Rösten ohne Ende
Bewohner des «Affenbergs».
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Töfflitour 2010
«mostindia» fährt Mofa. Bernhard Eymann und Lukas G. Dumelin knattern in drei Etappen um den halben See.
Himmelherrgottsternenomol! Was soll das? Vor dem Fenster unseres Zimmers im Gasthof Krone dröhnen Laubbläser. Zwei städtische Angestellter gehen auf dem Kopfsteinpflaster auf und ab und machen einen gewaltigen Lärm, und wenn sie sich wieder einmal gegenseitig auf die Füsse treten, grinsen sie sich ostentativ dämlich an, damit auch jeder ihre sadistische Freude bemerkt, morgens um sieben Uhr Markdorf zu wecken. Eymann dreht sich verärgert im Bett. Dumelin tigert am Fenster hin und her und überlegt sich, ob er gegen den Krach anschreien oder Wasser auf die beiden Männer schütten soll. Doch plötzlich ist Ruhe – und wir verschlafen.
Auf einem kurzen Streifzug drei Stunden später versöhnen wir uns mit dem malerischen Landstädtchen. Eymann packt die Gelegenheit und kauft sich in einem Optikergeschäft die billigste Sonnenbrille des Sortiments. Denn am Vortag kämpfte er mit Mücken, die ihm ständig ins Auge flogen – bevor ihm spätabends kurz vor Markdorf auch noch das Benzin ausging.
Darum müssen wir vor der heutigen Fahrt tanken. Dumelin fragt schon mal nach Zweitaktergemisch. «Nö, ha mer it», sagt die dicke Frau an der Kasse. «Die Tanksäule ist vor Jahren kaputt gegangen, eine neue gibt’s nicht mehr. Wer fährt denn noch Mofa!» Wir müssen eine Zweiliterflasche mit Öl kaufen (was den Ölbedarf unserer Töffli fürs ganze Jahrhundert deckt) und mischen im Verhältnis 1:50 eben selbst, was das Ciao und das Puch-Maxi brauchen.
Nach wenigen hundert Metern geht Markdorfs letzte Quartierstrasse in einen Feldweg über. Fast eine Stunde lang rösten wir durch die Idylle: An uns ziehen Getreidefelder, schmucke Weiler, hübsche Bäche und Kühe vorbei, die uns dumm nachblicken. Ja, wir rösten – was für ein Wort! Nichts umschreibt unser Gefühl besser: der heiss gelaufene Motor, das gleichförmige Knattern, die konstante Geschwindigkeit, die Freude an der Fortbewegung. Von der Monotonie eingelullt, denken wir an die Weltmeisterschaften in Südafrika – und an die Vuvuzelas, die auf ewig zu dröhnen schienen. Unsere Töfflis sind unsere Vuvuzelas, einfach tausendfach tollere.
Nach der Ortschaft Salem treffen wir auf ein Schild, auf dem «Affenberg» geschrieben steht. Das erregt Eymanns Aufmerksamkeit. 30 Minuten später freut sich auch Dumelin auf die Affen, als er erfährt, dass er sie mit Popcorn füttern darf – aber nur, wenn sie artig darum bitten und auf der Abschrankung des Rundwegs sitzen.
Dumelin: Weshalb pissen Affen eigentlich nie? Kühe auf der Weide sieht man immer pissen.
Eymann: Aber sie pissen doch, schau mal hoch! (Just in diesem Moment uriniert ein Affe, der auf einem Ast über dem Gehweg sitzt.)
Dumelin: Sausiech.
Eymann: Denkst du, die Affen haben unter sich einen Rousseauschen Gesellschaftsvertrag geschlossen?
Dumelin: Hä?
Nach einem harten Aufstieg folgt diese Tafel: «Kurort – bitte langsam und ruhig fahren.» Mit Dumelin und Eymann rechnet hier also niemand. Wir rösten mit unverminderter Lautstärke zum Postplatz. Der Luftkurort Heiligenberg wirbt mit dem Slogan «Sonne über’m Bodensee» und dem Schloss der Fürsten zu Fürstenberg, wo Mülltonnen vor der Eisenpforte stehen. Das ist uns sehr egal. Wir haben beim Freibad eine Minigolfanlage entdeckt! Bis kurz vor Schluss führt Dumelin, doch auf unerklärliche Weise erringt Eymann nach dem Zusammenzählen der Schläge am Ende einen Papiersieg, den er selbst mit Erstaunen quittiert. Nicht nur davon muss sich Dumelin erholen, sondern auch vom matschigen Schnitzel im Restaurant danach – und von den Pommes, die beinahe bis zur Transparenz durchfrittiert waren.
In Aach-Linz platzen wir mitten in ein Dorffest, das die lokalen Vereine veranstalten. Auf der Wiese prügeln sich zwei Buben, daneben dreht sich ein Kinderkarussell, und drinnen im Festzelt, wo das Bier fliesst, versucht das Unterhaltungsduo Franz und Peter erfolglos, das Publikum in Wallung zu versetzen. Naja – das Fest dauert halt bereits zwei Tage an, die Abbruchstimmung ist spürbar. So setzen wir den Bogen um den Überlingersee fort. Seltsam vertraut klingen die Weiler im völlig fremden Gebiet: Kleinstadelhofen, Wintersulgen, Grosstadelhofen. Und als nach Ruhestetten (das uns kein Refugium bietet) die Sonne als Feuerball am Horizont verglimmt, fühlen wir uns wie Cowboys in der Prärie.
Das Nachtlager schlagen wir erst in Stockach auf. Hermann, Wirt im Gasthaus Bohl, rundet mit seiner Plauderei den Abend ab. Zwei seiner ungezählten Aussagen bleiben hängen. Die erste: «Ich mag die Schweiz generell wegen ihrer Qualitätsstandards in der Gastronomie. Bei uns kannst du schlafen und zugleich das Wirtepatent holen.» Die zweite: «Ich fahre zu gerne an jede Stuttgarter Oldie-Night.» Wir verstehen ihn: Nostalgiefahrten sind toll.
Erschöpft fällt Eymann ins Bett. Als Dumelin ihn so betrachtet, fallen ihm die roten Arme auf. «Du bist ja völlig durchgeröstet», sagt Dumelin. «Dito», sagt Eymann und zeigt auf Dumelins verbrannte Beine. «Schreib mal Sonnencreme auf die Einkaufsliste.» (ThurgauerZeitung)
Erstellt: 30.07.2010, 17:34 Uhr
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