Melodrama zwischen Pet-Flaschen

«8 Frauen» mimen Stereotypen. Kristin Voduseks Inszenierung feierte als Eigenproduktion des Frauenfelder Vorstadttheaters am Mittwoch Premiere.

Grosse Gefühle: Die Schauspielerinnen bewegen sich zwischen Getränkeharassen.

Grosse Gefühle: Die Schauspielerinnen bewegen sich zwischen Getränkeharassen.
Bild: ma

«Eigentlich ist es wie in einem Krimi: Eine von uns ist die Mörderin, und sie lügt, deshalb müssen wir die Wahrheit sagen.» Der jüngeren Berweger-Tochter Kathrin (Rahel Haag) ihre Feststellung, Hoffnung und Forderung zugleich, ist Anti-Programm für «8 Frauen», eine Krimikomödie nach Robert Thomas. Kristin Vodusek, Basler Theatermacherin und Schauspielerin mit Thurgauer Wurzeln, hat sich jedoch vielmehr an das Kino-Krimi-Musical «8 Femmes» von François Ozon gehalten, dabei die Szenerie im Thurgauer «Chrache usse» – im provinziellen Niemandsland – verortet.

Während Ozon seine Farce mit der französischen Schauspielerinnen-Elite besetzt hat, sind im Vorstadttheater im Eisenwerk mehr oder weniger erfahrene Laien zu sehen. Das Stück präsentiert sich als überraschendes und überraschend hochwertiges Schauspiel. An der Premiere wird den Mitwirkenden von den fast ausverkauften Rängen – 60 Zuschauer – dementsprechend viel Applaus zugedacht.

Lebensläufe füllen sich

Im entrückten, aber umso variableren Setting von weissen Getränkeharassen mit insgesamt über 1200 weissen und grünen PET-Flaschen entwickelt sich eine Art Familien-Melodrama, hinter dem sich riesige Abgründe öffnen. Die vornehme Familie Berweger – von der Tante bis zur Schwägerin, Hausangestellte inklusive – trifft sich an Weihnachten in der abgelegenen Villa. Fassade und Contenance halten nur kurz. Der Mann des Hauses, Marcel Berweger, wird vermeintlich erstochen in seinem Bett aufgefunden. Jemand hat das Telefonkabel gekappt, Handyempfang gibts keinen, der Wagen springt nicht an, und die acht Frauen sind eingeschneit.

Die ältere Berweger-Tochter Susanne (Sophie Furrer), die von ihrem Vater, der gar nicht ihr biologischer Vater ist, geschwängert wurde, bemerkt treffend: «Die Mörderin ist unter uns.» Für den Zuschauer als Profiler füllt sich nach und nach die Terra incognita in den Lebensläufen der Figuren. Die acht multipel stereotypischen Figuren sind im Gegensatz zum Kinofilm von Anfang an kontrastreicher geformt und tauchen bis zum Schluss dank der imaginären Profile auch gänzlich aus der Unschärfe auf.

Von Stripperin bis Lesbe

Zwischen Pathos, Witz, Wut und Demut bewegen sich die acht Schauspielerinnen: neben den Töchtern Kathrin und Susanne die lesbische Köchin Hedy (Rebekka Furger), die lasterhafte Hausangestellte Ivana (Laura Porpiglia), die Schwägerin und ehemalige Stripperin Doris (Ramona Lasowsky), die Dame des Hauses, Bernadette Berweger (Hedi Ben Hamo), ihre psychisch labile Schwester, Tante Margrith (Dana Rufener), und die dem Alkohol nicht abgeneigte Grossmutter (Verena Hurter).

In den Thurgauer Dialekt transferiert und durchsetzt von musikalisch redesigntem Schweizer Volksliedgut offenbart sich eine Lebenslüge nach der anderen. Schlussendlich ist nicht einmal der Ermordete tot. Trotzdem erlebt er das versöhnliche «Oh du Fröhliche», das im Backspin-Modus endet, nur noch mit einer Kugel im Kopf.

Weitere Vorstellungen: 24., 25., 29. und 30. April, 1., 2., 5., 6., 7. und 8. Mai, jeweils
20 Uhr (sonntags: 17 Uhr).
www.vorstadttheater.ch (ThurgauerZeitung)

Erstellt: 23.04.2010, 13:23 Uhr

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