«Ich lebe absolut enthaltsam»

Die Matzinger Psychologin Martha von Jesensky behandelt Priester, die sich mit der sexuellen Enthaltsamkeit schwer tun. Wir befragen die konservative Katholikin im Rahmen der aktuellen Diskussion.

Martha von Jesensky sucht in Matzingen die Einsamkeit. So kann sie sich ganz dem Bücherschreiben widmen.

Martha von Jesensky sucht in Matzingen die Einsamkeit. So kann sie sich ganz dem Bücherschreiben widmen.
Bild: Donato Caspari

Umfrage

Sollen Priester heutzutage enthaltsam leben?





Stichworte

«Ein Drittel der Priester hält sich nicht an den Zölibat»

Der Name Martha von Jesensky ist in kirchlichen Kreisen wenig bekannt. Weder der katholische Kirchenratspräsident des Kantons Thurgau noch Urs Brosi, Generalsekretär der Katholischen Landeskirche, haben jemals von ihr gehört. «Es tönt, als fühlte sich diese Frau persönlich berufen, die Priester auf den rechten Weg zu bringen», sagt Urs Brosi. Dies erachtet er als problematisch: Ein Priester, der die zölibatäre Lebensform nicht positiv annehmen kann, habe langfristig ein Problem. In diesem Fall könne es sinnvoll sein, sich für eine Liebesbeziehung und damit gegen die Weiterführung der priesterlichen Tätigkeit zu entscheiden. Theologe Urs Brosi sieht keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der zölibatären Lebensform und der Priesteraufgabe: «Der Zölibat sollte kein Kriterium sein für den Beweis, dass es einem Priester ernst ist.» Eigentümlich findet er die Aussage der Psychologin, dass man «Gott zuliebe» enthaltsam leben soll. «Warum Gott zuliebe? Warum eigentlich?», stellt er die Gegenfrage. Der Kirchenexperte schätzt, dass sich in der Schweiz ein Drittel aller katholischen Priester nicht an den Zölibat hält. Offizielle Erhebungen dazu gibt es nicht. Vor allem Frauen würden in diesen Beziehungen darunter leiden, dass sie sich zugunsten ihres Partners sehr diskret verhalten müssten. Verheiratete Priester haben die Gruppe «Priester in Beziehungen» gegründet. Gründungsmitglied Ciril Berther hält es für «pseudotheologisch», dass die Liebe zu einem Menschen nicht mit dem Priesteramt vereinbar sein soll. «Das zeigt nur, dass nicht verstanden wird, was eine Beziehung ist.» (mem)

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Frau von Jesensky, mit welchen Nöten kommen die Priester zu Ihnen?
Viele wissen nicht, wie sie mit ihrem sexuellen Drang umgehen sollen. Wenn sie mit mir darüber reden, fühlen sie sich erleichtert. Mit dem Bischof oder in Seminarien sprechen sie nämlich nicht darüber, auch in der Priesterausbildung werden sie zu wenig darauf vorbereitet.

Was raten Sie einem Priester, dem die Triebe in die Quere kommen?
Ich erkläre ihm, dass es nichts nützt, den sexuellen Reiz zu unterdrücken. Das verstärkt ihn nur. Daher rate ich zur Selbstbefriedigung. Aber das ist ein wüstes Wort, das schreiben Sie besser nicht auf.

Soll ich Masturbation schreiben?
Nein, das ist auch nicht schön. Vielleicht so: Er sollte sich abreagieren, aber nicht bei anderen.

Er darf also nicht ins Bordell?
Auf keinen Fall. Auch Prostituierte haben eine Seele. Wenn ein Priester ins Bordell geht, erniedrigt er diese Seele. Ein Priester hat mich einmal gefragt, ob er ins Bordell dürfe. Doch dann hat er verstanden, dass dies aus religiösen Gründen nicht geht.

Wirken Priester auf Frauen besonders attraktiv?
Ja, weil sie zuverlässig und moralisch integer sind. Übrigens sind es meistens Frauen, die mich anrufen, wenn die Kommunikation mit dem Priester nicht mehr funktioniert. Diese Frauen erwarten von mir eine Paartherapie, sie hoffen, dass alles wieder gut wird. In allen Fällen rate ich jedoch behutsam zur Trennung.

Kann denn eine Beziehung mit einer Frau keine Option sein?
Eine Liebe zwischen Gott und einer Frau zu teilen ist schwierig. Die meisten Priester, die eine eheähnliche Beziehung führen, verspüren nach vier bis fünf Jahren den geheimen Wunsch, wieder zölibatär zu leben und ganz für Gott da zu sein. Dabei kann ich ihnen helfen.

Katholische Pfärrer und Mönche scheitern seit Jahrhunderten an der sexuellen Enthaltsamkeit. Ist das Gebot zum Triebverzicht überhaupt lebbar?
Es sollte möglich sein, Gott zuliebe enthaltsam zu leben. Es geht darum, es zumindest zu versuchen, was ein jahrelanger Prozess ist. Viele Priester stagnieren dabei. Es ist anstrengend, Jesus nachzufolgen.

Leben Sie selber auch nach diesem Ideal?
Ich lebe absolut enthaltsam seit mehr als 20 Jahren. Ich liebe das, bin absolut glücklich dabei. Weil ich die ganze Hingabe mit dem Herzen praktiziere.

Viele Theologen sehen im Pflichtzölibat den Hauptgrund für den derzeit herrschenden Priestermangel. Warum sollte man den Zölibat zur Förderung des Nachwuchs nicht abschaffen?
Man sollte das zölibatäre Leben weder aufgeben noch lockern, sondern heiligen. Jeder Priester kann daran arbeiten, die Liebesenergie ganz Gott hinzuwenden. (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 10.03.2010, 14:21 Uhr

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3 KOMMENTARE

Roland Hinnen

11.03.2010, 11:30 Uhr

Das eigentliche Problem des zum Zölibat verpflichteten Weltpriesters (das Mönchtum ist eine andere Lebensweise!) war schon bisher die Einsamkeit: Gerade in Konflikten allein gelassen in der Pfarrei, aber auch von „Mitbrüdern“ und vor allem der kirchlichen Obrigkeit. Dese Heimatlosigkeit gerade jesuanisch orientierter Pfarrer wird jetzt noch brutal verschärft durch die Pfarreizusammenlegungen.


Gabriella Loser Friedli

10.03.2010, 21:36 Uhr

Die Aussagen von M. von Jesensky lassen denken, dass Probleme mit der Sexualität Priester in eine Beziehung führen. Erfahrungen der ZöFra zeigen jedoch, dass Sehnsucht nach Vertrauen-haben-können, eine konkrete Gesprächspartnerin zu haben, Sorgen teilen zu können, nicht eine Rolle spielen zu müssen viel eher zu Liebesbeziehungen führen, als der Wunsch nach gelebter Sexualität. Präsidentin ZöFra/CH


werner engler

10.03.2010, 16:16 Uhr

Stimmt es das für Katholische Pfarrer und Mönche die sexuellen Enthaltsamkeit seit Jahrhunderten besteht...? Hab einmal gehört, dass das Zölibat erst seit der Neuzeit besteht. Kann mir jemand darauf eine Antwort geben, bitte?



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