Uraufführung
Der stärkste Mann der Welt stopft Strümpfe: Das Junge Theater Konstanz wühlt spielerisch in Rollenschubladen

Vom So- und Anderssein erzählt Sergej Gössners Kinderstück «Der fabelhafte Die» in der Spiegelhalle Konstanz. Mit von der Partie sind ein starker Mann, zwei Musterkids in Pink/Hellblau, ein Schwan im Ententeich und der Verein für Richtigsein. Die Uraufführung, inszeniert von Kristo Sagor, ist eine sprachstarke, bunte Ermutigungsshow.

Bettina Kugler
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Ein Mädchen (Julian Mantaj) stemmt den stärksten Mann der Welt (Jonas Pätzold): Das sieht der Verein für Richtigsein nicht gern.

Ein Mädchen (Julian Mantaj) stemmt den stärksten Mann der Welt (Jonas Pätzold): Das sieht der Verein für Richtigsein nicht gern.

Bild: Ilja Mess

Normal: Gerade hat das Wort Erlösungspotenzial. Lang genug war Notstand. Nach anhaltendem Ausnahmezustand und zermürbendem Gewurstel will man jetzt gerne wieder Klarheit, will «richtig» leben, ins Theater gehen zum Beispiel. Neue Normalität! Doch wer sagt eigentlich, was normal ist, richtig? Muss man sich immer daran halten, auch wenn es sich falsch anfühlt? Um diese Fragen dreht sich Sergej Gössners Kinder- und Menschenstück «Der fabelhafte Die», im Auftrag des Theaters Konstanz geschrieben und nun erstmals inszeniert von Kristo Sagor – bei dem es, wenn man das so normativ und kategorisch behaupten darf, in den richtigen Händen ist.

Denn Gössner geht das Thema So- oder Anderssein verspielt an, eher fröhlich laut als nachdenklich verhalten. Nicht als Problemfeld, nicht auf die sanfte, einfühlsame Art, sondern höchst theatralisch, mit den Mitteln von Zirkus, Show, lustvollem Rollenspiel und Beiseitetreten, Aus-der-Rolle-Fallen. So wundert es auch nicht, dass das Personal auf der Bühne eher der Fantasie entstammt, dem Geschichtenkosmos aus Märchen und Parabeln: Ob nun der stärkste Mann der Welt, der Spiessbürger am Ententeich oder die Ente Klaus, die sehr verdächtig einem Schwan ähnelt – sie wirken wie von Hans Christian Andersen erdacht.

Grosse Show rund um den Ententeich

Sie sprechen auch nicht wie Du und ich oder wie Ben und Ayla (die zwischendrin als Musterknabe und pinke Primarschulprinzessin mitspielen dürfen) auf dem Pausenhof, sondern in Versen; das hat im Theater immer schon fabelhaft getönt und verhindert, dass man wegdämmert. Es unterstreicht die grosse Show rund um den Ententeich, den Zirkuswagen, die multifunktionale Raute, zartrosa und hellblau gestrichen, auf der Bühnenbildnerin Iris Kraft das Spiel mit den vertrauten Mustern und Persönlichkeitsschubladen buchstäblich ins Rollen bringt.

Nicht leicht in Schubladen zu stecken: Jonas Pätzold als fabelhafter Die.

Nicht leicht in Schubladen zu stecken: Jonas Pätzold als fabelhafter Die.

Bild: Ilja Mess

Im Raum verteilt hängen, zunächst noch ausschliesslich in den beliebten Babyfarben, runde Dekoscheiben: praktisch, um später benötigte Klamotten oder Requisiten dahinter zu verbergen - gespielt wird ja im offenen Bühnenraum -, aber auch als Indikator wachsender Buntheit. Nach mehr als einer Stunde leuchten sie in allen Farben, kennt man nicht nur den fabelhaften Die und Herrn Meyer-Schmitt, sondern freut sich auf immer neue Normsprenger. Den redseligen Barsch Kim aus Kiel zum Beispiel. Da haben die Kontrolleure im Lineal- und Massbandanzug viel zu tun.

Spiel auf Hochtouren, verbal wie körperlich

Sieht aus wie ein Schwan, fühlt sich aber als Ente: Klaus alias Katrin Huke, im Hintergrund Herr Meyer-Schmitt (Julian Mantaj) und der Die.

Sieht aus wie ein Schwan, fühlt sich aber als Ente: Klaus alias Katrin Huke, im Hintergrund Herr Meyer-Schmitt (Julian Mantaj) und der Die.

Bild: Ilja Mess

So leicht und spielerisch das Stück daherkommt, bringt es doch Katrin Huke, Julian Mantaj und Jonas Pätzold mächtig in Fahrt und ins Schwitzen. Schliesslich dürfen sie keine Rolle lang behalten und müssen doch alle auf Hochtouren spielen, verbal wie körperlich. Sie bauen mit viel Tamtam Erwartungen auf, um sie dann platzen zu lassen wie den Endlosschlauch von Luftballon, den sich der Die vor dem hochverehrten Publikum (nein, nicht nur Damen und Herren, auch allen anderen) aus dem Mund zieht. Sie öffnen Schubladen und Kisten mit heimlichen Wünschen und vermeintlich unpassenden Accessoires.

Dabei zielen sie selbstverständlich auf maximale Wirkung, auf Anerkennung und Applaus, Norm hin oder her. Im Vordergrund aber steht das Anliegen - raffiniert verpackt, wie eine harte, nahrhafte Denknuss in buntes Knisterpapier. Tatsächlich will Gössners Stück in den Köpfen etwas in Bewegung bringen, ein Umdenken. Wie reimt der fabelhafte Die so schön? «Wenn man sich immer nur Gedanken macht, was andere sagen oder auch denken, dann kann man sich den Spass auch schenken!» Es wäre schade um das keineswegs alle Erwartungen erfüllende, spassig mit Normen brechende Stück.

Die nächsten Vorstellungen: 20./21./24./26./27./28./30./31.10., Spiegelhalle Konstanz. Anfangszeiten unter theaterkonstanz.de. Empfohlen ab 10 Jahren.