sei anders als bei den anderen Migranten:

«Die meisten gehen wohl davon aus, dass sie in ein paar Monaten wieder nach Hause können.»

Auch bei Agathu gibt die Notunterkunft für Geflüchtete zu reden, die Konstanz auf Klein-Venedig – also quasi in Sichtweite – errichten lässt. Die dort untergebrachten Migranten dürfen die Grenze nicht überschreiten. «Wir werden im Januar sehen, wie es läuft», so Brigitta Hartmann. «Für uns ist nur klar, dass wir uns an alle gesetzlichen Vorgaben halten werden.»