Mampf und Krämpfe mit Bologna
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Die Besetzung hat sie kalt gelassen
Basel – Seit vergangenem Mittwoch war die Aula der Universität Basel von Studenten besetzt. Seit gestern ist sie nun wieder freigegeben. Transparente mit Forderungen hingen in den Korridoren. Ein Verpflegungszelt, ein Medienzentrum und ein kleines Café wurden für die Öffentlichkeit eingerichtet. Die Universitätsleitung begann mit Repression: die Heizung in der Aula wurde abgestellt, dafür brannte das Licht auch nachts, um Schlaf zu erschweren. Die übrigen Studenten reagierten überwiegend gelassen, teils interessiert. Die Mobilisierung hingegen harzte.
Die Thurgauer Studenten in Basel hatten von der Aktion nur wenig mitbekommen und zweifeln an deren Sinn. Germanistikstudentin Lisa Kjer aus Weiningen versteht die Kritik der Besetzer am Bologna-System, hält dessen Abschaffung aber für utopisch. Die Forderung, die Studiengebühr aufzuheben und die «Privatisierung» der Hochschule zu stoppen unterstützt sie. Zu bemängeln bleibe allerdings trotzdem die Ausführung und das Konzept der Aktion. Thomas Meuli (ebenfalls aus Weiningen), der Geowissenschaften studiert, fände einen gesunden Dialog wirksamer als die Besetzung der Uni. Obwohl auch ihn die Bürokratie des Bologna-Systems manchmal nerve, sei er zudem zufrieden mit seinem Studium. So geht es auch Ursina Heim, Jusstudentin aus Bottighofen. «Die Kommunikation war dürftig: Die Studierenden hatten erst nicht mitgekriegt, was los war, und auch jetzt bleiben die Forderungen unklar», meint sie. Etwas hätten die Protestierenden allerdings erreicht: Aufmerksamkeit.
BERNHARD EYMANN
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Zürich – Seit Langem haben europaweit nicht mehr so viele Studenten aufgemuckt. Die Proteste, die an der Universität Wien begonnen haben, schwappen auch in Schweizer Städte wie Basel (siehe Box) oder Zürich über. Studenten wollen in der Limmatstadt seit Dienstag unter anderem gegen die «Zumutungen» der Bologna-Reform vorgehen – und stellen ihre provisorische Küche unter das Motto «Ohne Mampf kein Kampf».
Versuchskaninchen
Die Frauenfelderin Cornelia Hagist, die Germanistik an der Uni Zürich studiert, versteht den Unmut über Bologna. «Die Unis befänden sich in Umstrukturierungsphasen. Da fühlt sich manch einer angesichts immer wieder neuer Änderungen als Versuchskaninchen.» Merkwürdig findet sie, dass Bologna mehr Leistung von den Studenten fordert, während das Umfeld unverändert bleibt. «Gerade die Dozenten hängen oft am alten System.» Am Protest wird sie sich aber nicht beteiligen. Genau wie Eva Francis. Die Müllheimerin absolviert den Studiengang «Übersetzen» an der ZHAW in Winterthur. An ihrer Hochschule werden, wie sie betont, vielen Studenten die Gebühren von den Eltern bezahlt. Ausserdem fände der Unterricht oft in kleinen Klassen statt.
Verbesserungspotenzial ortet der Uesslinger Geschichtsstudent Jakob Oelkers bei den eingeschränkten Möglichkeiten, Nebenjobs nachzugehen, und beim Workload (Arbeit pro Kreditpunkt), der zwischen einzelnen Instituten variiert. «Aber wir müssen ehrlich sein: Die Geisteswissenschaftler beklagen sich am lautesten», stellt er fest. «Denn mit Bologna mussten sie sich plötzlich Gedanken über Leistung machen.»
Europäischer Prozess
Seit zehn Jahren entfacht die Bologna-Reform bildungspolitische Diskussionen. So schreibt der Zürcher Historiker Bernd Roeck, dass gerade die stark formalisierten Studiengänge die Faulen zum Fleiss zwingen, während experimentierende Naturen die Verlierer seien. Für den Kulturwissenschafter Matthias Marschik, der in Wien und Zürich lehrt, sind die Debatten um Numerus clausus, Platzverhältnisse und Studiengebühren nur Symptome einer Politik, die sich in Verschulung, Studieneffizenz, Berufsorientierung, Ausbildungsoptimierung und Qualitätssteigerung niederschlägt. Bologna ist ein europäischer Prozess, und deshalb ist es für Marschik legitim, dass auch Schweizer Studenten darüber nachdenken sollen, was das Recht auf Bildung umfasst, wer Bildung definiert und wie sie aussehen soll. Genau jene demokratischen Strukturen, die bei den aktuellen Protesten wichtig sind, seien vergessen gegangen. So haben in Wien Gremien mit studentischer Beteiligung höchstens noch beratende Funktion.
Für die Thurgauer Jungfreisinnige Brenda Mäder bestehen aber genug Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel im Studentenparlament an der Uni St. Gallen, wo sie Betriebswirtschaft studiert. Ihr Fach, sowie Jus oder Internationale Beziehungen, mache Bologna flexibler: sowohl in Bezug aufs individuelle Studientempo als auch punkto Austauschaufenthalte. Auch laut Daniel Fuchs (Frauenfeld), der an der ETH Architektur studiert, sind Auslandsemester dank Bologna einfacher geworden. Sonst habe die Reform das Architekturstudium aber kaum verändert. Anlass zum Demonstrieren sieht er keinen. Auf die Barrikaden würde er erst steigen, wenn die ETH nicht mehr genug Infrastruktur bereitstellt. «Dieses Problem wird sich 2010 durch zu viele zugelassene Studenten verschärfen.» (ThurgauerZeitung)
Erstellt: 19.11.2009, 16:48 Uhr
Thurgau
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