Zum Gedenken
Sie suchte immer wieder Wege

Ende Juli ist Sabine Schifferdecker gestorben. Sie baute mit anderen Frauen in Arbon ein Mütter- und Familienzentrum auf, war Mitbegründerin der Lebensmittelabgabestelle Tavola und arbeitete 15 Jahre als administrative Sekretärin bei der SP Thurgau. Ein Nachruf, verfasst von der SP Frauengruppe Arbon.

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Sabine Schifferdecker (5. März 1961 bis 27. Juli 2022).

Sabine Schifferdecker (5. März 1961 bis 27. Juli 2022).

Bild: Ladina Bischof

«Aus gesundheitlichen Gründen kann ich nicht an der Sitzung teilnehmen, teile euch aber noch meine Gedanken und Überlegungen mit.» Typisch Sabine Schifferdecker: mitdenken, mitgestalten, mitverantworten bis fast zuletzt.

Ihr Lebenslauf ist beeindruckend. Nach ihrem Studium der Alten Sprachen in München machte sie eine Weiterbildung in elektronischer Datenverarbeitung, arbeitete in diesem Bereich und auch als Journalistin. Mit ihrem Ehemann zog sie Ende 1990 nach Arbon. Bald war sie Mutter von zwei Kindern und vermisste es, sich mit anderen Müttern auszutauschen und zu vernetzen. Mit Frauen aus Arbon baute sie ein Mütter- und Familienzentrum auf. Zugleich stellte sie sich dem Schweizerischen Dachverband des Mütter- und Familienzentrums als Geschäftsleiterin zur Verfügung. Durch ihr Engagement kam sie auch in Kontakt mit der SP Frauengruppe Arbon und engagierte sie sich hier bis zum Schluss. Intelligent, scharfsinnige, klar formuliert und stets gut recherchiert, genossen ihre Berichte und Texte grosse Beachtung und Anerkennung. Wir wussten, auf sie war Verlass.

Ein Leben lang sozial engagiert

Ihr soziales Engagement, oft auf freiwilliger Basis, zog sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ihr Herz schlug für die Benachteiligten, für die sozial Schwachen. So war sie Mitbegründerin des sozial-ökologischen Projekts «tavola» der SP Frauen Arbon, der Essensausgabe für Bedürftige. Ein Konzept erarbeiten, das Budget erstellen, Kontakte mit Institutionen, Kirchen und Gemeinden aufnehmen und die Eröffnung mitgestalten, damit ermöglichte sie einen wichtigen Meilenstein in der konkreten sozialen Arbeit. Sabine war aber nicht nur Mitbegründerin. Sie hat auch über Jahre wesentlich dazu beigetragen, dass sich das Angebot weiterentwickeln konnte und heute in Arbon nicht mehr wegzudenken ist.

15 Jahre arbeitete Sabine Schifferdecker teilzeitlich als administrative Sekretärin der SP Thurgau und Mitglied der Geschäftsleitung. Zuständig für die Mitgliederverwaltung, auch für Protokolle der Geschäftsleitung und an Parteitagen, war sie mit ihrer Kompetenz und ihrer lebensfrohen Art beliebt und geschätzt.

Hilfe zur Selbsthilfe war ihre Devise

Trotz ihrer grossen Arbeit, ihren Verdiensten und Fähigkeiten, suchte sie nie das Rampenlicht. Dass auch Rückschläge zu ihrer Lebensbahn gehörten, scheint im Nachhinein Teil dessen, was sie selbst ausmacht. «Hilfe zur Selbsthilfe» war ihre Devise. Und das galt für andere und auch für sie selbst. So suchte sie denn vor allem eines: immer wieder Wege. Dazu gehörten Weiterbildungen und Tätigkeiten, um sich selbst weiterzuentwickeln und später als alleinerziehende Mutter durchzubringen – sei es als Paarberaterin, Laufbahncoach, Erwachsenenbildnerin mit Fachausweis, Personalassistentin.

Mit all ihrer Arbeit wurde sie wie selbstverständlich mehr und mehr Arbonerin – und dies mit jener Weitsicht, für die eine Zusammenarbeit der Schweiz und der EU wichtig ist. Vor neun Jahren liess sie sich denn auch einbürgern. Ihre tiefe Verbundenheit mit Arbon zeigte sie denn auch in ihrer Arbeit für die Geschichte der SP Arbon «Roth und röter» und ihrem Engagement für ein Seeufer ohne mächtige Hochhäuser.

Sabine Schifferdeckers Können, ihr Wissen, ihr Gerechtigkeitssinn, ihre Tatkraft und ganz besonders ihre persönliche konsequente und solidarische Haltung bleiben beispielhaft und für uns unvergesslich. Mit ihr verliert die links-grüne Bewegung eine feine Kollegin und Freundin.