Deutsches Reisebüro wirbt mit Athens Misere
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 29.04.2010
«Jetzt Last Minute Griechenland retten!» wirbt das deutsche Online-Reisebüro L'tur auf «Spiegel Online», und: «So schön kann Sofort-Hilfe sein». Während die Griechen auf ein Ja der deutschen Regierung zu den Rettungsgeldern von IWF und Euro-Ländern warten, hofft das Unternehmen offenbar auf den grossen Ansturm. «Hellas» gebe es jetzt zu «Knallerpreisen», so L'tur auf seiner Webseite.
Das Online-Reisebüro «Ab-in-den-Urlaub.de» verschickte gar eine Pressemitteilung. Dass sich die griechische Staatskasse unter anderem über den Tourismus wieder füllen solle, sei gut für Feriengäste, so das Unternehmen. Griechenlandreisen seien derzeit «echte Schnäppchen». Denn Athen wolle nicht nur bei den Beamten sparen, sondern auch die Wirtschaft wieder ankurbeln: «Um Griechenland als Reiseland noch attraktiver zu machen, dürften die Reisepreise deutlich sinken.»
«Keine kritischen Stimmen»
Deutsche Touristen lassen sich offenbar von der griechischen Krise nicht von ihrer Ferienreise abhalten. Das zeigte eine am Mittwoch veröffentlichte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des Reiseunternehmens Tui unter 1203 Deutschen: 49 Prozent finden, die Schwierigkeiten Griechenlands sei kein Grund, das Land als Ferienziel auszuschliessen. Nur 6,3 Prozent der Befragten meiden Griechenland angesichts seiner finanziellen Sorgen.
L'tur verteidigt gegenüber Thurgauerzeitung.ch/Newsnetz seine Werbung. Es sei ein «Glücksfall», dass die Kampagne so gut zu den aktuellen Entwicklungen passe, so Sprecherin Nina Meyer. Die Zahlen zeigten, dass sie beim Publikum ankomme: Innerhalb von drei Tagen sei das Online-Inserat 120'000 Mal angeklickt worden. Auch deutsche Journalisten hätten sich gemeldet und zu der witzigen Idee gratuliert. «Kritische Stimmen gab es bislang keine», so Meyer. Die Menschen wüssten sehr wohl zu unterscheiden zwischen der politischen Krise im Land und der Situation für Touristen. «Im Moment wirkt sich die Krise nicht auf Urlaubsgebiete aus.»
Lieblingsziel von Schweizer Touristen
In der Schweiz verzichtet man bislang auf entsprechende Werbung für Griechenlandreisen – selbst bei günstigen Anbietern. Weder Hotelplan noch Vögele Reisen preisen Ferien in Griechenland mit Hinweisen auf besonders günstige Krisen-Preise an. Das schreibt Hotelplan-Sprecherin Prisca Huguenin auch Mentalitätsunterschieden zwischen deutschen und Schweizer Konsumenten zu.
Tendenziell sei Werbung in Deutschland oft stärker auf «Preisknüller» oder «Schnäppchen» ausgerichtet als in der Schweiz, sagt die Sprecherin. «Schweizer kann man mit solcher Werbung generell eher nicht abholen», so Huguenin – selbst wenn man auch in der Schweiz angesichts der jüngsten Rezession preissensibler geworden sei.
Im Falle Griechenlands ist offensive Werbung auch nicht nötig: Das Land gehört seit Jahren zu den Lieblingszielen von Schweizer Sommertouristen. Dank des derzeit tiefen Eurokurses – eine Folge der Krise – ist eine Reise in die gesamte Euro-Zone ausserdem dieses Jahr tatsächlich besonders günstig.
(Thurgauerzeitung.ch/Newsnetz)
Erstellt: 29.04.2010, 16:37 Uhr







