Energiewende
Romanshorn will Wärme aus dem See zum Heizen nutzen

Die Stadt sieht vor allem bei der Versorgung von Haushalten im Zentrum Potenzial. Sie hält die Lieferung von Energie in frühestens drei Jahren für möglich. Als Betreiber des Netzes steht unter anderem die Gasversorgung Romanshorn AG zur Diskussion.

Markus Schoch
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Der Bodensee könnte für Romanshorn noch stärker zur Energiequelle werden.

Der Bodensee könnte für Romanshorn noch stärker zur Energiequelle werden.

Bild: Istylephoto / iStockphoto

Es sind noch viele Fragen offen. Doch es scheint nicht abwegig, dass sich die Investition in ein thermisches Seewasserwerk in Romanshorn lohnen könnte. Zu diesem Schluss jedenfalls kommt ein Bericht, den die Stadt in Auftrag gegeben hat. Der Stadtrat hat deshalb entschieden, detaillierte Abklärungen treffen zu lassen, wie die Stadt am Mittwoch in einer Mitteilung schreibt.

Die Studie soll bis Ende Jahr vorliegen und die technische und wirtschaftliche Machbarkeit klären sowie mögliche Standorte von Energiezentralen aufzeigen. Denkbar ist nach Angaben der Stadt, dass die ersten Haushalte bereits in drei bis fünf Jahren angeschlossen werden können. Stadtpräsident Roger Martin sagt:

«Wir wollen möglichst schnell vorwärtsmachen.»

Im Moment würden sich viele überlegen, auf alternative Energieträger umzustellen. Für sie lohne es sich vielleicht, noch etwas zu warten mit dem Kauf einer neuen Heizung.

Die Versorgung des Zentrums steht im Vordergrund

Doch nicht alle Romanshornerinnen und Romanshorner werden Teil des Wärmeverbundes sein können, wenn die Pläne tatsächlich Wirklichkeit werden sollten. «Es zeigt sich, dass im Kerngebiet der Stadt ein hohes Potenzial vorhanden ist und Energieverbünde mit Seewasser als Energiequelle möglich sind», schreibt die Stadt in einer Mitteilung.

Das Zentrum ist relativ dicht bebaut, was sich günstig auf die Erschliessungskosten auswirkt. Gleichzeitig lassen die engen Platzverhältnisse den Liegenschaftsbesitzern wenig Wahl, wenn sie ihre Gas- oder Ölheizung ersetzen wollen. «Erdsonden zu bohren, ist beispielsweise nicht möglich», sagt Stadtpräsident Martin.

Als Grossabnehmer in Frage kommen auch die Badi, die geplante Überbauung auf dem ehemaligen Hydrel-Areal, das angedachte Quartier im Hafenpark oder Firmen im Industriequartier. Die Grenzen des Versorgungsgebietes genau zu ziehen, sei heute nicht möglich, sagt Martin. Im Grundsatz lasse sich aber sagen:

Stadtpräsident Roger Martin.

Stadtpräsident Roger Martin.

Bild: Donato Caspari
«Je weiter weg ein Haushalt vom See liegt und je weniger dicht ein Quartier bebaut ist, desto weniger lukrativ ist der Anschluss.»

Das Gasnetz ersetzen

Für die Stadt im Vordergrund steht, die heutigen Gasbezüger künftig mit Wärme aus dem See zu beliefern. Als alleinige Eigentümerin der Gasversorgung Romanshorn AG (GVR) verfügt sie über den nötigen Handlungsspielraum, um die Umstellung vorantreiben zu können. Die Gesellschaft steht denn auch als möglicher Betreiber des Wärmeverbundes zur Diskussion. «Es kommen aber auch verschiedene andere Lösungen in Frage», sagt Martin. Entschieden sei noch nichts.

Thermisches Seewasserwerk

Nichts Neues für Romanhorn

In Romanshorn gibt es schon seit über 30 Jahren einen grossen Wärmeverbund, der Seewasser zum Heizen beziehungsweise Kühlen nutzt. 1982 schlossen sich die Kantonsschule, die Sekundarschulgemeinde und die politische Gemeinde zusammen, um die Schulhäuser der beteiligen Körperschaften beziehungsweise das Mehrzweckgebäude mit thermischer Energie aus dem Bodensee zu versorgen. Später sind weitere Bezüger wie die Firma Zeller dazu gekommen. (mso)

Die Stadt ist sich bewusst, dass nicht alle Gaskunden von den Plänen begeistert sein werden. In ihrer Mitteilung schreibt sie deshalb: «Die Ablösung des Gasnetzes durch ein Seewasser-Netz ist besonders sorgfältig zu planen und mit ausreichenden Übergangsfristen zu gestalten, sodass die privaten Haushalte nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.» Es brauche eine frühzeitige und umfassende Information der Betroffenen. «Mittel- und langfristig ist die Wärmeversorgung mit Erdgas, wie alle fossilen Energieträger, jedoch ein Auslaufmodell», schreibt die Stadt.

Könnte sich die Stadt die Investition leisten?

Romanshorn am Bodensee.

Romanshorn am Bodensee.

Istylephoto / iStockphoto

Wenn die Gasversorgung den Verkauf von Wärme aus dem See zumindest teilweise zum neuen Geschäftsmodell machen sollte, müsste die Stadt voraussichtlich viel Geld in die Hand nehmen. Die Investitionen werden in die Millionen gehen. Das sei richtig, sagt Martin. Aber wenn die Stadt schon nach zehn Jahren Geld mit dem Wärmeverbund verdienen könnte, frage es sich, ob sie tatsächlich alles Privaten überlassen sollte. Auch auf die finanziellen Fragen zum Projekt soll die Machbarkeitsstudie Antworten liefern. Denkbar sei beispielsweise, dass die Stadt einen Dritten als Juniorpartner ins Boot hole, sagt Martin.

Die Stadt Romanshorn gehört gemäss einer vom Kanton im letzten Sommer veröffentlichten Studie zu den Gebieten im Kanton Thurgau, die das Potenzial für einen Energieverbund mit Seewasser haben. In Egnach ist der Bau eines thermischen Seewasserwerkes bereits so gut wie beschlossen. Die Stadt Arbon hat ebenfalls eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die in diesen Tagen vorliegen sollte. Die See-Energie AG in Steinach ist bereits daran, Verträge mit Abnehmern von Wärme abzuschliessen. Einer der Kunden sind die neuen Besitzer des Radunerareals in Horn.

Romanshorn bekennt sich zum Klimaschutz

Mit der Ratifizierung der Klima- und Energie-Charta für Städte und Gemeinden im März 2022 durch den Stadtrat bekennt sich Romanshorn zu einer hundert Prozent erneuerbaren Energieversorgung ohne Treibhausgasemissionen bis 2050 sowie effizienten Energienutzung gemäss Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft.