Nehmt endlich Abschied von den einstigen Idyllen!

TZ-Chefredaktorin Ursula Fraefel plädiert für Entspannung und mehr Realitätssinn in der Minarettfrage.

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Auf allen Kanälen herrscht auch noch zwei Wochen nach der Abstimmung höchste Aufregung. Dabei steht die Minarett­Initiative doch nur für Symbolpolitik, wie die Gegner immer betonten. Mit anderen Worten: Sie löst keine Probleme, aber sie schafft auch keine neuen, jedenfalls keine gravierenden. Die Moscheen bleiben offen, die Musliminnen und Muslime können ihre Religion wie bis anhin praktizieren, einzig neue Minarette wird es keine geben. Entspannt euch also, das Leben geht weiter. Aber nehmt endlich Abschied vom falschen Glauben an die nicht mehr existierenden Idyllen! Akzeptiert endlich, dass auch die Schweiz kein perfektes Land ist. Akzeptiert, dass die Integration der Ausländer auch bei uns nicht in allen Fällen klappt. Akzeptiert, dass es auch bei uns Integrationsverweigerer gibt und auch in Zukunft geben wird. Heidiland ist tot.

Wer sich dagegen gegenüber der Realität verweigert, wird die Probleme nicht lösen können. Das gilt vor allem für jene, die den Volksentscheid noch immer nicht akzeptieren und mit juristischen Tricks wie einem Toleranzartikel zu verwedeln suchen. Darüber würde sich die SVP zu Recht ins Fäustchen lachen. Anders als die intellektuelle Elite nämlich glaubt, waren für die Zustimmung zur Initia­tive nicht etwa diffuse Ängste ausschlaggebend. Im Gegenteil, die Menschen wussten sehr wohl, worüber sie abstimmten.

Ausschlaggebend waren einerseits das medial vermittelte Unbehagen gegenüber dem Islam, also der Terror, die Selbstmordattentate, die Vorbehalte gegenüber Frauen-, Menschen- und Freiheitsrechten. Doch ausschlaggebend waren auch die Kränkungen und Missverständnisse, die viele von ihren muslimischen Mitbewohnern im Alltag, in den Treppenhäusern, auf den Spiel- und Pausenplätzen und an den Elternabenden erfahren haben. Also dort, wo die Begegnungen mit den Muslimen täglich stattfinden. Dort, wo jugendliche Jugos ihr Machogehabe heraushängen und wo verschleierte Frauen einem das Gefühl vom Fremdsein im eigenen Land vermitteln. Recherchen der «Thurgauer Zeitung» bestätigen diese These.

Anders als die Elite glauben machen wollte, wurde die Initiative nämlich nicht nur dort angenommen, wo es keine Muslime gibt. Diese Analyse ist falsch. Denn Musliminnen und Muslime leben in der Schweiz nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land, wo die Initiative eine sehr hohe Zustimmung fand. Der Thurgau beispielsweise hat mit 67,7 Prozent zugestimmt. Aber im Thurgau leben mit 5,9 Prozent (Schweizer Durchschnitt 4,2 Prozent) auch überdurchschnittlich viele Muslime.

Zur Entspannung der alltäglichen Konfrontationen wird das Minarettverbot allerdings auch nichts beitragen. Es wird weder die Stellung der Frau im Islam verbessern noch Hass und Gewaltbereitschaft eindämmen. All diese Probleme können nur Schritt für Schritt angegangen werden. Und machen wir uns nichts vor: Die Integration der Muslime ist schwierig. Schwieriger als jene der Tamilen beispielsweise, denen viele Schweizer lange ebenfalls sehr skeptisch gegenüberstanden. Der Unterschied: Die Tamilen haben von sich aus die ersten Schritte gemacht. Das müsste man in aller Deutlichkeit auch von den Muslimen einfordern. Sie müssen wissen, welche Frauen-, Menschen- und Freiheitsrechte bei uns gelten. Sie sollten auch zu minimaler Sprachkompetenz gezwungen werden.

Anderseits sollten wir die Erwartungen herunterschrauben. Nicht alle Probleme können gelöst werden. Die von uns gewollte und wirtschaftlich nötige Zuwanderung hat auch ihre negativen Seiten. Das müssen wir in Kauf nehmen. Die Zeit der Schweizermacher ist abgelaufen.

Zu hoffen ist, dass das Minarettverbot zum Ende der falschen Toleranz führt, und dass es eine tabufreie Diskussion über die Probleme im Umgang mit dem Islam möglich macht. (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 13.12.2009, 10:02 Uhr


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